Stand: 12.01.2015 17:47 Uhr  | Archiv

Schlachtfeld Internet: Cyberkrieg in Deutschland

von Alexandra Ringling

Der Krieg im Internet hat begonnen und Deutschland ist Angriffsmittelpunkt. Die NSA hat sich zum Ziel gesetzt, jederzeit Zugriff auf Systeme anderer Länder zu haben. Das geht aus bisher unveröffentlichten Dokumenten des Whistleblowers Edward Snowden hervor, die den NDR Autorinnen Alexandra Ringling und Svea Eckert exklusiv vorliegen und als geheim klassifiziert sind. Sie zeigen, wie das Netz zur Waffe wird. Viren und Trojaner sind die lautlosen Bomben der Neuzeit. Die USA könnten Krankenhäuser lahm legen, den Verkehr sabotieren, sogar Kraftwerke abschalten. Ziel ist eine lückenlose Kontrolle über das gesamte Internet.

Sicherheitsexperte hackt öffentliche Einrichtungen

IT Sicherheitsexperten Götz Schartner.
Kann sich spielend Zugang zu geschützten Systemen verschaffen: IT Sicherheitsexperten Götz Schartner.

Hierzu hat der NDR mit dem IT-Sicherheitsexperten Götz Schartner ein Experiment gewagt. Der professionelle Hacker hat im Netz nach digitalen Schwachstellen gesucht. Das erschreckende Ergebnis: Über 50.000 Steuerungssysteme deutscher Unternehmen sind direkt ans öffentliche Internet angeschlossen und dadurch nur unzureichend gesichert. Sie bieten eine leicht zu öffnende Hintertür für Eindringlinge.

Live bei der Schönheits-OP dabei

Götz Schartner findet Produktions-, Pumpanlagen und Brennöfe, auf die er über das Internet zugreifen kann. In einem weiteren Test stößt Schartner auf eine Schönheitsklinik, deren Überwachungskameras an das öffentliche Internet angeschlossen sind.  Er braucht nicht einmal ein Passwort, um sich in das sensible System einzuloggen. Mit einem Klick schaltet er sich auf vier verschiedene Kameras. Live kann man den Krankenhausbetrieb mit verfolgen - sich sogar direkt in einen der Operationsräume einloggen und bei einem Eingriff zuschauen. Hingewiesen auf ihre Sicherheitslücken reagiert die Klinik zunächst ungerührt: "Die Gesichter der Patienten und Angestellten seien nur unscharf zu erkennen." Trotzdem reagiert sie noch am selben Tag, nehmen dir Kameras vom öffentlichen Netz.

Regierungsrechner lahmgelegt

USB-Stick an einem Laptop. © NDR/ARD
Sicherheitsrisiken durch den Internet-Zugang werden von vielen übersehen.

Vieles ist mit dem Internet verknüpft. Aber die Infrastruktur ist nicht immer ausreichend geschützt. Der Krieg ist bereits in Gange, ohne dass er direkt mitzuerleben ist. Staaten attackieren Staaten und Terroristen erpressen Unternehmen und Regierungen über Attacken im Internet. Wie real die Bedrohung ist, zeigt der jüngste Hackangriff auf die Bundesregierung. Durch eine gezielte Attacke von prorussischen Separatisten in der Ukraine wurden die Netz-Rechner des deutschen Bundestags und des Kanzleramts in der vergangenen Woche lahm gelegt.

Deutsche Informationen sind begehrt

Kein Einzelfall. IT Experte Schartner geht davon aus, dass viele Unternehmen in Deutschland mit der totalen Vernetzung schlicht überfordert sind und deswegen die Absicherung ihrer digitalisierten Systeme vernachlässigen. Mit schweren wirtschaftlichen Folgen: "Deutschland ist sicherlich das begehrlichste Ziel für Hacking-Attacken in der Welt. Digital sind wir schon lange im Krieg. Staatliche Organisationen greifen gezielt unsere Wirtschaft an, stehlen Informationen, eventuell wird sogar direkt Sabotage betrieben." sagt Schartner gegenüber Panorama 3.

4.000 Angriffe am Tag

Michael Hange, Präsident des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, kurz BSI, warnt, mindestens eine Millionen Rechner sollen bereits jetzt durch Späh- und Sabotageprogramme infiziert sein. Allein auf das Regierungsnetz verzeichnet das BSI täglich 4.000 digitale Angriffe. Es tobt ein stiller Krieg ohne Bomben und Panzer, aber er sprengt alle bisherigen Dimensionen. Und Deutschland ist mitten drin.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 13.01.2015 | 21:15 Uhr

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