Christoph von Dohnányi - Weltstar am Pult

von Habakuk Traber

Es war ein Doppeljubiläum: Christoph von Dohnányi vollendete am 8. September 2009 sein achtes Lebensjahrzehnt. Seit fünf Jahren leitet er das NDR Sinfonieorchester als Chefdirigent.

Bereits 1958 erstes Gastdirigat beim NDR Sinfonieorchester

Die erste Begegnung des Maestro mit dem Orchester liegt inzwischen mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Im August 1958 stand Christoph von Dohnányi, knapp 29 Jahre jung, in der Laeiszhalle zum ersten Mal am Pult des Orchesters, das 1945 von der britischen Gewährsmacht in Deutschland gegründet worden war. Seit 16 Monaten amtierte er damals als jüngster Generalmusikdirektor der bundesrepublikanischen Geschichte in Lübeck, leitete dort neben den Opernvorstellungen auch die Konzerte des Städtischen (seit 1997: Philharmonischen) Orchesters. Hans Schmidt-Isserstedt, Gründungschef des NDR Sinfonieorchesters, den Dohnányi neben Wilhelm Furtwängler, René Leibowitz und Hans Rosbaud zu den stilprägenden Künstlern seines Faches zählt, lud den jungen Kollegen in die Freie und Hansestadt ein. Dohnányi dirigierte Werke, die wenigstens acht Jahre lang aus dem deutschen Musikleben verbannt waren: Paul Hindemiths Kantate "Hérodiade" nach Stéphane Mallarmés Dichtung und Béla Bartóks Ballettmusik "Der holzgeschnitzte Prinz". Der junge Dirigent hinterließ beim jungen Orchester einen nachhaltigen Eindruck, er wurde in den nächsten fünf Jahren erneut eingeladen.

Oper und Musiktheater - die zweite große Leidenschaft

Mit der Chefposition beim NDR Sinfonieorchester übernahm Christoph von Dohnányi 2004 zum zweiten Mal eine verantwortliche Position im Hamburger Musikleben. 1977 bis 1984 leitete er die Hamburgische Staatsoper und das Staatliche Philharmonische Orchester als Intendant und Generalmusikdirektor – für Jahrzehnte der letzte, der sich die kräftezehrende und konfliktreiche Doppelbelastung zumutete. In Hamburg führte er weiter, was ihn in den neun Jahren zuvor als Frankfurter Opernchef auszeichnete: eine Modernisierung des Musiktheaters in künstlerischer und organisatorischer Hinsicht. Die Kunstform Oper brauchte nach seiner Überzeugung dringend frische Impulse, ihre Entwicklung hinkte der neuen Musik und dem Theater schmerzlich hinterher. Auf der anderen Seite berge sie als Gattung, die mehrere Künste zusammenführe, enorme Potenziale. Anregungen versprach er sich von außen, von Regisseuren, die vom Schauspiel, vom Film, vom bildnerischen Gestalten kamen. Volker Schlöndorff, Klaus Michael Grüber und Achim Freyer gaben während der Ära Dohnányi in Frankfurt ihre Opernregie-Debüts. In Hamburg gewann er weitere "Quereinsteiger" für Zeichen setzende Inszenierungen: Luc Bondy mit seinen Deutungen der beiden Berg-Opern "Wozzeck" und "Lulu", Herbert Wernicke für Alexander Zemlinskys "Kreidekreis" und Richard Wagners "Meistersinger", Adolf Dresen für seine ersten Arbeiten nach der Ausbürgerung aus der DDR ("Eugen Onegin") und erneut Achim Freyer, nun für Mozarts "Zauberflöte".

