Sendedatum: 29.02.2016 15:38 Uhr  | Archiv

Stellt sich Facebook nun seiner Verantwortung?

von Axel Schröder und Daniel Bouhs

Der Facebook-Chef ließ sich beim Deutschland-Besuch als großer Unternehmer feiern und gelobte Besserung beim Umgang mit Hass-Kommentaren im Netzwerk. Ändert sich nach der Kritik der letzten Monaten tatsächlich etwas?

Springer-Chef Matthias Döpfner überreicht Mark Zuckerberg eine Zeitung © dpa Foto: Kay Nietfeld/
Eine Zeitung für den Internetunternehmer: Springer-Chef Döpfner (rechts) ehrt Zuckerberg

Letzte Woche in Berlin: Großer Bahnhof für Mark Zuckerberg. Springer-Chef Mathias Döpfner verleiht dem Facebook-Gründer einen neuen geschaffenen Award, benannt dem Verlagsgründer Axel Springer. Mit dem Preis sollen "Unternehmerpersönlichkeiten" gewürdigt werden, die "in besonderer Weise innovativ sind, Märkte schaffen und verändern, die Kultur prägen und sich gleichzeitig ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen". An dieser gesellschaftlichen Verantwortung des US-Unternehmens gibt es seit rund einem Jahr ernste Zweifel. Grund dafür ist die Masse an hasserfüllten Einträgen und Kommentaren auf den Seiten des sozialen Netzwerks:

"Jeder, der kommt, wird weggeklatscht!"
"Merkel und Co., in meinen Augen seit ihr nicht mehr wert als gegorene Hundepisse!"
"Direkt abstechen, keine Gnade!"
"Leeeeeeegt an! Feuer! Wird Zeit, dass die Polizei mal wieder ihre Waffen nutzen darf!"
"Alle Kanacken zu Gauck und Merkel ... diese Drecksäue holten diese Rattenscheiße ins Land!"
"Der Islam gehört einen Haufen Scheiße zu Deutschland!"

"Bisher Job nicht gut genug gemacht"

Bei seinem Berlin-Besuch erklärte Zuckerberg, wie Facebook mit derartigen Einträgen umgehen will. Bei einem so genannten Townhall-Meeting mit ausgewählten Gästen beantwortete er die Frage eines Studenten nach seiner Strategie gegen den Hass mit der üblichen Parole: "Hass hat keinen Platz in unserem Netzwerk. Er machte aber auch ein Eingeständnis: "Ehrlich: Bis vor Kurzem haben wir hier in Deutschland unseren Job nicht gut genug gemacht. Wir werden kontinuierlich daran arbeiten müssen."

Aber schon heute, so Zuckerberg, schließe Facebook Partnerschaften mit Initiativen, die gegen Rechtsextremismus arbeiten. Und er setzt auf die so genannte Counterspeech - die Gegenrede - von Usern und eine verbesserte Meldefunktion. Die Nutzerinnen und Nutzer sollen rassistische, fremdenfeindliche oder antisemitische Einträge auf Facebook-Seiten dem firmeneigenen Prüfteam melden.

Bestimmte Beschwerden sind bei Facebook einfach nicht vorgesehen

Facebook-Chef Mark Zuckerberg steht auf einer Bühne. Vor ihm im Publikum machen viele Menschen Bilder per Smartphone. © NDR Foto: Fiete Stegers
"Townhall Meeting": Im Gespräch mit geladenen Facebook-Nutzern räumte Zuckerberg Fehler ein.

"Es gibt ganz viele Fallkonstellationen, in denen man beispielsweise am Ende des Dialogs nicht einmal eine Meldung abschicken kann", kritisiert Chan-jo Jun, ein Würzburger Anwalt für IT-Recht. "Wenn es beispielsweise um Beleidigungen oder Verleumdungen geht, gibt es dafür kein Feld, das man ankreuzen kann", sagt er.

Der Jurist bezweifelt aber, dass die neue Meldepraxis das Problem rechtsextremer Einträge entschärft: "Facebook ist immer noch nicht bereit, deutsches Recht anzuerkennen, auch wenn sie es sagen. Aber wir sehen es ja täglich, dass selbst eindeutige Fälle immer falsch beurteilt zurückkommen."

Anzeige wegen Beihilfe zur Volksverhetzung

Mitte Februar - nur wenige Tage vor Zuckerbergs Besuch - hatte der Anwalt seine zusammen mit einem Kollegen im vergangenen Oktober erstattete Anzeige gegen vier Facebook-Manager um einen prominenten Kandidaten erweitert: Auch gegen Mark Zuckerberg soll die Hamburger Justiz nun wegen Beihilfe zur Volksverhetzung ermitteln.

Besseres Meldesystem in Facebooks eigenem Interesse?

Sarah Jastram, Professorin für Internationale Wirtschaftsethik an der Hamburg School of Business Administration rät dem US-Konzern deshalb, offener mit den eigenen Fehlern umzugehen und endlich Meldesysteme zu implementieren, die auch tatsächlich funktionieren: "Das wäre jetzt aus meiner Sicht nicht nur eine moralische oder ethische Erwartung an das Unternehmen, sondern es wäre auch eine Empfehlung an das Management. Denn die erste Klage gibt es hier in Hamburg ja bereits. Und es spannend zu sehen, was sich daraus entwickelt."

Zuckerbergs neuer Freund Mathias Döpfner nimmt den Facebook-Gründer dagegen in Schutz:

"Wollen wir wirklich, dass ein Unternehmen wie Facebook, das mehr als eine Milliarde Nutzer erreicht, Inhalte auswählt, sortiert und Verantwortung für diese Inhalte übernimmt? Erstens: Ich glaube, das ist nahezu unmöglich. Und zweitens: Das wäre nicht gut. Dann würde Facebook die Rolle des weltweit führenden Super-Verlegers übernehmen, der entscheidet, welche Inhalte angemessen sind." Mathias Döpfner, Axel Springer SE

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 29.02.2016 | 15:38 Uhr

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