Stand: 01.08.2019 17:09 Uhr

Wenn Computerprogramme Zeitungsartikel schreiben

Die neuesten Fußballergebnisse, Börsendaten oder das aktuelle Wetter - alles geschrieben in kurzen Berichten. Aber nicht von Journalisten, sondern von einer Software. Was wie Journalismus der Zukunft klingt, ist in einigen Redaktionen schon Alltag - vor allem in den USA und China. Das Hilfsmittel: KI - Künstliche Intelligenz. Deutsche Medienhäuser investieren in die Entwicklung, sind aber noch zurückhaltend.

von Charlotte Horn, NDR Info

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Die Software Textomatic erstellt selbständig Artikel.

Im Büro des "HHLab", der Entwicklungs-Redaktion der NOZ Mediengruppe. Sie ist unter anderem verantwortlich für die "Neue Osnabrücker Zeitung", das "Flensburger Tageblatt" und die "Schweriner Volkszeitung". Redaktionsleiter Joachim Dreykluft entwickelt hier mit seinem Team neue Werkzeuge - auf Basis von Künstlicher Intelligenz. Eine dieser Anwendungen läuft bereits online auf shz.de - die Software Textomatic.

Mehr Reichweite durch Software

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Für Redaktionsleiter Joachim Dreykluft in seinem Büro"HHLab " ist Künstliche Intelligenz ein nützliches Werkzeug.

Aus Daten wie der Temperaturangabe, Sonne-, Wind- und Regenwahrscheinlichkeit generiert die Software automatisch Wetterberichte. 1.100 Gemeinden in Schleswig-Holstein werden so täglich mit einem lokalen Wetterbericht versorgt. Nur dank der Software sei das in der Größe möglich, sagt Joachim Dreykluft. Der Verlag verspreche sich mehr Reichweite und damit mehr Werbeeinnahmen. Korrektur lesen sei nicht nötig. Die Daten seien valide und die Ausdrucksweise ausreichend. "Aus meinem Empfinden könnte die Sprache, die die Maschine erzeugt, noch einen natürlicheren Eindruck haben. Aber die Frage ist, ob das aus Leser-Sicht wirklich wichtig ist. Es sind ja Gebrauchstexte. Es ist keine Reportage oder ein Feature."

Algorithmen erleichtern die Recherche

Einige Redaktionen nutzen bereits solche Schreibprogramme, auch für Sportberichte oder Börsenmeldungen. Während die Deutsche Presse-Agentur nach eigenen Angaben noch zurückhaltend ist, lässt die amerikanische Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg schon ein Drittel ihrer Bilanzberichte von Künstlicher Intelligenz schreiben. Nicht nur beim Verfassen von journalistischen Produkten - auch bei der Recherche wird Künstliche Intelligenz immer gefragter.

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Für den Kommunikationswissenschaftler Julius Reimer gehört Künstliche Intelligenz zur Zukunft des Journalismus

Bei der aufwendigen Recherche zu Steuerschlupflöchern durchsuchte ein Algorithmus über elf Millionen Dokumente. Eine Recherche, die ohne künstliche Intelligenz kaum in diesem Umfang möglich gewesen wäre, sagt Kommunikationswissenschaftler Julius Reimer vom Hamburger Hans-Bredow-Institut.

In China geht man noch einen Schritt weiter: "Hello everyone!" - Der Nachrichtensprecher, der dies sagt, blickt konzentriert in die Fernsehkamera. Und spricht weiter: "I’m an artificial intelligence anchor." Mimik und Sprechweise wirken fast wie bei einem echten Menschen. Im November 2018 stellte die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua den weltweit ersten durch Künstliche Intelligenz gesteuerten Nachrichtensprecher vor.

Künstliche Intelligenz erkennt Hasskommentare

So weit würde Joachim Dreykluft vom "HHLab" noch nicht gehen. Für ihn ist Künstliche Intelligenz vor allem ein nützliches Werkzeug. So filtert etwa eine intelligente Software Hasskommentare aus den sozialen Medien heraus. Ähnlich nutzt das auch "Spiegel Online". Dort erstellen Anwendungen dieser Art Infografiken, verlinken Artikel und transkribieren Audioaufnahmen, was den Journalisten viel Zeit spart.

Das "HHLab" arbeitet zurzeit an einer weiteren Anwendung. Sie soll mehr Aufschluss über die Lebenswelt und das Interesse einzelner Nutzer geben. Das Ziel: Die Leserinnen und Leser erhalten ein auf sie persönlich zugeschnittenes Medienangebot. Gerade wertet das Team eine erste Testphase aus. Ziel sei es, so Dreykluft, sich bei der Themen-Auswahl nicht nur auf das Bauchgefühl zu verlassen.

Menge der Daten von Menschen nicht auswertbar

Der Redaktionsleiter des "HHLab" betont die Chancen, die der digitale Journalismus biete: "Jede Nutzung erzeugt Daten, die viel mehr Erkenntnisse darüber gewinnen können, welche Art von Journalismus die Leute da draußen überhaupt haben wollen." Dabei entstünden so viele Informationen, dass sie auf sinnvolle Art und Weise von Menschen gar nicht mehr auswertbar seien. Das Ziel sei ein realistischeres Bild der eigenen Zielgruppe. Und hier überwiegen für Dreykluft die Vorteile der neuen Technologie.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 02.08.2019 | 06:50 Uhr

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