Erinnerungen an Günter Wand

Günter Wand war von 1982 bis 1991 Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters und ihm danach bis zu seinem Tode 2002 als Ehrendirigent verbunden.

Am 7. Januar 2012 hätte Günter Wand seinen 100. Geburtstag gefeiert. Von 1982 bis 1991 war er Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters, danach Ehrendirigent bis zu seinem Tod 2002. Auch bei den langjährigen Mitgliedern des Orchesters ist die "Ära Wand" bis heute unvergessen. Anlässlich des Jubiläums erinnerten sich Hans-Udo Heinzmann (Flöte) und Volker Donandt (Kontrabass).

NDR: Herr Heinzmann, Herr Donandt, wie lange haben Sie jeweils unter der Leitung von Günter Wand im NDR Sinfonieorchester gespielt?

Hans-Udo Heinzmann: Ich bin auf den Tag genau seit Wands Einstand als Chefdirigent – d. h. seit dem 1. August 1982 – Mitglied im NDR Sinfonieorchester.

Volker Donandt: Ich bin 1991 mit seinem Nachfolger John Eliot Gardiner ins Orchester gekommen und habe somit die ganze Zeit der Ehrendirigentschaft Wands miterlebt.

NDR: Was haben Sie an Günter Wands musikalischer Arbeit besonders geschätzt? Kann man das in irgendeiner Weise auf den Punkt bringen?

Heinzmann: Besonders berühmt geworden ist er ja für seine ausgesprochene Genauigkeit – kaum ein Punkt auf der Partitur, den er nicht analysiert hätte! Immer wieder, sogar noch im hohen Alter, hat er sich wochen-, monatelang vor den Proben und Konzerten ausgiebig mit der Partitur beschäftigt.

Am meisten geschätzt habe ich dabei seine große Demut vor dem Werk, vor dem, was die Komponisten uns hinterlassen haben. Jeden Aplomb und jede Show hat er abgelehnt. Das hat ihn ja auch so modern gemacht: Die Werke von Interpretationstraditionen und Mythen zu befreien, sie zu entschlacken. Bei Bruckner wollte er eben keine Kathedralen bauen oder katholische Zeremonien abhalten (wie man es seinem Kollegen Eugen Jochum nachsagte) und Beethoven wollte er – in seinen Worten – nicht wie eine "Wilhelminische Denkmalsenthüllung" sondern wie die "Französische Revolution" klingen lassen …

Marseillaise, französische Revolution, Attacke! Keine Denkmalsenthüllung Wilhelms II. Günter Wand zum ersten Satz von Beethovens Neunter Sinfonie

Dass er sich dann beispielsweise an die Fünfte Sinfonie von Bruckner (später eines seiner Paradestücke) erst als über 60-Jähriger herantraute, ist natürlich eine Folge seiner Skrupel, dem Werk und seinen eigenen Ansprüchen wirklich gerecht zu werden. Übrigens hat er selbst Werke, die ihm vermeintlich weniger lagen, immer sehr ernst genommen – ich denke z. B. an eine Fünfte oder Sechste Tschaikowsky oder aber sogar an Strawinskys "Feuervogel", über dessen schwer zu dirigierende Taktwechsel er sich zwar ständig beklagt hat, der ihm im Ergebnis dann aber doch ganz grandios gelungen ist.

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Bassist Volker Donandt erlebte Günter Wand in seiner Zeit als Ehrendirigent.

Donandt: Von der intensiven Beschäftigung mit dem Notentext der Werke war auch ich, zumal ich damals sehr jung ins Orchester kam, sehr beeindruckt. In Wands Dirigentengeneration war das ja noch etwas ziemlich Modernes.

Mit seiner Bescheidenheit vor dem Werk und dem Ethos des Musizierens war er eine echte Ausnahmeerscheinung – und er war dabei völlig frei von Allüren.

Obwohl er ein hochberühmter Mann und fantastischer Dirigent war, blieb er für uns stets nahbar. Man konnte ihn immer fragen: "Herr Wand, warum machen Sie das so?" – und er schlug die Partitur auf und erklärte es einem!

Nein, nein, nicht schmusen an der Stelle. Nicht schmusen, beten. Günter Wand zu Bruckners Sechster Sinfonie, Ende des Trios im 3. Satz