Hamburger Hafenkonzert

Legende unter weißen Segeln - 90 Jahre "Sea Cloud"

Sonntag, 18. April 2021, 19:00 bis 21:00 Uhr

Kaum ein Segelschiff hat eine so bewegte und lange Geschichte wie die "Sea Cloud". Im Gegensatz zu fast allen anderen Großseglern der zwanziger und frühen dreißiger Jahre hat die Viermastbark die Stürme der Zeit überstanden und fährt in ihrem 7. Leben heute immer noch als Luxus-Kreuzfahrer auf den Weltmeeren. Im Hamburger Hafenkonzert nimmt Sie Kerstin von Stürmer mit auf eine Reise in die Vergangenheit des Schiffes.

Die 7 Leben der "Sea Cloud"

Marjorie Merriweather Post und Edward Francis Hutton, erste Besitzer der "Sea Cloud" © Sea Cloud Cruises
Marjorie Merriweather Post und Edward Francis Hutton, die Auftraggeber und ersten Eigentümer der "Sea Cloud"

Begonnen hat die Geschichte der Yacht Ende der zwanziger Jahre in den USA: Marjorie Merriweather Post, Tochter und Erbin des Lebensmittel-Produzenten Charles William Post und damit steinreich, hatte ihren zweiten Ehemann, den Börsenmakler Edward F. Hutton, geheiratet. Man brauchte eine Yacht, um zu repräsentieren und um Urlaub zu machen. Ein Schiff sollte es sein, das etwas hermachte, mit dem man zeigen konnte, wer man war und was man hatte: Schließlich hatten die amerikanischen Familien dieser Zeit, so wie z.B. die Vanderbilts oder die Bennets, bereits mit prächtigen Schiffen auf sich aufmerksam gemacht. Das Schiff der Huttons sollte mindestens genauso groß und teuer sein, wie die der Millionärskollegen, besser noch eine Nummer größer und nobler, erkannte Marjorie. Sie ordnete an, nicht einfach eine Bark, also ein Segelschiff mit drei Masten, sondern gleich eine Viermastbark bauen zu lassen.

Als "Hussar" in Kiel gebaut

Die "Sea Cloud" in den 1930er Jahren mit schwarzem Rumpf und vollen Segeln auf dem Meer © Sea Cloud Cruises
Ursprünglich hieß die "Sea Cloud" wie alle vier vorherigen Segelyachten von Edward Francis Hutton "Hussar" und hatte einen schwarzen Rumpf.

Die Amerikaner setzten dabei auf gute deutsche Wertarbeit und vertrauten die vom amerikanischen Konstruktionsbüro Cox & Stephan entworfenen Pläne der Germania Werft in Kiel an. Hier rutsche die "Hussar" -  wie das Schiff getauft werden sollte – 1931 vom Helgen. Am 30. November 1931 konnte Edward Hutton seiner extravaganten Marjorie schließlich das voll ausgerüstete fertig Schiff präsentieren. In Florida.

Eine Urlaubsyacht als Unterschlupf

Marjorie Merriweather Post und ihre Tochter Deenie mit einer Riesenschildkröte an Deck der "Sea Cloud" © Sea Cloud Cruises
Marjorie Merriweather Post und ihre Tochter Deenie mit einer Riesenschildkröte an Deck der "Sea Cloud"

Ein Jahr später erschütterte eine Entführung Amerika und die Welt. Das Baby des Atlantic-Fliegers Charles Lindbergh wurde gekidnappt und schließlich ermordet. Viele reiche Ostküsten-Familien fürchteten um ihr Leben und vor allem um die Sicherheit ihrer Kinder. Aus der Urlaubsyacht der Familie Hutton-Post wurde nun der Hauptwohnsitz, ein fahrender Unterschlupf vor allem für die 12jährige Tochter Nedenia, genannt Deenie. Sie hat später unter dem Künstlernamen Dina Merryll in Hollywood als Schauspielerin Karriere gemacht. Hauptfahrtgebiet für die Hussar war die Karibik – dort verbrachte die Familie unbeschwerte Monate. Der karibische Traum endete jäh, als die Ehe zwischen Majorie und Edward zerbrach. Schuld daran waren wohl Edwards Untreue und die sehr unterschiedlichen politischen Überzeugungen: Majorie war dem konservativen Hutton deutlich zu liberal.

