Stand: 21.04.2018 13:37 Uhr  | Archiv

Die Perfekte Schule? Zwischen Lernfabrik und Langeweile

von NDR Newcomernews (Ein Medienbildungsprojekt des NDR Landesfunkhauses MV mit Schülerinnen und Schülern.)

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Für viele Schüler ist der Tagesablauf vollgepropft mit Schulaufgaben.

Um 6 Uhr klingelt Florians analoger Wecker. Danach frühstückt er ausgiebig, aber schweigend. Er wirkt wie jemand, der nicht leicht aus der Ruhe zu bringen ist. Um 7:10 Uhr fährt dann sein Bus. Er muss oft eine Viertelstunde warten, bevor der Unterricht beginnt, da sein Bus so früh ankommt. Um 7:40 Uhr beginnt die ILZ (Individuelle Lernzeit). Dort bereitet sich Florian auf den Unterricht vor, lernt Vokabeln und lernt für Tests und Arbeiten, deren Themen er zu Hause nur gedanklich gestreift hat. Um 8:30 Uhr wird es dann ernst. Im Unterricht werden keine Hausaufgaben kontrolliert, keine Noten vergeben, er muss sich nicht melden oder mitarbeiten, nichts mitschreiben …

RecknitzCampus Laage © NDR Foto: NDR Newcomernews

Was ist der perfekte Lehrer?

Spaß haben im Unterricht? Mit den Problemen der Schüler gut umgehen können? Leidenschaft für das eigene Unterrichtsfach? Welche Eigenschaften sollte der perfekte Lehrer haben?

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Im Prinzip würden nur Filme geschaut oder der Lehrer erzähle. Manchmal finden auch Projekte wie dieses statt, im Winter draußen und im Sommer im vierten Stock des Schulgebäudes, meint Florian, aber nur zum Spaß. Am  liebsten hat er mit Lehrern zu tun, die locker drauf sind, mit denen man im Unterricht aber dennoch weiterkommt. Außerdem sollen sie Spaß verstehen und nicht nur vorne stehen und erzählen. 

Früher war alles … anders

Wäre Florian vor 50 Jahren in einer Laager Schule gewesen, hätte er dieses Urteil nie laut ausgesprochen, wenn er überhaupt auf die Idee gekommen wäre. Adelheid Ramlow ist vor einem halben Jahrhundert in Mecklenburg zur Schule gegangen. Heute beobachtet sie, wie ihre Enkel, solche wie Florian, die Schule in Laage erleben. Aus ihren Erzählungen hört man heraus: Die Lehrer hatten damals vormittags recht und nachmittags frei. Für Adelheid waren die Lehrer unumstrittene Respektpersonen. Schüler hatten Angst, ihre Meinung zu äußern, und sie hatten weniger Freiheiten. Lehrer und Schüler lernten sich nur auf gemeinsamen Klassenfahrten, auf denen sie beispielsweise Zelten gingen, besser kennen. Durch die beschränkten Möglichkeiten entstand eine ganz enge Gemeinschaft, denn jeder Schüler half dem anderen, so gut er konnte. Sie erinnert sich aber auch, dass lernschwächere Schüler von den Lehrern stärker unterstützt wurden. Zum Beispiel durch Nachhilfe. In der heutigen Zeit findet sie es gut, dass Jugendliche Praktika absolvieren können. Dadurch lernen sie viele Berufe besser kennen.

RecknitzCampus Laage © NDR Foto: NDR Newcomernews

Was es bedeutet, (un-)beliebt zu sein

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Manches ist überbewertet worden

Dem stimmt auch Norbert Wernitz zu. Er war Zeit seines Lebens Lehrer - von 1950 bis 1990. Erst an der Grundschule, später auch Direktor. Das Prinzip der Berufsorientierung wurde über Unterrichtsfächer übermittelt. Das nannte sich polytechnischer Unterricht. In ganz normalen Betrieben konnten die Schüler einmal im Monat Berufe kennenlernen. Fächer wie "Schulgarten" sollten der Lebensvorbereitung dienen. Aber er gibt zu bedenken: "Sicherlich gab es Bereiche, die sind überbewertet worden, das ist aus der Geschichte bekannt." Er meint damit die ideologischen Beeinflussungen der Jugendlichen. Mit der Wiedervereinigung versuchte er das Prinzip einer kooperativen Gesamtschule durchzusetzen. Viele Eltern und Lehrer waren allerdings dagegen.