Der Reform der Regie, so Dohnányi, müsse im Musiktheater eine Erneuerung von der Musik her entsprechen. Sie könne wirksam nur erreicht werden, wenn ein Dirigent für Proben und Aufführungen einer Oper immer dieselben Musikerinnen und Musiker im Orchester habe. Anders könne man musikalisches Höchstniveau nicht erzielen. Die Forderung, die andere Dirigenten danach immer wieder erhoben, wird bis heute im täglichen Opernbetrieb nicht erfüllt. Deshalb zog es Dohnányi in späteren Jahren vor, Musiktheater möglichst mit einem "Orchester in Residenz" zu produzieren: Im Pariser Châtelet, das über kein eigenes Orchester verfügt, saß bei Opern von Strauss, Strawinsky und Schönberg das Londoner Philharmonia Orchestra im Graben; Dohnányi leitet es seit 1994 als Erster Gastdirigent, seit 1997 als Chefdirigent, zu Beginn der Spielzeit 2008/2009 wurde er zum Ehrendirigenten auf Lebenszeit ernannt. Eine Dauerstellung an einem Opernhaus ging Christoph von Dohnányi nach seiner ersten Hamburger Ära nicht mehr ein.

Hamburg - ein Stück Familiengeschichte

Christoph von Dohnányis Verbindung mit Hamburg reicht über sein musikalisches Wirken hinaus, in ihr lebt ein wesentliches Stück Familiengeschichte weiter. Auch in den zwei Jahrzehnten als Musikdirektor des Cleveland Orchestra im US-Bundesstaat Ohio behielt Dohnányi sein Haus in der Hansestadt; es blieb der – oft genug virtuelle – Sitz der Familie. Nicht weit entfernt wohnt sein Bruder Klaus von Dohnanyi, 1981 bis 1988 Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, und auch danach ihr engagierter Bürger. In Hamburg begann ihr Vater Hans von Dohnanyi, Jurist mit ausgeprägten Historikerinteressen, seine berufliche Laufbahn, hier forschte er über die Ursachen des Ersten Weltkriegs. Die Ergebnisse berührten direkt die damalige Gegenwartspolitik, das Schicksal der jungen deutschen Demokratie. In Hamburg festigten sich für ihn die Erkenntnisse und Wertvorstellungen, die ihn ab 1933 zu einer zentralen Persönlichkeit im deutschen Widerstand gegen Hitler machten.

Hans von Dohnanyi war ein Einwandererkind. Sein Vater, der Komponist, Pianist und Dirigent Ernö (Ernst) von Dohnányi, war 1905 vom Brahms-Freund Joseph Joachim aus Budapest an die Berliner Musikhochschule berufen worden. Der Sohn machte sich die Geschichte des Landes zu Eigen, das er als seine Heimat betrachtete, und fühlte sich für dessen Geschicke mitverantwortlich. Diese besondere Situation verlieh ihm einen scharfen Blick für Vorzüge und Defizite Deutschlands, und eine nüchtern analytische Sicht auf außenpolitische Zusammenhänge. Sie stärkte seine Einsicht, dass Demokratie die Zivilcourage, den Widerspruchsgeist und die Toleranz des Einzelnen braucht. Seine Frau, Tochter des Neurologen und Psychologen Karl Bonhoeffer, teilte mit ihm die Belastungen, die aus dem demokratischen Engagement entstanden. Sie gab ihr Ethos an die Kinder weiter, besonders in der Zeit, in der Hans von Dohnanyi sich durch die Arbeit im Widerstand öfter als erwünscht der Familie entziehen musste.

Klaus und Christoph von Dohnányi stammen aus einer Familie, die für ein freies Deutschland hohe Opfer brachte. Am selben Tag, dem 9. April 1945, wurden Hans von Dohnanyi und dessen Schwager Dietrich Bonhoeffer, Christophs Patenonkel, in Konzentrationslagern umgebracht.