Neue Ehe – neuer Name: Sea Cloud

Eine luxuriös ausgestattete Kabine auf der "Sea Cloud" © Sea Cloud Cruises
Eine der luxuriös ausgestatteten Kabinen der "Sea Cloud"

Nicht lang nach Ehemann Nummer 2 folgte Ehemann Nummer 3: Marjorie heiratete ihren alten Freund, den Anwalt Joseph E. Davies. Davies war Mitglied der Demokratischen Partei mit Beziehungen ins Weiße Haus. Er war korrekt und monogam – Eigenschaften, die sich bezahlt machen sollten: Präsident Roosevelt schickte Davies als Botschafter nach Moskau – natürlich mit Frau.  Majorie plante jedoch zuvor eine ausgedehnte Hochzeitsreise auf ihrer Yacht, in der sie mit Akribie jegliche Spuren ihres verflossenen zu beseitigen suchte. Aus der schwarzen Hussar wurde die weiß gepönte Sea Cloud. Die Inneneinrichtung wurde zum Teil erneuert, sie ließ das Silber neu gravieren und die Handtücher austauschen. Geld spielte keine Rolle. Nach erneuten Flitterwochen in der Karibik war 1. klar: der Gatte Joe war nicht seefest und 2.: die Sea Cloud musste mit nach Russland. In Leningrad diente das Schiff Marjorie nicht nur als ein Stückchen Heimat, sondern auch als repräsentativer Treffpunkt und dem Botschafter auch als inoffizielle abhörsichere Dependance.

Die Lage spitzt sich zu

Als sich Ende der 30er Jahre die Lage in Europa zuspitzte, wurde Davies nach Belgien versetzt. Der Krieg war nah. Als der Krieg Europa überrollte, zog es Marjorie nebst ihres Schiffes wieder in die Heimat. Doch die Freude an ihrem Lieblingsspielzeug war ihr offenbar vergangen: die Segelreviere in Europa waren tabu und mit einem möglichen Kriegseintritt der USA blieben voraussichtlich auch die karibischen Gewässer geschlossen. Vielleicht waren es aber auch nur die teuren Unterhaltskosten, die Marjorie veranlassten, 1941 das Schiff zum Verkauf anzubieten. Private Käfer fanden sich nicht, aber die Coast Guard hatte Bedarf an Schiffen jeglicher Art. So machte die Millionärin aus der Not eine Tugend und vercharterte die Sea Cloud für einen symbolischen Dollar jährlich an die Regierung.

Die Yacht im Krieg:  WPG 284

Die "Sea Cloud" während des Zweiten Weltkriegs als Küstenwachenschiff ohne Masten © Sea Cloud Cruises
Während des Zweiten Weltkrieges stellte Marjorie Merriweather Post die "Sea Cloud" der amerikanischen Küstenwache zur Verfügung. Es war das erste Schiff der US Navy, das von afro-amerikanischen Offizieren geführt wurde.

