Ein Rollstuhl fährt auf eine Rampe.

Podcast Dorf Stadt Kreis: Menschen mit Behinderungen kaum berücksichtigt

Stand: 03.06.2021 12:00 Uhr

Schon in der ersten Corona-Welle hat es Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen besonders hart getroffen. Wer etwa in einem Wohnheim lebt, war faktisch von der Außenwelt isoliert. Und auch wenn es ums Impfen geht, blieben behinderte Menschen lange außen vor.

von Thomas Naedler

"Wenn an Menschen mit Behinderung gedacht wurde, dann aber vor allem auch in Behinderteneinrichtungen und in Werkstätten. Und so Personen wie ich, die mit Assistenz leben, zu Hause, in ihrer eigenen Wohnung, die kamen im Prinzip überhaupt nicht dabei vor, wie in der gesamten Pandemie wurden sie bei Schutzmaßnahmen wie Tests vergessen", sagt die Behindertenrechtsaktivistin Anne Gersdorff vom Berliner Verein Sozialhelden. Anne Gersdorff lebt mit einem Lungenvolumen von nur zwölf Prozent – sitzt im Rollstuhl und wird 24 Stunden am Tag in ihrer eigenen Wohnung von persönlichen Assistentinnen unterstützt. Abstand halten? Nur wenige Menschen treffen? Das war und ist für sie nicht möglich.

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Inklusion noch in weiter Ferne

2009 ist Deutschland der UN-Behindertenrechtskonvention beigetreten. In ihr ist festgeschrieben, dass behinderte Menschen die gleichen Chancen auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben haben sollen, wie alle anderen. Doch die Realität sieht immer noch anders aus: Allein in Mecklenburg-Vorpommern arbeiten rund 7000 Menschen in Behindertenwerkstätten. Ihr Lohn: 99 Euro Grundgehalt im Monat und dazu ein leistungsabhängiger Zuschlag von bis zu 350 Euro. Damit bleiben sie, trotz regelmäßiger Arbeit, auf Sozialhilfe angewiesen. "Das ist das Gegenteil von Inklusion", sagt Anne Gersdorff. Stattdessen müssten mehr behinderte Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt eine Beschäftigung finden. Doch dafür bedürfe es mehr Aufklärung – Prozesse zur Förderung behindertengerechter Arbeitsplätze müssten deutlich vereinfacht werden.

Leben im Wohnheim: Noch immer Standard für viele behinderte Menschen

Ein weiteres Problem, das noch nicht gelöst ist, ist der Mangel an barrierefreiem Wohnraum. Viele Menschen mit Behinderung könnten selbstbestimmt leben - so wie Anne Gersdorff. Die Bedingung dafür aber ist, dass es genug passende Wohnungen gibt. Schon 2017 hatte der Bürgerbeauftragte des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Matthias Crone, auf dieses Problem hingewiesen: "Im Zeitalter der Inklusion müssen wir Schluss machen mit halbherzigen Lösungen, die das Problem nur verschieben. Nachrüstungen sind teuer. Wir brauchen aber bezahlbaren barrierefreien Wohnraum."

Inklusive Schule? Noch immer nicht die Regel

Barrierefrei sind auch noch immer nur die wenigsten Schulen in Mecklenburg-Vorpommern. Das gilt auf der einen Seite für die Gebäude – auf der anderen ist aber auch der Unterricht vielerorts noch nicht so organisiert, dass behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam lernen können. Und wer versucht, die Strategie der Landesregierung zur Umsetzung der Inklusion im Bildungssystem zu lesen, trifft auf ein Dokument, dass nicht barrierefrei ist.

Erster barrierefreier Spielplatz in Schwerin soll mit Spenden finanziert werden

Behinderten Menschen in allen Bereichen des Lebens die gleichen Chancen zu ermöglichen, wie nicht behinderten Menschen, ist eigentlich eine Aufgabe des Staates. Ein Beispiel aus Schwerin aber zeigt, dass auch hier noch einiges im Argen liegt: so soll der erste zumindest halb öffentliche barrierefreie Spielplatz der Stadt nun im Zoo entstehen. Finanziert allerdings nicht von der Stadt, sondern über Spenden. Die Dreescher Werkstätten haben im Zoo unlängst ein Bistro eröffnet, in dem Menschen mit Behinderung arbeiten.

Leichte Sprache und barrierefreie Kultur

Ein Problem besonders für Menschen mit Lernbehinderung oder geistigen Einschränkungen ist der Mangel an Texten in Leichter Sprache. "Leichte Sprache" ermöglicht dieser Personengruppe zum Beispiel Gesetze, Verordnungen, oder auch Wahlprogramme zu verstehen, aber auch Nachrichten in Fernsehen, Hörfunk oder in der Presse. Beim NDR arbeitet eine ganze Redaktion daran, viele - aber noch nicht alle - Angebote des Norddeutschen Rundfunks barrierefrei zugänglich zu machen - unter anderem in Leichter Sprache. In Hagenow bietet "capito", ein Projekt des Lebenshilfewerks Mölln/Hagenow an, Texte in leichte Sprache zu übersetzen oder Menschen mit geistigen Behinderungen vor Wahlen dabei zu helfen, die Programme der Parteien zu verstehen. Mitarbeiterzahl in diesem Büro: zwei.

Persönliche Erfahrungen im Podcast Dorf Stadt Kreis

Im Podcast Dorf Stadt Kreis werden viele dieser Probleme angesprochen. Außerdem ist die Schwerinerin Bettina Schmidt zu Gast. Bettina Schmidt hat, als sie noch ohne eine Einschränkung lebte, ein Reinigungsunternehmen mit 170 Mitarbeitern geführt - nachdem sie 2002 erblindete, hat sie ihre Arbeit fortgesetzt, beschäftigt aber mittlerweile nur noch vier Frauen und Männer. Sie berichtet von ihren Erfahrungen im Alltag, von Momenten der Diskriminierung - aber auch von Hilfe und Unterstützung im täglichen Leben.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 03.06.2021 | 15:00 Uhr

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