"Ostfriesland gegen die DDR" - das etwas andere Länderspiel

Stand: 09.10.2021 17:59 Uhr

Nach der Wende "wilderten" die Bundesliga-Clubs in Dresden, Berlin oder Leipzig. Für Fußballer aus der DDR-Provinz interessierte sich kaum jemand. Die Amateurclubs Kickers Emden und SpVg Aurich nutzten das und holten unter anderem Steffen Baumgart und Jörg Heinrich nach Ostfriesland.

Es ist Länderspielzeit. Während in der WM-Qualifikation unter anderem Partien wie Finnland gegen die Ukraine oder Andorra gegen England angesetzt sind, erlebten 1.000 Zuschauer in Emden das Duell "Ostfriesland gegen die DDR". Unter diesem Namen hatte der Fußballfan Kai Schoolmann, der auch die deutsche Nationalmannschaft seit Jahren zu Länderspielen und großen Turnieren begleitet, ein Benefizspiel organisiert, das an eine abenteuerliche Geschichte aus der frühen Nachwende-Zeit erinnerte.

Torspektakel am Nordufer des Dollarts

Mehr als ein Dutzend Fußballer aus der DDR wechselten damals nach Ostfriesland. Die meisten von ihnen leben nach wie vor dort - als Steuerberater, Supermarktleiter oder Sportheim-Betreiber. Der Rostocker Baumgart ist mittlerweile Bundesliga-Trainer des 1. FC Köln, Heinrich kickte nach seiner Zeit in Emden erstklassig für den SC Freiburg, Borussia Dortmund, den AC Florenz und wurde Nationalspieler.

Nun trafen sie sich am Nordufer des Dollarts alle wieder. Auch der frühere BFC-Dynamo-Spieler Michael Schulz sowie langjährige Regionalliga-Nord-Größen wie Stephan Prause, Alexander Ukrow und Jörg Müller liefen für das "Team DDR" auf - und spielten gegen eine Auswahl gebürtiger Ostfriesen, zu denen unter anderem St.-Pauli-Coach Timo Schultz sowie die Ex-Zweitliga-Profis Frank Löning und Uwe Groothuis gehörten. Die Ostfriesen gewannen 9:4 (5:1).

"Das Gesamtpaket war attraktiv"

Baumgart wurde von der "Ostfriesen-Zeitung" gefragt, was ihn noch mit seiner Auricher Zeit von 1991 bis 1994 verbindet: "Das war meine erste Berührung mit dem Westen - auch wenn es Ostfriesland heißt. Es waren drei super Jahre", sagte er.

Aurich und Emden spielten zwar nur in der Verbandsliga Niedersachsen, hatten aber beide großen sportlichen Ehrgeiz und vor allem zahlungskräftige Förderer. "Das Gesamtpaket war attraktiv", erklärte Stephan Prause. Der 51-Jährige spielte zum Zeitpunkt des Mauerfalls für die Olympia-Auswahl der DDR und für den FC Vorwärts Frankfurt (Oder). Doch während das Sportsystem im Osten zusammenbrach, bot man ihm in Emden neben der Spielmacher-Rolle beim BSV Kickers auch einen Ausbildungsplatz und eine Wohnung. Und jedes Mal, wenn ein "Ossi" sich für Ostfriesland entschied, war das immer auch ein Argument für andere, ebenfalls den Sprung zu wagen.

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Baumgart arbeitete in Aurich als KFZ-Mechaniker im "Autohaus am Deich", der spätere Champions-League-Sieger Heinrich als Bürokaufmann für die Tankstellen-Kette des Emder Vereins-Bosses. "Natürlich hatte ich eigentlich andere Vorstellungen und wollte Profi werden", sagte Prause. So absolvierte er unter anderem ein Probetraining bei Hertha BSC, aber die nahmen lieber Mario Basler. "Am Ende habe ich das Angebot von Kickers angenommen. Es war ausschlaggebend, dass ich genau wusste: Da sind schon Spieler, die ich teilweise aus der Schule kannte. Auf den blauen Dunst wäre ich sicher nicht hier hochgegangen. Ostfriesland lag ja am anderen Ende der Republik."

Bessere Eingewöhnung dank sportlicher Erfolge

So standen in Aurich im 22-Mann-Kader der Saison 1991/1992 elf Kicker aus den neuen Bundesländern. Und in Emden brach mit top ausgebildeten Spielern wie Heinrich, Prause und Co. eine Fußball-Euphorie aus. 1991 stieg der Club in die drittklassige Oberliga auf. 1994 schaffte er es in die Aufstiegsrunde zur Zweiten Bundesliga, in der sich am Ende der FSV Frankfurt durchbiss. Kickers Emden - Eintracht Braunschweig 5:2. Kickers Emden - VfL Osnabrück 3:0. So gingen Spiele damals aus. Die sportlichen Erfolge erleichterten alles: die Eingewöhnung in einer neuen Welt und auch die Akzeptanz unter den Mitspielern.

Ostfriesland sehen - und bleiben

"Ostfriesen werden ja immer als stur und schwierig dargestellt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Emden war fußballbegeistert, wir wurden sehr warmherzig aufgenommen", erzählte Prause.

Baumgart machte später noch 225 Bundesliga-Spiele für Hansa Rostock, den VfL Wolfsburg und Energie Cottbus. In der Rückschau fragt sich Prause manchmal: Hätte er nach den ersten Jahren in Emden auch gehen sollen? Zu Hannover 96? Zum VfL Osnabrück? Doch er blieb - wie viele andere - Ostfriesland treu. Er baute ein Haus, seine Tochter kam zur Welt, er machte sich als Immobilienkaufmann und Hausverwalter selbstständig: "Bei mir war es nicht geplant, dass ich hier bleibe. Aber man fasst hier Fuß, man kann hier schön und entspannt leben. Irgendwas muss ja dran sein an Ostfriesland."

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