Aus dem Traumschiff Sea Cloud wurde nun WPG 284. Das Schiff verlor seine Masten, die Inneneinrichtung und Anstrich. Zudem installierte die Marine Sonar- und Radaranlagen und Wasserbombenwerfer. Die neuen Aufgaben für das Schiff mit dem Marinecode IX 99 hießen: Wetterbeobachtung und U-Boot-Jagd im Atlantic.  Wie wichtig diese Rolle war, zeigen Eisenhowers Einsatzpläne für den D-Day, die Invasion der Alliierten in der Normandie. Eisenhower brauchte verlässliche Wetterdaten mit wenigen Stunden Vorlaufzeit: Die IX99 funkte diese – sie waren zunächst zu schlecht und der amerikanische Präsident blies den Einsatz vom 5. Juni auf einen Tag später. Für IX 99 war der Krieg Ende des Jahres 1944 zuende. Nach Deinstallation der Waffensysteme bekam John Davis das Schiff zurück - grau und zerbeult. Von der weißen stolzen Sea Cloud war kaum noch etwas übrig. Der Krieg war zu Ende und die Sea Cloud gab es noch. Viele amerikanische Luxusyachten hatten dieses Glück nicht, so war die Sea Cloud tatsächlich eine der letzten Überlebenden ihrer Art. Marjorie war herausgefordert, sie wollte aus dem Marine-Schiff wieder ihre Yacht machen.

Die "Sea Cloud" mit dunklem Rumpf in den 1940er Jahren © Sea Cloud Cruises
Die "Sea Cloud" mit dunklem Rumpf in den 1940er Jahren

Notdürftig hergerichtet und noch ohne Takelage lief das Schiff am 4. Juli 1946 Richtung Havanna aus. Ein Jahr später ließ sie die Takelage erneuern, aber erst 1949 hatte die Sea Cloud wieder Segel. Die Wiederherrichtung des Schiffes kostete drei Millionen Dollar. Auch der Radius war begrenzt – Europa lag in Trümmern. So beschränkte sich die eigenwillige Eignerin auf die Gewässer rund um die US-Küste – zum Wohlgefallen ihres Mannes: Mr. Davies lief immer noch grün an, während Tochter Deenie das Leben an Bord wieder zu genießen begann. Für sie war Seekrankheit kein Problem.

JP Morgan hatte einmal gesagt:

 „Wenn Du erst darüber nachdenken musst, ob du Dir eine Yacht leisten kannst oder nicht, dann kannst du sie dir nicht leisten!“

Marjorie beschloss: Die Yacht muss weg.

"Angelita"

Die "Blaue Lagune" der Sea Cloud auf dem Achterdeck. © www.seacloud.com Foto: Sea Cloud
Viel Platz zum Feiern - auf und unter Deck: der Sohn des Diktators Rafael Leonidas Trujillo machte aus der "Sea Cloud" in den 50er Jahren ein Partyschiff.

Einen Käufer hatte sie schnell gefunden: Rafael Leonidas Trujillo, den durch einen Putsch an die Macht gekommenen Diktator der Dominikanischen Republik. Er machte aus der Sea Cloud die „Angelita“ und schenkte die Yacht schließlich seinem Sohn, der daraus ein Partyschiff machte. Floating funhouse nannte die Skandalpresse die inzwischen am Pier von Santa Monica vertäute „Angelita“. Der Lebenswandel seines missratenen Sohnes war selbst dem Diktator zuviel. Trujillo beorderte ihn samt Schiff in die Heimat. Dort waren die Tage des Diktators gezählt: 1961 wurde er erschossen. Die Machtübernahme seines Sohnes dauerte nur wenige Tage. Als der sich mit der Angelita absetzen wollte, hielten ihn die neuen Machthaber auf. Das Ende der Trujillos war zugleich das Ende der Angelita.

"Patria"

 Ab sofort hieß das Schiff Patria und dümpelte und verfiel unter tropischer Sonne. Sieben Jahre sollte es dauern bis sich jemand für die „Patria“ interessierte. So fand die Regierung einen neuen Eigner: den Geschäftsmann Clifford Barbour. Der wollte aus dem heruntergekommenen Schiff eine exklusive Yacht machen, scheiterte jedoch an den US- amerikanischen Steuerbehörden. Ein Gericht legte die Yacht, die nun den Namen „Antarna“ trug, an die Kette.

