Stand: 05.03.2018 18:09 Uhr

Tennisbaron von Cramm: Triumph des Charakters

von Bettina Lenner, NDR.de
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Leichtfüßig und geschmeidig: Gottfried von Cramm.

Doch der wenig linientreue Aristokrat, der beharrlich den Beitritt in die NSDAP verweigert, ist schon längst ins Visier der Gestapo gerückt. Einen Sieger, so hofft der als Freidenker geltende Freiherr, lässt das Regime vielleicht in Ruhe. Seinem Kapitän Bill Tilden, der seinem erschöpften Schützling eine halbjährige Pause nahelegt, erklärt er: "Du verstehst das nicht, Bill. Ich spiele um mein Leben. Die Nazis wissen, was ich von ihnen halte. Sie werden mich in Frieden lassen, solange ich die deutsche Nummer eins bin und gewinne.*"

Verhaftung am 5. März 1938

Im entscheidenden Spiel gegen die USA unterliegt von Cramm, der bei Fehlentscheidungen des Schiedsrichters nie auch nur das leiseste Anzeichen von Widerspruch zeigt und falsche Entscheidungen zu Gunsten des Gegners korrigiert, dem Weltranglisten-Ersten Budge mit 8:6, 7:5, 4:6, 2:6, 6:8. Die Partie geht als eines der besten Tennismatches in die Geschichte ein, und dem kultivierten Tennis-Ästheten mit formvollendeter Etikette droht trotz der Niederlage zunächst kein weiteres Ungemach: Er geht mit anderen Spitzensportlern auf eine siebenmonatige Weltreise, spielt in den USA, Japan, Indonesien und Australien.

Gottfried Freiherr von Cramm 1952 bei einem Davis-Cup-Match © picture-alliance / dpa

Interview mit Gottfried von Cramm

Gottfried von Cramm wird 1948 zum Sportler des Jahres gewählt. Der Tennisbaron ist "von Herzen dankbar", hätte selbst den Preis jedoch an einen anderen Athleten vergeben.

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Auf der Tour, wo er den nationalsozialistischen Sport und Standpunkt keineswegs im Sinne des Regimes vertritt, bringt er das Fass endgültig zum Überlaufen: Bei einer Rede in Japan lässt er sich zu keinem Hoch auf die nationalsozialistische Bewegung und keinem Dank an Hitler hinreißen. In Australien sieht er die Verfilmung des in Deutschland verbotenen Antikriegsromans "Der Weg zurück" von Erich Maria Remarque, sorgt damit für Schlagzeilen. Die Nazis toben - und reagieren: Einen Tag nach seiner Rückkehr, am 5. März 1938, wird er auf dem elterlichen Schloss Brüggen in Niedersachsen verhaftet.

Vorwurf: Verstoß gegen den Paragrafen 175

Wie schon im Gestapoverhör ein Jahr zuvor lautet der Vorwurf auf Verstoß gegen den Paragrafen 175. Von Cramm soll eine homosexuelle Beziehung zu dem jüdischen Schauspieler Manasse Herbst unterhalten und ihm zudem durch finanzielle Unterstützung die Flucht aus Deutschland ermöglicht haben. Bei einem - offenkundigen - Schauprozess wird er zu einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt. Eine denkbare Homo- oder Bisexualität bestätigt von Cramm nie. Nach sieben Monaten Haft kommt er im Oktober 1938 wieder frei, offiziell wegen guter Führung. Doch die Bemühungen von Sportkollegen und Freunden wie Budge, die Unterschriften sammeln, des schwedischen Königs Gustav V., der mit von Cramm häufiger im Doppel angetreten war, sowie der Familie haben wohl ihren Teil zur vorzeitigen Entlassung beigetragen.

Der Paragraf 175

Der § 175 des deutschen Strafgesetzbuches existierte vom 1. Januar 1872 bis zum 11. Juni 1994. Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe. 1935 verschärften die Nationalsozialisten den Paragrafen, unter anderem durch Anhebung der Höchststrafe von sechs Monaten auf fünf Jahre Gefängnis. Darüber hinaus wurde der Tatbestand von beischlafähnlichen auf sämtliche "unzüchtigen" Handlungen ausgeweitet: Eine gegenseitige Berührung war nicht mehr erforderlich. Diese Verschärfung zog eine Verzehnfachung der Zahl der Verurteilungen auf jährlich 8.000 nach sich. Allein zwischen 1937 und 1939 wurden fast 100.000 Männer in der geheimen "Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung" erfasst. Die Bundesrepublik Deutschland hielt zwei Jahrzehnte lang an den Fassungen des Paragrafen 175 aus der Zeit des Nationalsozialismus fest. Erst am 17. Mai 2002 wurden durch den Deutschen Bundestag alle in der Zeit vor 1945 wegen dieses Paragrafen verhängten Urteile für nichtig erklärt und Gottfried von Cramm damit posthum rehabilitiert.

* Quelle: "Ich spiele um mein Leben: Gottfried von Cramm und das beste Tennismatch aller Zeiten" von Marshall Jon Fisher, Osburg Verlag, ISBN 3940731315

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 14.08.2011 | 22:30 Uhr

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