RecknitzCampus Laage © NDR Foto: NDR Newcomernews

Zwischen "Bulimie-Lernen" und Langeweile

Die NDR Newcomernews Reporter vom RecknitzCampus Laage haben sich Gedanken über die perfekte Schule gemacht - und sind zu interessanten Ergebnissen gekommen.

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Zwischen Hierarchie-Denken und Transparenz

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Schule früher und heute: Die Unterschiede sind groß.

Jahre später fand die Idee einer kooperativen Gesamtschule in Laage dann doch Zuspruch. Seit 2004 leitet Brit Kaleun den RecknitzCampus Laage, den Florian zusammen mit 1.049 anderen Heranwachsenden besucht. Das Hierarchie-Denken sei hier nicht so wichtig, sagt die Schulleiterin. Dadurch haben die Schüler und Lehrer ein freundliches und höfliches Verhältnis. Florian erlebt das jeden Tag so. Alle respektieren sich. Doch auch die Frau Kaleun muss sich an die Rahmenrichtlinien halten und Florians Unterricht danach gestalten. Sie wünscht sich, dass die Lehrinhalte praktikabler werden.

Um 20 Uhr mit den Hausaufgaben beginnen

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Das perfekte Schulsystem gibt es nicht, meint der frühere Schuldirektor Norbert Wernitz.

80 Prozent des Lernstoffes muss für das Abitur vermittelt werden. Die Sinnhaftigkeit stehe bei manchen Themen in Frage, findet Florian. Durch diese Stofffülle ergibt sich eine intensive Nachbereitung des Unterrichts. Der Alltag eines Gymnasiasten lässt wenig Platz für Freizeit. Gegen 16 Uhr trifft er erst zu Hause ein. An Tagen, an denen er Fußballtraining hat, muss er sich um 20 Uhr noch an seine Hausaufgaben setzen. Wer in Deutschland Abitur machen will, muss sich seine Zeit wie ein Vollzeitbeschäftigter einteilen. Psychologen beobachten diese Tatsache und raten dazu, den Umgang mit Stress zu erlernen.

Stress ist wie ein Löwe

An der Freien Universität Berlin beschäftigt sich die Psychologin Jacqueline Wißmann als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit dem Projekt "K2Teach". Sie sagt zum Thema Stress: "Stress ist eine körperliche Reaktion. Es ist so, als wenn man einem Löwen gegenüber steht. Was mache ich mit dieser Angst, laufe ich weg oder greife ich an oder verharre ich wie ein Hase in Schreckstarre?“ Sie rät dazu, sich selbst einschätzen zu lernen, seine eigenen Belastungsgrenze zu kennen und auf sich selbst zu achten. Außerdem sind Pausen und ausreichend Schlaf sehr wichtig, da man sich sonst schlecht konzentrieren könne. Weiterhin führt sie auf, dass die leistungsbezogene Gesellschaft auf das Schulsystem abfärbt und die Lehrer den Druck auf die Schüler weitergeben.

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Kommentar: Die perfekte Schule gibt es nicht!

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Schule verändert sich ständig

Gut findet sie, dass das Schulsystem transparenter geworden ist, dass man weiß, für welche Leistung, welche Punkte vergeben werden. Florian findet dass die, die keine Hobbys haben, im Vorteil sind. Es scheint, als drehe sich immer alles um das Zeitbudget. Für Frau Kaleun bedeutet dies zum Beispiel eine fortschreitende Digitalisierung der Schule. Neu an der Schule in Laage ist das Fach MuK, in dem die Schüler einen bewussten Umgang mit den neuen Medien erlernen. Adelheid Ramlow ist überzeugt, dass ihre Enkel in Laage mehr Möglichkeiten haben, sich zu entwickeln, als sie es früher hatte.
Der ehemalige Schuldirektor Norbert Wernitz merkt an, dass es kein perfektes Schulsystem gibt. Die Perfektion einer Schule, liege darin, sich ständig zu verändern.

Dieser Artikel ist durch Schülerinnen und Schüler im Rahmen eines Workshops des Medienbildungsprojekts NDR Newcomernews des NDR Landesfunkhauses entstanden.

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