Auf einer "Insel der Glückseligen"

Eindrücke von der Asientournee der NDR Radiophilharmonie © Sophie Pantzier Foto: Sophie Pantzier
Über 47 Jahre hat Christian Pohl als stellvertretender Solobratscher in der NDR Radiophilharmonie gespielt.

Bereits seit 1969 spielt Christian Pohl als stellvertretender Solobratscher in der NDR Radiophilharmonie. Nach der Piaf-Hommage im Ring Pops mit Katharine Mehrling geht er in den Ruhestand und blickt auf mehrere Jahrzehnte seines Orchesterlebens zurück.

Ende der sechziger Jahre hat Christian Pohl noch die erste Musikergeneration der 1950 gegründeten NDR Radiophilharmonie erlebt: Anfangs habe man noch sehr unter den Schatten des Krieges gelitten, unter den Musikern seien einige Kriegsheimkehrer gewesen. "Die Nerven lagen blank, und die Angespanntheit war auch auf der Bühne immer wieder spürbar, es war eine psychisch belastete und schwierige Zeit," erinnert sich der Bratscher. Problematisch waren auch die Bühnenbedingungen: Heute ist kaum vorstellbar, dass damals die großen Sinfoniekonzerte auch noch im Kleinen Sendesaal stattfanden - "da konnten einem die Ohren wegfliegen in dem kleinen Saal!". Damals herrschte allerdings auch noch ein sehr enges Wir-Gefühl, was es in dieser Art heute nicht mehr gebe. "Auch wenn wir hier wie auf einer "Insel der Glückseligen" leben, hat sich das Miteinander doch sehr verändert, das ist einfach ein Zeitphänomen," meint Christian Pohl.

Christian Pohl und Monika Worlitzsch ©  François Lefèvre Foto:  François Lefèvre
Ähnlich wie seine Kollegin Monika Worlitzsch, die bereits im Dezember in den Ruhestand gegangen ist, hat auch Christian Pohl viele Veränderungen im Orchester miterlebt.
Manze als "außergewöhnliche Erscheinung"

Über die Jahrzehnte habe sich aber vor allem auch der Charakter des Orchesters und seine programmatische Ausrichtung geändert. Eiji Oue habe das Orchester in ein neues Licht gerückt und es international positioniert. Neben den Konzerten mit Al Jarreau und Bobby McFerrin auf der Expo 2000 hat Christian Pohl vor allem Franz Schmidts "Das Buch mit den sieben Siegeln" unter Leitung von Oue in bester Erinnerung: "Kurze Zeit später habe ich zufällig dieses Oratorium mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf CD eingespielt, aber Eiji Oue hat es in meinen Augen eine Klasse besser gemacht." Mit Andrew Manze sei ein echter Höhepunkt erreicht - vom aktuellen Chefdirigenten kann Christian Pohl nur in den höchsten Tönen schwärmen: Er bezeichnet ihn als "absolut außergewöhnliche Erscheinung, ein Stern" und ist voller Respekt für einen Menschen, der unglaublich reflektiert und gebildet ist, mit Herz und echtem Monty Python-Humor.

Christian Pohl ©  François Lefèvre Foto:  François Lefèvre
Christian Pohl liebt seine Bratsche und die Musik: Neben seiner Tätigkeit bei der NDR Radiophilharmonie ist er als Musiker und als Dozent vielseitig aktiv.
Musik von innen

Christian Pohl ist froh, dass er sein Orchesterleben mit einer intensiven Lehrtätigkeit an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover verbinden konnte, denn er unterrichtet leidenschaftlich gern. Einige seiner Schüler, wie Hartmut Rohde, Volker Jacobsen oder Nils Mönkemeyer, sind inzwischen international bekannt. Ein tiefes Menschenverständnis ist für den Bratscher beim Unterrichten ganz zentral: Er versucht immer von innen heraus zu beurteilen. Dabei verarbeitet er gleichzeitig seine eigene autoritäre Kindheit, denn er stand unter großem Druck seines Vaters. "Ich musste jeden Tag wie ein Ochse mehrere Stunden üben, aber so lernt man ja nichts", weiß er heute.

Die NDR Radiophilharmonie in Beijing © Matthias Ilkenhans Foto: Matthias Ilkenhans
Auf seiner letzten Tournee mit der NDR Radiophilharmonie durch China und Südkorea genießt Christian Pohl gemeinsam mit Monika Worlitzsch und Albert Sommer einen Ausflug zur Chinesischen Mauer.
Leidenschaftlicher Weltenbummler

Der vielseitig aktive Musiker spielt schon seit 23 Jahren regelmäßig im Sommer bei den Bayreuther Festspielen mit - für den Bratscher eine prägende und wichtige Erfahrung, denn hier hat er viele große Dirigenten und Interpreten kennengelernt. "Bei Nina Stemme als Isolde lief uns im Orchestergraben immer ein Schauer über den Rücken", erinnert er sich. Besondere Highlights waren für den leidenschaftlichen Weltreisenden die Tourneen der NDR Radiophilharmonie, gern denkt er an die "fantastische" Japantournee mit Eiji Oue zurück. Auch die Asientournee im vergangenen Herbst hat er zum Abschluss seiner Jahrzehnte mit dem Orchester sehr genossen. Eines seiner Ziele für die Zukunft ist daher auch, seine Reiselust mit seiner Lehrtätigkeit zu verbinden und Kurse in Kanada, Kapstadt oder anderswo zu geben. Erst einmal wird er mit einem mehrwöchigen Yoga-Intensivkurs den "Eintritt in diese neue Lebensphase" zelebrieren.

 

Orchester und Chor