Stand: 21.06.2019 15:30 Uhr

Ägypten macht ernst: Plastikverbot am Roten Meer

von Anne Allmeling, Korrespondentin im ARD-Studio Kairo

Tüten, Flaschen, Zahnbürsten - im Roten Meer sammelt sich der Plastikmüll. Weil die ganze Region vom Tourismus abhängt, gilt in der ägyptischen Provinz Bahr Al-Ahmar seit Anfang Juni ein Verbot für Einwegplastik. Behörden und Umweltorganisationen setzen auf die Hilfe von Touristen und Einwohnern - doch von denen sind längst noch nicht alle überzeugt.

Bild vergrößern
Tauch-Guide Andreas Krieg weiß, warum Plastiktüten im Wasser für die verspielten Delfine so gefährlich sind.

Vom Motorboot springen Lisa und ihre Freundinnen ins Meer. Eine nach der anderen lässt sich ins Wasser fallen - mit Schwimmflossen, Schnorchel und Taucherbrille. Vor der Küste von Hurghada ist das Wasser so klar, dass die Korallen und Clownsfische von der Oberfläche aus zu sehen sind. Aus der Ferne nähert sich eine Gruppe Delfine: fünf, sechs, sieben große Tiere. In Paaren schnellen sie durchs Wasser, drehen sich um die eigene Achse, tauchen auf und holen Luft. Eine Weile lassen sie sich bestaunen, dann nehmen sie Kurs aufs offene Meer. Tauch-Guide Andreas Krieg erklärt ihr Verhalten: "Die Tiere haben gespielt, also es waren einige in der Schlafphase und andere waren in der Spielphase. Es war gut zu sehen, dass sie auch mit der Qualle gespielt haben." 

Spiel mit Plastik kann tödlich sein

Bild vergrößern
Nicht nur für Delfine und Schildkröten stellen Plastiktüten im Meer eine tödliche Gefahr dar.

Diese Neugierde wird den Tieren leicht zum Verhängnis. Denn sie spielen auch mit Plastiktüten - und davon gibt es im Roten Meer jede Menge. Der Müll von Einheimischen und Touristen landet häufig im Wasser - und im Magen der Tiere, sagt die Schweizer Zoologin Andrea Ziltener. Sie erforscht das Verhalten von Delfinen im Roten Meer. "Plastiktüten sehen oft aus wie Nahrung. Schildkröten zum Beispiel fressen Quallen, für sie ist es dann gefährlich, wenn sie die Tüten mit Nahrung verwechseln."

Delfinen werde eher ihr Spieltrieb zum Verhängnis: "Die Delfine spielen oft auch mit Seegras oder Seetang und allem, was herumschwimmt. Wenn sie sich in Plastikmüll verheddern, kann es für die Tiere tödlich enden."

Einwegplastik wird verboten

Bild vergrößern
Beim Einkauf sollen Händler keine Plastiktüten mehr ausgeben.

Verendende Tiere, Strände voller Plastikmüll - das will Ahmed Abdallah unbedingt vermeiden. Der Gouverneur der ägyptischen Provinz Bahr Al-Ahmar hat ein Verbot für Einwegplastik erlassen. In Hurghada und bald auch in anderen Orten der Provinz dürfen Supermärkte keine Plastiktüten mehr ausgeben. Kunden müssen auf Strohhalme und Einwegbesteck verzichten. Das Verbot gilt zwar nur in der Provinz Bahr Al-Ahmar. Doch die erstreckt sich etwa 800 Kilometer am Roten Meer entlang bis zur Grenze zum Sudan. Ahmed Abdallah will sicherstellen, dass die Gegend attraktiv bleibt. "Für uns hier in Hurghada und in der Provinz Rotes Meer ist der Tourismus die wichtigste Einkommensquelle. Wir wollen diese Branche bewahren und die Qualität steigern. Und um die Qualität zu steigern, müssen wir auch auf die Umwelt und die Gesundheit achten."

Plastikfreies Hotel

Davon ist auch Gérard Hansen überzeugt. Der Niederländer leitet das erste plastikfreie Hotel in Hurghada. Wo früher Kleiderbügel aus Plastik im Schrank hingen, finden Gäste heute Bügel aus Holz; kleine Fläschchen für Shampoo und Duschgel haben einem nachfüllbaren Behälter Platz gemacht. Kleine Schritte, die zu größeren führten. Ein Jahr habe die Umstellung gedauert, erzählt Hansen, zum Beispiel auf den Balkonen: "Wir haben fünf Stockwerke, 550 Zimmer, jedes hat seinen eigenen Balkon. Da steht zwei Stühle und ein Tischchen." Die waren aus Plastik, und die habe man nun begonnen, gegen Bambus-Möbel zu tauschen. Bambus, Holz und Papier statt Plastik - langfristig rechnet der Hotel-Direktor dadurch mit einem Wettbewerbsvorteil:  "Ganz ehrlich gesagt: Die meisten sind - begeistert ist ein großes Wort, aber sicherlich motiviert und unterstützen uns."

