Stand: 27.11.2014 12:20 Uhr  | Archiv

"Einfach mal machen!"

von Charlotte Horn, NDR Info

Mitbestimmen, mehr Freiheiten oder auch mal Teilzeit arbeiten: Über die sogenannte Generation Y und ihre Einstellung zur Arbeit ist in letzter Zeit viel berichtet worden. In Hamburg ist eine Social-Media-Agentur bereits seit fünf Jahren mit einem besonderen Job-Modell erfolgreich: Jeder Mitarbeiter kann sich mit seinen Ideen einbringen, das Gehalt legen sie selber fest und über allem steht das Motto: "Einfach mal machen". Wie funktioniert das in der Praxis?

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Wo heute die Schreibtische der Elbdudler-Mitarbeiter stehen, wurden früher Gottesdienste gefeiert.

Der Arbeitsplatz von Anna Nissen und ihren 32 Kollegen in der Agentur Elbdudler ist eine ehemalige Kirche im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Von dem geräumigen Kirchenschiff aus planen sie Social-Media-Konzepte für deutsche und internationale Unternehmen. Seit einem Jahr ist die 29-Jährige für Vertrieb und Marketing zuständig. In dieser Zeit hat sie die ungewöhnliche Arbeitsweise in der Agentur schätzen gelernt: "Ich kann hier mündig und selbstbestimmt arbeiten. Es ist niemand da, der mir vorschreibt, was ich machen soll, sondern das entscheide ich selbst. Das ist total anstrengend, weil ich ins Büro komme und selbst überlege wie mein Tag aussieht."

Auch Christopher Rohs, verantwortlich für Markenstrategie, ist von seinem Arbeitsumfeld überzeugt. Woanders zu arbeiten ist für ihn schlicht unvorstellbar: "Ich habe tatsächlich Angebote von anderen, durchaus großen Agenturen bekommen. Das ist nicht mehr relevant. Weil es für mich viele Werte hier gibt, wo ich überzeugt bin, dass es die nur hier gibt."

Neun Gebote regeln das Miteinander

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Anna Nissen (Mitte) schätzt die Arbeitsatmosphäre und die Freiheiten, die ihr die Firma bietet.

Selbstbestimmung steht als Motto für die Agentur ganz oben auf der Agenda. Für den täglichen Umgang miteinander haben die Kolleginnen und Kollegen neun Gebote aufgestellt. Darunter: "Wir reden miteinander", "Wir lügen nicht. Auch nicht für Umsatz" oder "Kompetenz schlägt Hierarchie". Nach diesen Werten richtet sich jeder - egal ob Texter, Designer oder Kundenberater. Wem das zu viel ist, der geht.

Die Selbstbestimmung bringt jedem einzelnen im Büro mehr persönliche Freiheiten. Anna Nissen muss sich zwar mit ihrer Arbeitszeit auch nach den Kunden richten, aber flexibel ist sie trotzdem: "Ich habe keine Stechuhr, wo ich sage: 'O.K., um 9 Uhr muss ich hier sitzen.' Wenn ich mal spontan weg will, ist das auch möglich. Ich kann auch neu denken: Ich möchte nicht freitags, sondern sonntags arbeiten. Das kann ich auch machen."

Aus den Gehältern wird kein Geheimnis gemacht

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Geschäftsführer Julian Vester nimmt seine Mitarbeiter mit in die Verantwortung. Das zahlt sich aus. Ein respektvoller Umgang miteinander sei das A und O.

Anders als bei vielen anderen Unternehmen reden die Elbdudler-Mitarbeiter auch ganz offen über ihr Gehalt. Anna verdient 4.500 Euro im Monat. Dafür hat sie mit ihren Kollegen über die Antworten auf vier Fragen diskutiert: Was brauche ich? Was verdiene ich auf dem freien Markt? Was bekommen die Kollegen? Und: Was kann sich das Unternehmen leisten?

In einer Liste kann jeder die Gehälter von allen nachschauen - wie auch alle anderen Ausgaben und den Umsatz der Agentur. Für Julian Vester, der die Firma gegründet hat, ist die Transparenz nur eine logische Folge der Arbeitseinstellung: "Vielleicht sind die Leute hier ein bisschen wilder und nicht so konservativ." Dem 30-Jährigen geht es darum, dass man respektvoll miteinander umgeht: "Ich glaube, dass jeder Mensch tolle Ideen hat, auch wenn er irgendwo am Band steht." Zurzeit tüftelt der Geschäftsführer an einem Modell, wie er seine Mitarbeiter an der Agentur beteiligen kann - wenn sie das wollen.

"Es ist Zeit für strukturelle Veränderungen"

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Hannah Bahl fordert ein Umdenken der Unternehmen: "Es ist Zeit für strukturelle Veränderungen."

Die Generation-Y-Expertin Hannah Bahl hält das Hamburger Modell für fortschrittlich und mutig. Ihrer Meinung nach müssten viel mehr Unternehmen in die Richtung umdenken: "Es gibt in Deutschland einen Talentmangel. Wenn Unternehmen attraktiv sein möchten, dann ist es Zeit für strukturelle Veränderungen. Dass das nicht über Nacht passieren kann, dass das für jedes Unternehmen angepasst sein muss, das muss man voraussetzen."

Elbdudler-Chef Vester glaubt, dass die Arbeitsweise seiner Agentur auch auf andere Branchen übertragbar ist. Auf ihrer Internetseite sucht die selbsternannte "familiärste Agentur Deutschlands" gerade neue Mitarbeiter. Unter "Was wir bieten" steht unter anderem: flache Hierarchien und eine Kirche als Arbeitsplatz.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 27.11.2014 | 08:08 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/Einfach-mal-machen,generationy134.html

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