Stand: 04.10.2019 22:16 Uhr

Nairobi: Auch wir sind das Volk!

von Bettina Rühl, Korrespondentin im ARD-Studio Nairobi

Slumbewohner haben in Kenia einen schlechten Ruf, werden gerne als "Kriminelle" abgetan und sind besonders vielen Übergriffen durch die Polizei ausgesetzt. Da viele Slumbewohner ihre Bürgerrechte nicht kennen, wehren sie sich kaum. Das will Vincent Odhiambo Omodi ändern - und zwar mit Hilfe der Kultur.

Bild vergrößern
Die Theatergruppe "Wasanii Sanaa" spielt auch vor Schülern und Studierenden.

Dutzende junge Augenpaare kleben an einem Schüler, der offensichtlich betrunken ist und mit seiner Mutter streitet. Diese wirft ihm vor, dass er trinkt, die Schule schwänzt und eine schlechte Gesellschaft für andere sei. Odhis, der Schüler, hält dagegen: Er könne besser Englisch als seine Mutter, die in der Landessprache Kiswahili mit ihm spricht - also vermutlich nur kurz oder gar nicht in der Schule war.

Die Kunst der Künstler

Das Ganze ist nur ein Spiel, aufgeführt von Mitgliedern der kenianischen Jugendgruppe "Wasanii Sanaa", auf Deutsch etwa: "Die Kunst der Künstler". Vincent Odhiambo Omondi hat die Gruppe in Kibera gegründet, einem der größten Slums in Nairobi. "Mit "Wasanii Sanaa" will ich die Talente der jungen Menschen hier in Kibera nutzen und sie fördern. Außerdem soll unsere Arbeit ihnen helfen, mit den Problemen klarzukommen, die sie hier im Alltag immer wieder haben. Es geht um Menschenrechtsverletzungen, Drogenmissbrauch und Gewalt gegen Frauen."

Bild vergrößern
Vincent Odhiambo Omodi ist in Kibera aufgewachsen und wollte sich schon als Kind für Menschenrechte einsetzen.

An diesem Morgen spielt "Wasanii Sanaa" in Kibera vor Schülern und Studierenden. In dem Stück geht es um den Selbstmord von Jugendlichen. Die Botschaft: Es gibt aus jeder Krise einen Ausweg. Der 23-jährige Mathematikstudent Vincent ist von der Aufführung begeistert. "Das ist eine richtige moralische Lektion. Und es war wirklich lustig, richtig lustig."

Vincent Odhiambo Omodi ist in Kibera aufgewachsen und zur Schule gegangen. "Ich habe immer wieder beobachtet, wie Polizisten Frauen und Jugendliche schikaniert haben. Ich habe sexuelle Übergriffe gesehen und andere Formen von Polizeigewalt, auch willkürliche Hinrichtungen. Schon als Kind habe ich gesagt: "Eines Tages werde ich mich für diese Menschen einsetzen und ihre Rechte verteidigen."

Eine Lehrstunde in Bürgerrechten

Bild vergrößern
Vincent Odhiambo Omodi, der Gründer der Gruppe "Wasanii Sanaa", hier kurz vor einem Tanzauftritt.

Nach Vincents Erfahrung wissen die meisten Menschen im Slum nicht, welche Rechte sie als Bürger haben, wie sie sich gegen Polizeigewalt wehren können. Das will er ändern. Durch Amnesty International und andere Organisationen wurde er zu einem Anwaltsgehilfen ausgebildet. Außerdem hat er ein Jurastudium angefangen, dass er allerdings nach zwei Semestern auf Eis legen musste, weil er die Studiengebühren zur Zeit nicht bezahlen kann. Durch "Wasanii Sanaa" kann er trotzdem weiterhin das machen, was ihm am Herzen liegt: die Menschen über ihre Rechte aufzuklären. Und zwar spielerisch und artistisch, durch Theateraufführungen, Tanz oder Musik. Auch an diesem Morgen, zwischen den Theaterstücken.

Begeistert von Theater und Tanz

"Das war wunderbar! Ich habe noch nie etwas so Beeindruckendes gesehen. Vor allem, wie die Tänzer sich bewegen, was für eine Erfahrung sie vermitteln. Ich wünschte, ich könnte mitmachen," meint die 17-jährige Schülerin Keila Kathy. So ähnlich ging es auch mal Nancy Makini, die gerade mitgetanzt hat - in einem knallgrünen Zweiteiler, der an traditionelle afrikanische Kleidung erinnern soll.

Bild vergrößern
Nancy Makini hofft, mit Hilfe der Gruppe mehr Informationen über Menschenrechte zu verbreiten.

Ich hatte "Wasanii Sanaa" schon ein paar Mal bei Aufführungen gesehen. Und ich war damals schon von Kunst begeistert, ich wollte selbst etwas Künstlerisches machen. Also habe ich Vincent einfach gefragt, ob ich mitmachen kann. Ich hatte ja schon mitbekommen, wie sie mit den Menschen in Kibera über verschiedene Probleme gesprochen haben. Mich hat an der Gruppe interessiert, dass ich mit ihnen meine Leidenschaft für Kunst nutzen kann, um Informationen über Menschenrechte zu verbreiten." Nancy, damals 19 Jahre alt, war wie Vincent in Kibera aufgewachsen und in die Schule gegangen. Inzwischen studiert sie Wirtschaftswissenschaften und Statistik.

Die Arbeit mit "Wasanii Sanaa" habe sie verändert, meint Nancy. "Ja, ich habe jetzt Selbstvertrauen, kann mich ausdrücken und habe keine Angst, mit Menschen zu reden. Es macht mir beispielsweise nichts mehr aus, eine Veranstaltung zu moderieren. Aber früher war ich schüchtern. Jetzt hätte ich keine Scheu mehr, es mit einem Polizisten aufzunehmen, der mich schikaniert. Ich glaube, ich könnte ihm klar machen dass ich weiß, was ich darf und was ich nicht darf. Die Polizisten können meine Rechte nicht mehr verletzten."

Weitere Informationen

Echo der Welt

Jeden Sonntag liefert das Auslandsmagazin von NDR Info Reportagen und Berichte aus aller Welt. Für das "Echo der Welt" berichten vor allem die ARD-Korrespondenten. mehr

Podcast
Podcast

Echo der Welt

Jeden Sonntag sendet das Auslandsmagazin Echo der Welt Reportagen und Berichte aus aller Welt. Hier finden Sie die NDR Info Sendung als Podcast zum Nachhören und Runterladen. mehr

Eine Frau der Jugendgruppe Wasanii Sanaa aus den Slums in Nairobi tanzt © ARD Foto: Bettina Rühl

Kenia: Slumbewohner suchen spielend Selbstbewusstsein

NDR Info - Echo der Welt -

Die Themen der Sendung: Hochgeschwindigkeitszug in China; Abtreibungskrieg in Alabama; Slumbewohner in Kenia; Hochbetagte in Spanien; Fußballerinnen in Sudan

3,33 bei 3 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 06.10.2019 | 13:30 Uhr