Stand: 18.09.2012 18:26 Uhr  | Archiv

Tiere als Opfer der Windenergie

von Florian Wöhrle
Toter Seeadler neben einer Windkraftanlage. © Staatliche Vogelschutzwarte Brandenburg Foto: Silvio Herold
Von einem Rotorblatt erwischt: Ein toter Seeadler an einer Windkraftanlage.

Die Energiewende in Deutschland bringt die Umweltschützer in eine Zwickmühle: Forschungsergebnisse zeigen, dass im Betrieb und beim Bau von Windkraftanlagen die Tierwelt zum Teil massiv leidet.

Erschreckend hoch sind die Opferzahlen in der heimischen Vogelwelt: Nach Informationen des NABU-nahen Michael-Otto-Instituts in Schleswig-Holstein sterben bis zu 100.000 Vögel pro Jahr an den Windkraftanlagen in Deutschland. Institutsleiter Hermann Hötker schätzt, dass es in Norddeutschland besonders viele Opfer gebe, weil hier überdurchschnittlich viele Turbinen arbeiten. Experten der Staatlichen Vogelschutzwarte in Brandenburg, bei der Meldungen über an Windanlagen verendete Vögel zusammenlaufen, halten die Hochrechnungen für realistisch.

 

Greifvögel und Fledermäuse besonders gefährdet

Vor allem Greifvögel wie Seeadler und Mäusebussarde, aber auch Seeschwalben und Möwen kommen dort ums Leben. Sie werden nicht etwa "geschreddert", wie es häufig heißt, sondern beim Durchfliegen von einem Rotorblatt tödlich getroffen. Einige Vögel kommen auch ums Leben, weil sie in Luftverwirbelungen der Turbinen geraten und zu Boden stürzen.

Mindestens genauso hoch wie die Zahl der getöteten Vögel liegt die Opferschätzung bei Fledermäusen. Die kleinen Säugetiere sterben häufig durch innere Verletzungen, weil der Unterdruck in der Nähe der drehenden Rotoren die feinen Blutgefäße zerreißt. Es gibt erste Forderungen, die Mühlen bei "Fledermauswetter", zum Beispiel an lauen Sommerabenden, vorübergehend abzustellen.

Hermann Hötker, Leiter des Michael-Otto-Instituts des Naturschutzbundes (Nabu) in Bergenhusen. © Hermann Hötker Foto: Hermann Hötker
Vogelschutz kontra saubere Energie: "Wir sind in einer Zwickmühle", sagt Hermann Hötker vom NABU-nahen Michael-Otto-Institut.

Weniger gut untersucht sind die Verdrängungsmechanismen, die von neu gebauten Windkraftanlagen ausgehen. Viele Vögel meiden instinktiv vertikale Strukturen in ihrer Nähe und suchen sich zur Rast oder zur Brut andere Gebiete. Doch diese dürften zum Beispiel für Arten wie Goldregenpfeifer, Uferschnepfe oder Kiebitz knapp werden, sagt Hötker. Er fordert, bei der Planung neuer Anlagen genügend Abstand zu bekannten Brutgebieten einzuhalten.

Auf dem Meer könnte es ganze Schwärme treffen

Eine besondere Herausforderung für Vogelschützer sind die Windanlagen auf dem Meer, die sogenannten Offshore-Parks. Dort lassen sich Opferzahlen kaum bestimmen. Es gibt Befürchtungen, dass Vogelschwärme bei besonderen Wetterlagen vom Licht der Anlagen angelockt werden und dort zu Hunderten oder Tausenden in den Rotorblättern verenden könnten.

Als Vorsichtsmaßnahme könnte man die Anlagen oder die Warnleuchten bei bestimmten Wettersituationen abschalten. Im Bürgerwindpark Ockholm-Langenhorn in Schleswig-Holstein werden derzeit Anlagen getestet, die das Dauerblinklicht überflüssig machen sollen: Die auch bei Anwohnern unbeliebten Lichter sollen durch Radartechnik nur noch dann leuchten, wenn Flugzeuge in der Nähe sind.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Panorama 3 | 06.12.2016 | 21:15 Uhr

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