Umweltschutz wirkt wie ein Luxusproblem

Bild vergrößern
Wie schädlich Plastik für die Umwelt, aber auch für die Menschen sein kann, ist vielen Ägyptern nicht bewusst.

Unterstützung bekommen Hotels und Unternehmer von der ägyptischen Nichtregierungsorganisation HEPCA. Die setzt sich schon seit Jahren für das Verbot von Einwegplastik ein. Dabei gehe es aber nicht allein um den Umweltschutz, sagt die stellvertretende Direktorin Heba Shawky: "Wir wollen unser Ziel auf verschiedenen Ebenen erreichen. Zuallererst geht es uns um die Gesundheit der Menschen. Außerdem wollen wir ihre Mentalität ändern, indem wir ihnen klar machen, dass wir ohne Plastik auskommen können und dass uns Plastik schadet."  Darüber hinaus solle Plastik insgesamt reduziert werden, weil es im Meer landet und die natürlichen Ressourcen zerstöre.

Keine leichte Aufgabe in einem Land, in dem viele Menschen ihren Müll überall entsorgen: am Straßenrand, auf den Feldern, im Fluss. Wie schädlich Plastik für die Umwelt, aber auch für die Menschen sein kann, ist vielen Ägyptern nicht bewusst. Armut und Analphabetismus sind weit verbreitet; Umweltschutz wirkt auf viele wie ein Luxusproblem. Ein Grund, warum längst nicht alle Einheimischen vom Plastikverbot überzeugt sind.

Händler: Papiertüten müssen bezahlbar sein

Bild vergrößern
Auch in den Supermärkten ist das Angebot an Plastiktüten groß.

In dem kleinen Supermarkt von Abdallah Gad stapelt sich die Ware bis unter die Decke. Die Regale sind vollgepackt mit Schuhputzzeug, Waschpulver und Geschirrspülmittel. Kinder aus der Nachbarschaft kaufen Eis und Schokoriegel, Männer und Frauen besorgen Batterien, Brot oder eine Packung Reis. Fast alle nehmen auch eine oder gleich mehrere Plastiktüten - für Inhaber Abdallah Gad ein Service, der einfach dazugehört. Auf Papiertüten umzusteigen, wie der Gouverneur es für die gesamte Provinz fordert, kann sich der Händler noch nicht vorstellen: "Ein Kilo Plastik ergibt 200 Tüten. Damit kann ich 200 Kunden bedienen - für 30 Pfund. Aber wie viel kosten Papiertüten? Wichtig ist für mich, dass die Papiertüten nicht mehr kosten als die Plastiktüten. Sie müssen für mich bezahlbar sein."

"Das wird dauern"

Wer gegen das Plastik-Verbot in der Provinz verstößt, muss erst mit einer Verwarnung und dann mit einem Bußgeld rechnen. Bei einem dritten Verstoß soll der Betrieb dann geschlossen werden - so sieht es der Plan vor. Heba Shawky von HEPCA setzt aber weniger auf Strafen. Sie und ihre Kollegen wollen überzeugen. Sie halten Vorträge in Schulen, verteilen Mehrweg-Einkaufstaschen und zeigen Alternativen zu Plastik auf: "Wir haben viele Strategien, aber es wird dauern. Das sage ich auch den Leuten, die immer pessimistisch sind. Wir umarmen keine Bäume. Aber manche Ziele brauchen einfach Leidenschaft, Zeit und Mühe, damit wir sie erreichen."

 

Plastik liegt im Roten Meer bei Hurghada Bahr Al-Ahmar © ARD Foto: Anne Allmeling

Plastikverbot am Roten Meer

NDR Info - Echo der Welt -

Die Themen im "Echo der Welt": Wallfahrt nach Chiang Rai | Plastikverbot am Roten Meer | Plastik-Politik in Kenia | Albinos in Malawi | Mode für Cowboys

3 bei 2 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

 

Weitere Informationen

Echo der Welt

Jeden Sonntag liefert das Auslandsmagazin von NDR Info Reportagen und Berichte aus aller Welt. Für das "Echo der Welt" berichten vor allem die ARD-Korrespondenten. mehr

Podcast

Echo der Welt - Podcast

Jeden Sonntag sendet das Auslandsmagazin Echo der Welt Reportagen und Berichte aus aller Welt. Hier finden Sie die NDR Info Sendung als Podcast zum Nachhören und Runterladen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 23.06.2019 | 13:30 Uhr