Stand: 18.05.2016 17:52 Uhr  | Archiv

Fluch und Segen der WhatsApp-Familien-Chats

von Melanie Stein, NDR Fernsehen

Die digitale Kommunikation hat nicht nur den Umgang mit Freunden verändert. Sie nimmt auch längst Einfluss aufs Familienleben. Während früher alle ein bis zwei Wochen mit den Großeltern telefoniert wurde, erhält manch einer heutzutage tägliche Updates über das künstliche Hüftgelenk oder die neuesten Kuchenrezepte. Der Nachrichtendienst WhatsApp macht's möglich: Sogenannte Familien-WhatsApp-Gruppen sind voll im Trend.

Die Chats sind Segen und Fluch zugleich, glaubt die Journalistin und Medienpsychologin Lisa Altmeier. Auf der Internetkonferenz Re:publica in Berlin sagte die 27-Jährige: "Ich habe vier Geschwister, dazu meine Eltern. Ich werde eigentlich pausenlos mit Nachrichten bombardiert." In den Chatgruppen werden vor allem Belanglosigkeiten ausgetauscht, glaubt Altmeier. Doch genau diese hätten erheblichen Einfluss auf die Interaktion der Familienmitglieder, weil die Kommunikation schneller und übergreifender werde: "Schon allein dadurch, dass du gleichzeitig mit der ganzen Familie kommunizieren kannst, auch wenn sie nicht an einem Ort ist."

Familienchats als Chance - vor allem für Ältere

Über WhatsApp tauschen sich verschiedene Generationen aus. Das führt zuweilen zu skurrilen Chatverläufen. Zum Beispiel, wenn ein Familienmitglied schwer krank wird. Altmeier nennt dieses Phänomen ironisch "den Todesticker".

Auch wenn manche Themen nicht besonders chattauglich sind: Bloggerin Ilse Mohr aus der "Generation 50 plus" hält Familiengruppen für eine Chance: "Wenn man mehrere Kilometer voneinander entfernt wohnt, ist es einfacher Kontakt zu halten. Ich denke, digitales Familienleben ist besser als gar keins."

Unterschiedliches Vorwissen vorhanden

Teenager liest auf dem Smartphone eine Whatsapp-Nachricht (Bildmontage) © Fotolia.com Foto: determined
Während die junge Generation ganz selbstverständlich mit Whatsapp umgeht, sieht das bei den Älteren oft anders aus.

Mit ihrer Meinung steht Ilse Mohr nicht allein. WhatsApp zählt mittlerweile weltweit mehr als eine Milliarde Nutzer - generationenübergreifend. Gut jeder fünfte der 40- bis 60-Jährigen bewertet die App laut dem Portal Statistika als praktisch. Allerdings ist das Vorwissen der Generationen unterschiedlich. Um Kommunikationsschwierigkeiten zu vermeiden, sollten junge Menschen ihre Eltern und Großeltern unterstützen, findet Mohr: Für die Jungen sei zwar vieles ganz selbstverständlich, aber bei den Älteren, die gerade erst einsteigen, sei eben noch nicht alles so offensichtlich.

"Viele kleine Details werden sichtbar"

Auch die Kommunikationsexpertin Lisa Altmeier wünscht sich von ihrer Generation, dass sie den Älteren beim Chatten hilft. Denn auch wenn Familienchats manchmal nerven können, schätzt sie den Austausch über WhatsApp: "Das ist ja nicht nur das Versagen, was offensichtlicher wird, sondern viele kleine Details, die man liebt an seiner Familie." Außerdem sei es schön, dass vieles in der Kommunikation festgehalten würde. Liest man es später noch einmal durch, freue man sich darüber.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 19.05.2016 | 08:08 Uhr

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