Stand: 06.06.2012 16:50 Uhr  | Archiv

Wenn der Auszug einer Beerdigung gleicht

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Bernd Gohlke wohnt am längsten in den Elbtreppenhäusern und geht als Letzter: Nach dreißig Jahren zieht er kommende Woche aus.

Bernd Gohlke kippt Wasser aus einer Gießkanne auf einen Perserteppich, den er vor seiner Haustür ausgebreitet hat. Dann gibt er Spülmittel dazu und beginnt, mit einem Schrubber den Läufer sauber zu reiben. Einen Flokati hat er schon fertig, der hängt am Geländer und tropft vor sich hin. "Die Teppiche sollen sauber sein, wenn sie in die neue Wohnung kommen", sagt Gohlke und gießt noch ein wenig Wasser nach.

Gohlke ist einer der letzten, die hier wohnen, am Elbhang in Hamburg-Neumühlen, Elbtreppe 15b. Seit über dreißig Jahren lebt er hier, ist als Urgestein fest verwurzelt in diesem bauhistorischen Ensemble von fünf Häusern, die alle über 130 Jahre alt sind. Jetzt sollen sie saniert werden - und dafür müssen alle noch verbliebenen Mieter raus. Eigentlich ganz im Sinne der Bewohner: Seit Mitte der 90er-Jahre fordern sie die Instandsetzung der Gebäude. Doch lange Zeit unternahm die städtische Wohnungsgesellschaft SAGA nichts.

Ein Rundgang durch das Treppenviertel

Abriss, Sanierung, Teilabriss - Mieter sauer

Ab 2006 gab es dann Pläne, drei der fünf Gebäude abzureißen und neu zu errichten, mit deutlich teureren Mieten. Die Mieter gründeten eine Initiative und kämpften dafür, dass alle fünf historisch bedeutsamen, aber stark baufälligen Häuser über dem ehemaligen Altonaer Hafen saniert werden und die alten Bewohner zu angemessenen Mieten zurückkehren können. 2010 strengten sie sogar ein Bürgerbegehren gegen den Abriss an - und gewannen. 10.000 Menschen im Bezirk Altona stimmten für den Erhalt. Ein Jahr später legte die SAGA Pläne vor, wie sie alle fünf Häuser sanieren will. Dazu sollten die Mieter die Häuser verlassen - mit Rückkehrrecht in ihre alten Wohnungen. Die meisten der ehemals rund 30 Bewohner sind aus den 26 Hafenarbeiter-Wohnungen bereits ausgezogen.

Wende der SAGA - "Das hat uns umgehauen"

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Hinter diesen Fenstern hat Karsten Schnoor bis zum Februar gewohnt. Dann ist er ausgezogen, weil die SAGA die Gebäude sanieren will.

Doch vor wenigen Wochen kam dann eine Wende der SAGA, die die früheren Mieter geschockt hat: Zwei der Häuser sollen nicht saniert, sondern abgerissen und in gleicher Form wieder aufgebaut werden. "Nach wie vor gelten für die beiden Häuser sehr schwierige Baubedingungen (eines davon droht zum Beispiel abzurutschen, Hanglage)", schreibt die SAGA. Ein Abriss sei da billiger. "Das hat uns umgehauen", erregt sich Karsten Schnoor. Er ist im Februar ausgezogen. "Wir haben an die Zusagen der Saga geglaubt, die haben das ja öfter sehr publikumswirksam erzählt, dass sie sanieren wollen und haben uns zum Auszug gedrängt nach dem Motto: Je schneller ihr auszieht, desto schneller könnt ihr wieder rein und das haben wir geglaubt. Das war ein absoluter Fehler."

Schnoor legt Wert auf eine originalgetreue Instandsetzung der historischen Häuser: "Man findet in ganz Hamburg nirgends ein Ensemble, dass auf so kleinem Raum so viele Typen von Arbeiterhäusern darstellt. Das ist eine einmalige Sache." Von der "alternativen Überlegung" der SAGA, die "beiden Häuser abzureißen und sie in gleicher Kubatur wiederaufzubauen, um das Gesamtensemble in seiner Erscheinung zu erhalten", hält Schnoor nichts: "Da würde ein ganz neues Haus mit historisierender Fassade entstehen. Für mich ist das so ein bisschen wie Disneyland."

Blick in die Baugeschichte

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Zwischen den modernen Glasgebäuden wirken die Elbtreppenhäuser etwas verloren. Sie sind die letzten Überbleibsel der historischen Hafensiedlung.

Die Elbtreppenhäuser wirken wie aus der Zeit gefallen hinter all den neuen, stahl- und glasblitzenden Bürobauten, die in den vergangenen Jahren direkt davor entstanden sind. Ineinander verschachtelt und von üppigen Kletterpflanzen umrankt geben die Elbtreppenhäuser einen Eindruck davon, wie beengt Arbeiter im Industriezeitalter gewohnt haben.

Gohlke lebt in einem Sahlhaus, einer früher weit verbreiteten Form des Arbeiterhauses - mit separaten Haustüren für jede Wohnung im Erdgeschoss und einer schmalen Steige mit so kleinen Stufen, dass man aufpassen muss, nicht abzurutschen. Gohlke steigt hinauf  - "das ist meine Elbtreppe. Dreißig Jahre bin ich hier rauf- und runtergegangen." Oben hat er 27 Quadratmeter: ein kleines Wohnzimmer, vollgestellt mit kleinen Porzellanfiguren und Seefahrer-Memorabilia, ein noch winzigerer Schlafraum, eine Küche mit Kohleofen in der Nische. Die Toilette befindet sich auf dem Flur, auch der bereits ausgezogene Nachbar hat sie mitbenutzt. Der Standard ist gering, die Miete aber auch. Gohlke zahlt nur 166 Euro kalt.

Dafür war es aber auch meistens kalt. Die alten Elektroheizungen kamen gegen eisige Temperaturen nicht an. Im vergangenen Winter war es besonders schlimm: "Ich habe das vorher noch nie gesehen, dass Thermopenscheiben Eisblumen am Fenster haben." Die Wohnungen ringsum waren da schon leer, versiegelt und unbeheizt.

Auszug ohne Wiederkehr

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Bis zum Umzug in wenigen Tagen will Bernd Gohlke alle Teppiche gereinigt haben.

Bernd Gohlke zieht kommende Woche Mittwoch aus: "Der Umzugswagen kommt morgens um 7 Uhr." Anders als Karsten Schnoor wird er nach der Sanierung nicht zurückkehren. Gohlkes neues Quartier liegt in Bahrenfeld, weit weg von der Elbtreppe also: "Wenn die Möbelpacker anrücken, dann werde ich wohl die eine oder andere Träne verdrücken", sagt er und blickt sich nachdenklich in seiner Küche um. "Ich werde abschließen und dann war es das. Das ist ein bisschen wie eine Beerdigung." Gohlke füllt seine Gießkanne in der Spüle und geht damit die enge Treppe hinunter. Er muss jetzt weiterarbeiten. Er hat noch mehrere Teppiche, die er schrubben will, bevor sie in die neue Wohnung kommen.

Karte: Die Elbtreppenhäuser in Neumühlen

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 20.10.2009 | 19:30 Uhr

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