Stand: 29.10.2013 14:04 Uhr  - Panorama 3  | Archiv

Roma in Hamburg: Leben in der Armutsfalle

von David Hohndorf & Elena Kuch

Sie sind das Gesicht, wenn in Deutschland über "Armutszuwanderer" gesprochen wird: Roma, die aus ihren Heimatländern im Osten Europas nach Deutschland kommen, auf der Suche nach Arbeit und einer besseren Zukunft für sich und ihre Familien. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich lässt kaum eine Gelegenheit aus, Migranten aus Rumänien und Bulgarien pauschal als Abkassierer zu brandmarken, die es sich hier in der "sozialen Hängematte" bequem machen wollen.

VIDEO: Roma in Hamburg: Leben in der Armutsfalle (8 Min)

Doch wie sieht das Leben in der "sozialen Hängematte" wirklich aus? In einem Land, in das Rumänen und Bulgaren zwar frei einreisen, in dem sie aber keine Arbeit annehmen dürfen?

Zu Hause bei Vika und ihrer Familie in Hamburg wird in Schichten gegessen. Zugleich passen alle gar nicht in die Küche. In der Drei-Zimmer-Wohnung leben drei Familien, zusammen sind sie achtzehn Personen: Vika, die Kinder, Vikas Eltern und ihre Geschwister mit Familie. Sechs Leute schlafen in jedem Zimmer, quer auf Matratzen und Sofas, die Beine auf einem Stuhl. "Wie die Heringe", sagt Vika.

Wuchermieten - aber immerhin ein Dach über dem Kopf

Roma in Hamburg © NDR
In dieser Häuserreihe im Hamburger Stadtteil Harburg wohnt die Roma-Familie neben Bahngleisen und Hafenverkehr.

Die Wohnung liegt am äußersten Rand in Hamburgs Süden. In einer Straße mitten im Industriegebiet. Nebenan: die rauchenden Schornsteine eines Gaswerks. Vor dem Fenster: vorbeirauschende Güterzüge und Lastwagen. Die Hausfassade bröckelt.

Doch die Roma-Familie ist froh, diese Wohnung überhaupt gefunden zu haben. Obwohl sie auch noch einen Wucherpreis dafür zahlen muss. 1.550 Euro verlangt der Vermieter für die Unterkunft, jeden Monat. "Die Wohnung ist zwar klein, aber besser als unser Haus in Rumänien. Da hatten wir keine Heizung, keine Toilette und auch keinen Strom", erzählt Vika.

Auch in Hamburg dürfen sie nicht arbeiten

Roma in Hamburg © NDR
Hofft auf eine bessere Zukunft in Deutschland: Vika, die mit 18 Familienmitgliedern in einer Drei-Zimmer-Wohnung lebt.

Die Familie ist nach Deutschland gekommen, weil sie in ihrer Heimat so arm war, dass sie es nicht mehr ertragen konnte. Und auch nicht ändern, denn Roma haben in Rumänien keine Chance auf bezahlte Arbeit in der Stadt. "Wir haben auf dem Feld gearbeitet, den ganzen Tag bis die Sonne unterging. Als Bezahlung haben wir am Abend ein paar Eier, Milch und ein bisschen Brot bekommen. Kein Geld."

Auch in Hamburg dürfen sie als Rumänen nicht arbeiten, es sei denn sie sind hoch qualifiziert und als Facharbeiter gesucht. So ist es durch die bisher geltende eingeschränkte Freizügigkeit in der EU festgelegt. Für alle anderen bleibt als einzige Möglichkeit der Gewerbeschein: Und so arbeiten viele als scheinselbstständige Reinigungskräfte, Erntehelfer oder Lagerarbeiter - oft zu Dumpinglöhnen und ohne jede soziale Absicherung. Die eigentlichen Profiteure der Armutszuwanderung sind jene Unternehmer, die die mangelnde rechtliche Absicherung von Rumänen und Bulgaren auf diese Weise ausbeuten.

Innenminister Friedrich: "Die kommen, um abzusahnen"

Auch Vika und ihre Familie haben keine Arbeit. Sie verdienen ihren Unterhalt mehr schlecht als recht, indem sie das Obdachlosenmagazin "Hintz und Kunzt" verkaufen. Sozialleistungen kann und darf die Familie nicht in Anspruch nehmen, weil keiner von ihnen je in Deutschland sozialversicherungspflichtig gearbeitet hat. Wenn einer krank wird, fahren sie mit dem Reisebus nach Rumänien, weil sie sich den Arztbesuch hier nicht leisten können. Keiner von ihnen ist in Deutschland krankenversichert.

Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) © picture-alliance/dpa Foto: Stephan Scheuer
Innenminister Friedrich spricht von "Absahnern": Dabei stehen Vika und ihrer Familie überhaupt keine Sozialleistungen zu.

Wie Hohn muss ihnen deshalb in den Ohren klingen, was Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) nicht müde wird zu behaupten. Er spricht von "Armutsflüchtlingen", die sich in Deutschland in die "soziale Hängematte" legen und von "Absahnern". Seine Befürchtung: Wenn ab 2014 für Rumänen und Bulgaren die uneingeschränkte Freizügigkeit kommt, wird es einen noch viel größeren Zuzug nach Deutschland geben. Und auch diese Menschen würden dann, so warnt der Minister, nur kommen, um hier Sozialleistungen zu kassieren.

Dass dies auch nach 2014 nicht möglich sein wird, sagt der Bundesinnenminister nicht. Dafür aber bringt den Roma die EU-weite Freizügigkeit einen großen Fortschritt. Ab dem kommenden Jahr dürfen sie in der EU regulär arbeiten und bekommen Arbeitnehmerrechte. Eine kleine Hoffnung, auch für Vika und ihre Familie.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 29.10.2013 | 21:15 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

Szene aus dem Spiel HSV - Düsseldorf © Witters Foto: Valeria Witters

Terodde und eine starke Abwehr: HSV besiegt Düsseldorf

Der Hamburger SV ist mit einem Sieg in die neue Zweitliga-Saison gestartet. Trainer Daniel Thioune stellte nach dem Pokal-Aus beherzt um und wurde für seine Entscheidungen belohnt. mehr

Autos fahren in und aus dem Elbtunnel in Hamburg. © picture alliance / dpa Foto: Ulrich Perrey

A7 mit Elbtunnel am Wochenende gesperrt

Vollsperrung auf der Autobahn 7: Bis Montagmorgen um 5 Uhr dürfen zwischen Hamburg-Volkspark und -Heimfeld für 55 Stunden keine Autos fahren. Die gesperrte Strecke schließt den Elbtunnel ein. mehr

Katharina Fegebank bei einem Kleinen Parteitag der Hamburger Grünen am Rednerpult. © picture alliance / dpa Foto: Georg Wendt

Genehmigung von Heizpilzen sorgt für Streit bei Grünen

Die Hamburger Grünen haben bei ihrem Kleinen Parteitag über die angekündigte Zulassung von Heizpilzen gestritten. Bezirkssenatorin Fegebank verteidigte die Entscheidung gegen Kritik. mehr

Andreas Dressel (SPD), Finanzsenator von Hamburg, nimmt an der Sitzung der Hamburgischen Bürgerschaft im Rathaus teil. © picture alliance/dpa Foto: Daniel Reinhardt

Dressel: Keine politische Einflussnahme im Steuerfall Warburg Bank

Die Cum-Ex-Geschäfte der Warburg Bank waren Thema im Haushaltsausschuss. Hamburgs Finanzsenator Dressel sagte, eine politische Einflussnahme auf den Steuerfall habe es nicht gegeben. mehr