Briefpaket aus einem Postsack der Concordia, addressiert nach Bremen, Buntenthor © Images reproduced by permission of The National Archives, London, England Foto: Maria Cardamone

Prize Papers: Geschrieben, nie angekommen

Stand: 22.10.2021 17:38 Uhr

Zeilen, die seit dreihundert Jahre niemand mehr gelesen hat: Die Prize Papers sind ein Schatz – nicht aus Gold, sondern aus Papier. Die Schriftstücke sind Momentaufnahmen, die die Tür in eine ferne Zeit öffnen.

von Petra Volquardsen

Tausende Schriftstücke von Schiffen, die im 17. und 18. Jahrhundert von den Engländern gekapert wurden, liegen bis heute im Britischen Nationalarchiv in London. Neben Briefen oder Logbüchern gehört auch ganz Alltägliches dazu: Notizen, Geldüberweisungen, Einkaufslisten oder Kinderzeichnungen.

Eine Reise in die Vergangenheit

Das Team des Prize Papers Projekts an der Universität in Oldenburg © Prize Papers Project Foto: Universität Oldenburg/Daniel Schmidt
Sie kümmern sich um die wissenschaftliche Aufarbeitung der alten Schriftstücke: Das Team des Prize Papers-Projekts an der Universität in Oldenburg.

Durch die Schriftstücke blicken wir direkt in die Geschichte. "Das ist wie eine Zeitkapsel", sagt die Prize Papers Projektleiterin, Dagmar Freist von der Universität Oldenburg: "Der Zeitraum ist ungefähr 1650 bis 1815. Wir reden von ungefähr 35.000 Schiffskaperungen. Wir haben etwa 4800 Boxen, die vollgepresst sind mit Dokumenten."

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Prize Papers-Team sind zurzeit damit beschäftigt, den Bestand zu sichten und zu digitalisieren. Sie öffnen Boxen und finden Briefe, aus denen noch der Löschsand rieselt.

Kapern als Mittel der Kriegsführung

"Kapern", erklärt Dagmar Freist, "das darf man sich nicht vorstellen wie im Piratenfilm, mit Säbelrasseln und Papagei auf der Schulter. Das war ein gesitteter Vorgang, ein protokollarischer, meist unblutiger Akt zwischen Kriegsparteien." Ob eine Kaperung rechtmäßig war, wurde anschließend vor Gericht geklärt. Deshalb wurden alle Schriftstücke an Bord beschlagnahmt und als Beweismittel nach London geschickt.

Die Dokumente der Prize Papers nehmen uns mit in die Vergangenheit. Sie ermöglichen uns, ganz unterschiedliche Menschen zu treffen, geben uns einen Eindruck von ihrem Alltag.

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Typisches geöffnetes Briefpaket mit einliegenden Briefen. © Prize Papers Project © Images reproduced by permission of The National Archives, London, England. Foto: Maria Cardamone

Hamburger Hafenkonzert: Prize Papers - Briefe aus der Vergangenheit

Geschrieben und nie angekommen: Im Hamburger Hafenkonzert geht es dieses Mal um Briefe, die von gekaperten Schiffen stammen. mehr

Briefe, die nie ankamen

Ein junger Musiker schreibt aus der Karibik an seinen Vater: "Die Früchte dieses Landes sind die Bananen, eine sehr süße Frucht in der Form eines großen Etuis."

Die Hafenkonzert-Reporter Petra Volquardsen und Peter Helling zusammen mit den Ohnsorg-Schauspielern Meike Meiners und Oskar Ketelhut. © Inge Wenck Foto: Inge Wenck
Sie leihen den Briefen aus der Vergangenheit ihre Stimme: die Ohnsorg Schauspieler Meike Meiners und Oskar Ketelhut im NDR 90,3 Produktionsstudio. Rechts: Hafenkonzert Reporter Petra Volquardsen und Peter Helling.

Der junge Hamburger Kaufmann Nicolaus Gottlieb Lütkens baut sich sein Handelsnetz in Frankreich auf und schreibt im Februar 1745: "Ich glaube nicht das vor Johanny will in Hamburg werde sein, meine liebe Lischen mach sich gedulden."

Einblick in den Bordalltag

Der Historiker Lucas Haasis aus dem Prize Papers Team hat einen ganz besonderen Schatz gehoben: Die komplette Dokumenten-Sammlung des Bremer Schiffes "Concordia", Schriftstücke, die uns einen Eindruck vom Bordalltag im 18. Jahrhundert geben. "Ein besonders bewegendes Dokument", sagt Haasis, "ist das Übungsheft des Matrosen Johan Pohl." Der Matrose lernt auf der "Concordia" das Schreiben. Weil er bei der Taufe seiner Tochter nicht dabei sein kann, will er ihr ein handgeschriebenes Taufgedicht schicken. Bei Kerzenschein übt er erst einzelne Buchstaben und dann erste Zeilen.

Typisches geöffnetes Briefpaket mit einliegenden Briefen. © Prize Papers Project © Images reproduced by permission of The National Archives, London, England. Foto: Maria Cardamone
AUDIO: Hamburger Hafenkonzert: Prize Papers - Briefe aus der Vergangenheit (49 Min)

Neue Perspektiven

Die Historikerin Annika Raapke beschäftigt sich im Rahmen des Prize Papers Projekts mit Briefen, die Frauen geschrieben haben. So schreibt eine Händlerin in der Karibik, wie sie sich mit ihren Kolleginnen die Arbeit aufteilt: "Marianne führt Buch über Kattunstoffe, Kattuntaschentücher und andere ähnliche Artikel, und ich über die Metallwaren. Dies sorgt dafür, dass alles besser geht und dass wir die Arbeit teilen, die für eine Person zu umfangreich geworden ist." Die Prize Papers, erklärt Annika Raapke, zeigen uns, wie aktiv auch Frauen damals waren. "Im Grunde ist es immer witzig, dass wir darüber so erstaunt sind.“

Die Prize Papers beleuchten auch die dunklen Seiten der Vergangenheit: Plantagenbesitzer, Händler, sogar Missionarinnen besitzen ohne Skrupel Menschen, die bei Kaperungen wie Waren behandelt werden.

Viel Stoff für Forscherinnen und Forscher

Der Dokumentenschatz der Prize Papers wird die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch lange beschäftigen. Das Projekt ist auf 20 Jahre angelegt. Künftig soll es möglich sein, digital im Internet nach Dokumenten zu suchen und die Schiffsreisen nachzuvollziehen. Dafür wird gerade das Prize Papers-Portal aufgebaut, das alle Interessierten, vor allem aber Forscherinnen und Forscher aus aller Welt nutzen können, sagt Projektleiterin Dagmar Freist: "Medizin, Klima, rechtliche Fragen. Wir haben hier ein unglaubliches Bündel an Themen, die man erforschen kann."

 

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Container-Terminal Altenwerder im Hamburger Hafen © picture-alliance / dpa Foto: Soeren Stache

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