"Antarna"

Man musste schon ziemlich naiv oder endlos reich sein, um sich dieses Schiffes anzunehmen. Eine junge Dame, eher naiv als reich, versuchte sich daran. Gemeinsam mit ihrem Ehemann sammelte Stefanie Gallagher Geld für ihr Projekt – eine Schule unter Segeln.  Sie wollte die Steuerschulden Barbours bezahlen, als Gegenzug sollte er ihr das Schiff günstig überlassen. Ohne einen Vertrag mit dem Eigner zu machen, stachen sie in See.  Barbour verfolgte sie in sämtliche Häfen. In Panama schließlich strichen sie die Segel – unter dem Druck von Behörden und Polizei gaben die Gallaghers auf. Die „Antarna“ blieb dort und gammelte vor sich hin. Acht Jahre lang lag das Schiff in Colon an der östlichen Einfahrt des Panama Kanals – bis Rettung nahte. Kapitän Hartmut Paschburg hatte den Liegeplatz der Yacht ausfindig gemacht und eine Gruppe von Hamburger Reedern und Kaufleuten überzeugt, das Schiff zu retten. Die „Antarna“, die immer noch Clifford Barbour gehörte, wechselte nun offiziell den Besitzer. In einer waghalsigen Aktion segelte Paschburg gemeinsam mit einer Freiwilligen-Crew das notdürftig instandgesetzte Schiff über den Atlantic.

"Sea Cloud"

Die "Sea Cloud" beim Windjammertreffen 1980 in Kiel © Stadtarchiv Kiel Foto: Georg Gasch
Die "Sea Cloud" beim Windjammertreffen 1980 in Kiel

Drei Wochen später, am 15. November 1978, erreichte die Yacht die Elbmündung und in Hamburg gab es einen begeisterten Empfang. Tausende waren auf den Beinen und wollten das Schiff besichtigen. Die überschäumende Begeisterung hatte auch Nachteile, wie sich ein Zeitzeuge erinnert: Marjorie Posts vielgerühmte goldene Wasserhähne hatten 8 Jahre Panama überlebt, sie waren auch noch dran, als die Sea Cloud in HH einlief. Aber eine Viertelstunde nach dem Festmachen fehlte der erste!

Paschburg ließ die Sea Cloud umbauen, ließ sie fit machen für 67 Passagiere. Zwei Container wurden auf Deck gesetzt, das Schiff rundherum überholt. 1994 gab es dann noch einmal einen Eignerwechsel. Die Reeder Hermann Ebel und Harald Block übernahmen das Schiff, modernisierten noch einmal und brachten den Charme der 30er Jahre wieder zum Vorschein. Marjorie Merriweather Post hat dies nicht mehr erlebt, wohl aber ihre Tochter. Sie charterte einmal im Jahr die Sea Cloud für sich und ihre Freunde. Heute fährt die Yacht immer noch über die Weltmeere: mit maximal 67 Passagiere und 60 Crewmitgliedern.

Die "Sea Cloud" bei der Auslaufparade des Hafengeburtstags 2011 in Hamburg. © dpa-Bildfunk Foto: Malte Christians
Die "Sea Cloud" bei der Auslaufparade des Hafengeburtstags 2011 in Hamburg.

109,50 Länge, dazu 30 Segel mit einer Fläche von insgesamt 3.000 Quadratmetern – das sind die nüchternen Zahlen für einen weißen Traum, dem sich die Menschen an Bord nicht entziehen können.

 

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Container-Terminal Altenwerder im Hamburger Hafen © picture-alliance / dpa Foto: Soeren Stache

Hamburger Hafenkonzert - Sonntag bei NDR 90,3

Hören Sie die älteste Radiosendung der Welt auf NDR 90,3. Das erste Hamburger Hafenkonzert wurde 1929 ausgestrahlt. mehr

Kerstin von Stürmer im Studio von NDR 90,3 © NDR Foto: Marco Peter

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Das erste Hamburger Hafenkonzert wurde 1929 ausgestrahlt. Es läuft sonntags um 6 und 19 Uhr bei NDR 90,3. Bildergalerie

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