Europa und Amerika

Christoph von Dohnányi dirigiert das NDR Sinfonieorchester in New York

Nach Abschluss seines Studiums zog Christoph von Dohnányi für ein Jahr zu seinem Großvater, der inzwischen in Tallahassee (Florida) lehrte. Die Zeit, die er dort verbrachte, sei sein intensivstes Studium gewesen. Ernst von Dohnányi hatte Brahms noch persönlich gekannt, hatte Kontakte zu Kopisten der späten Beethoven-Werke. Von ihm erhielt der Enkel einen direkten Traditionszusammenhang zur Musik des 19. Jahrhunderts, vor allem durch das praktische Vorbild und Beispiel. Christoph von Dohnányi rundete seine amerikanischen Studien an der Eliteuniversität in Tanglewood ab, wo er einen Dirigierkurs bei Leonard Bernstein belegte.

Er hätte in den USA bleiben können, Bernstein bot ihm ein Projekt in New York an, Lászlo Halasz, langjähriger Chef der New York City Opera, eines in Hollywood. Dohnányi aber ging nach Deutschland zurück, wurde Georg Soltis Assistent in Frankfurt. Die Spannung Europa – USA blieb für seine Laufbahn bestimmend. Nach 28 Jahren des Engagements in Deutschland konzentrierte er zwanzig Jahre lang seine künstlerischen Aktivitäten in den USA: Christoph von Dohnányi und das Cleveland Orchestra – das war ein Gütezeichen für lebendige Interpretation, selbstverständliche Perfektion und stetige Innovation. 24 Uraufführungen dirigierte er dort, die meisten Werke waren vom Orchester in Auftrag gegeben. 109 Schallplatten- und CD-Produktionen spielte er mit den Clevelandern ein, darunter sämtliche Sinfonien von Beethoven, Schumann und Brahms, die großen Sinfonien von Mozart, Schubert, Berlioz, Bruckner, Tschaikowsky, Dvořák, Mahler und Schostakowitsch, die Orchesterwerke Anton Weberns, Kompositionen von Smetana, Ives, Bartók, Varèse und Lutosławski, sowie die beiden ersten Opern aus Wagners "Ring des Nibelungen" - ein wahres Kompendium der Musik. Als "Conductor Laureate" nahm er 2002 Abschied von Cleveland.

Zurück in die Hansestadt: Chefposition beim NDR Sinfonieorchester

Bild vergrößern
Christoph von Dohnányi

Als er 2004 die künstlerische Verantwortung für das NDR Sinfonieorchester übernahm, verfügte er über gründliche Erfahrungen mit dem deutschen und amerikanischen Musikleben. Das System des einen lasse sich auf das andere Land nicht übertragen, Anregungen ließen sich gleichwohl übernehmen. Deutschland verfüge über ein einzigartiges Netzwerk kultureller Einrichtungen. Das amerikanische System fordere die Initiative des Einzelnen. Sie könne hier gestärkt werden. Hamburg mit seiner selbstbewussten Bürgerschaft biete am ehesten die Möglichkeit, denkbare Erneuerungen mit dem nötigen Augenmaß und langen Atem zu verwirklichen. Vor seiner ersten Saison mit dem künftigen Residenz-Orchester der Elbphilharmonie sagte er: "Wir beginnen unsere Arbeit mit den 'basics'. Dabei werden wir sehen, wo wir am erfolgreichsten zusammenarbeiten, wo wir am besten voneinander lernen. Von dieser Erfahrung aus entwickeln wir unsere weiteren Vorhaben, um dem Publikum das Beste aus unserer künstlerischen Partnerschaft zu geben." Inzwischen konnte das Hamburger Publikum herausragende Interpretationen der Werke von Brahms und Bruckner, von Tschaikowsky, Strauss, Janácek und Alban Berg hören. Mit Elliott Carter, György Ligeti, Harrison Birtwistle setzte Dohnányi Akzente zeitgenössischer Musik. Ein Höhepunkt in der Zusammenarbeit mit dem NDR Sinfonieorchester wird die Beethoven-Serie im Mai kommenden Jahres werden.