Stand: 25.09.2015 09:51 Uhr

Nachgefragt: Alexander Lonquich

Alexander Lonquich ist Pianist und der neue Residenzkünstler des NDR Sinfonieorchesters. In dieser Woche stellt er sich erstmalig dem Hamburger Publikum vor. Vorab hat er uns ein paar Fragen beantwortet.

Herr Lonquich, Sie sind in der Saison 2015/2016 Artist in Residence beim NDR Sinfonieorchester und werden hier in insgesamt fünf Programmen zu erleben sein. Was schätzen Sie an solch einer Residenz?

Alexander Lonquich: Diese Residenz ermöglicht Begegnungen, nicht zuletzt auch mit dem Orchester selbst. In ihrer Vielzahl ergeben sie eine wunderbare Voraussetzung für die Vertiefung mir wichtiger Themenkreise. Dafür bin ich sehr dankbar. Und ich freue mich auf jede einzelne der facettenreichen künstlerischen Herausforderungen.

Als Künstler wollen Sie sich ganz offensichtlich nicht auf ein "Fach" festlegen: Sie konzertieren als Solist in Recitals und mit Orchester, dirigieren Mozart- und Beethoven-Konzerte vom Klavier aus, sind seit vorigem Jahr Chefdirigent eines Jugendorchesters in Vicenza und treten regelmäßig als Kammermusiker auf. Wofür schlägt Ihr Herz am meisten? Oder ist diese Universalität zwingendes Kriterium Ihrer künstlerischen Identität?

Lonquich: Musik zu machen bedeutet mir, Orientierung in jenem komplexen und höchst faszinierenden Netzwerk zu suchen, dessen Fäden auf oft nicht leicht zu definierende Weise innermusikalische Ereignisse mit anderen Lebensbereichen verknüpfen. So empfinde ich sowohl die Erfahrung der "Einsamkeit" eines Klavierrecitals als auch das Kommunizieren auf Augenhöhe in der Kammermusik (zu der ich cum grano salis auch Klavierkonzerte ohne Dirigenten zähle) sowie das mögliche Inspirieren einer Gruppe als organisch zusammengehörend.

Die von Ihnen so genannte "Universalität" mag auch damit zusammenhängen, dass ich von Kindheit an vor allem Musiker werden wollte, mich dann als Pianist spezialisiert habe, andere Wege aber nie ausgeschlossen habe. So kann ich mir einen Großteil der Klavierliteratur nicht anders als "sinfonisch" geprägt vorstellen und liebe es, wenn in einem Orchester, bei perfektem Zusammenspiel, die individuelle Note jedes einzelnen Instrumentalisten durchscheint.

Sie haben einmal gesagt: "Jede Begegnung mit einem Kunstwerk ist gleichzeitig das Ausloten des eigenen existenziellen Standorts". Was meint dieses Credo?

Lonquich: Das ist jetzt über 20 Jahre her und wahrscheinlich etwas emphatisch formuliert. Wir machen allerdings, glaube ich, ständig die Erfahrung, dass man Werke nicht besitzen kann. Sie erscheinen uns wie gegenwärtig, sind aber nie wirklich greifbar, auch wenn es sich um ein Bild, eine Skulptur oder um ein Objekt handelt. In der Zeitkunst Musik wird das Bedürfnis eines Interpreten nach Werktreue - soweit nicht akademischer Erstarrung preisgegeben - dem Rechnung tragen. Wenn mich zum Beispiel Formen historischer Aufführungspraxis interessieren, ist das angepeilte Ziel sicher nicht die Wiederherstellung einer für immer verloren gegangenen Konstellation. Nein, unsere eigene, ständig sich wandelnde Sensibilität spiegelt sich paradoxerweise auch im Bedürfnis musikwissenschaftlicher Klarstellung, jenseits aller noch so objektivierend sich gebärdender Methodik. Und so werden wir wohl noch einmal das Spiel neu durchmischen, assoziieren, Vergangenheit, so vertraut und so fremd, aufleben lassen, Bekanntes mit bislang Unbekanntem vermengen.

Haben Sie Lieblingswerke? Welches wären Ihre Stücke "für die einsame Insel"?

Diese Exklusivität liegt mir fern. Auf der einsamen Insel würde sich schnell Überdruss einstellen. Wahrscheinlich wäre ich ständig damit beschäftigt, mir all die Werke vergegenwärtigen zu suchen, die ich nicht mitgenommen habe. Daraus entstünde dann eine spezifische Art Traummusik. Natürlich sind Kindheitserlebnisse so prägend, dass gewisse Ersteindrücke bis heute Nachwirkungen hinterlassen. Mein Vater war damals Korrepetitor an der Kölner Oper. Was zu hören und sehen war, überwältigte: Mozart, "Der Ring des Nibelungen", "Tristan und Isolde", "Die Meistersinger", "Otello", "Falstaff", "Pelléas et Mélisande", "Der Rosenkavalier", "Ariadne auf Naxos", "Wozzeck", "Moses und Aron" und viele mehr. Und dann, auch sehr früh, kam die Entdeckung des Planeten Gustav Mahler. Das Ungleichgewicht der heterogenen Elemente in seiner Musik war für mich der Schlüssel für so ziemlich alle weiteren Entdeckungsreisen.

VIDEO: "Da muss ich jetzt kommen" (5 Min)

Was würden Sie einem Menschen sagen, der vor der Wahl steht, entweder ins Kino oder in ein Konzert mit Ihnen zu gehen?

Auch mir fällt in ähnlichen Fällen die Wahl nicht immer leicht. Vielleicht würde ich vorschlagen, uns an einem der nächsten Abende gemeinsam den Film anzuschauen. Man könnte dem Betreffenden ja vor Augen stellen, dass ein Konzert in einer speziellen Situation und Akustik einzigartig und unwiederholbar ist, trotz des gelegentlich wie verbraucht wirkenden Repertoires. "Hamlet" wird ja auch immer wieder gespielt. Und wer gut zuhört, mag entdecken, dass die Aufgabe des Musikers gar nicht so weit entfernt ist von der des Schauspielers, wenn er auch in einem wesentlich enger gesteckten Rahmen agiert, in dem aber genug Raum ist für ein ganzes Aufgebot an nachschöpferischen Qualitäten. Und wie viel selten Gespieltes gibt es noch zu entdecken! Für manche freilich ist der Begriff "Klassik" an sich schon ein großes, fast unüberwindbares Hindernis. Doch wovon sprechen wir denn eigentlich, wenn wir von "Klassik" reden? Zumindest von der gesamten Musikgeschichte vor der Einführung der künstlichen Trennung zwischen E- und U-Musik. Und diese Vielfältigkeit mag, so hoffe ich, weiterhin verführend wirken können...

Die Fragen stellte Julius Heile.

Orchester und Chor