Stand: 14.12.2018 11:20 Uhr

Orang Utans auf Borneo

von Lena Bodewein, Korrespondentin im ARD-Studio Singapur

Auf der indonesischen Insel Borneo ist inzwischen die Hälfte des Regenwaldes verschwunden. Die Bäume werden abgeholzt, um Platz für Palmöl-Plantagen zu schaffen. Palmöl, das sich in unseren Lebensmitteln und Kosmetikprodukten befindet - und von dem man früher einmal dachte, es sei nachhaltig und daher Bio. Das glaubt inzwischen wohl niemand mehr, aber dem Regenwald hat diese Erkenntnis bisher nicht geholfen. Und den Orang Utrans, die noch auf Borneo leben, auch nicht. Sie geraten immer mehr unter Druck. Ihr Lebensraum schrumpft.

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Der Lebensraum der Orang Utans ist gefährdet, weil riesige Waldgebiete den Palmöl-Plantagen weichen müssen.

Der Ruf zur Fütterung hallt durch den Wald von Borneo. Plötzlich rauschen sie durch die Baumwipfel heran, arbeiten sich vor bis zur Futterplattform: rothaarig, riesig, behände, Arm über Arm über Fuß über Spagat über Fuß, so springen und schwingen sie von Baum zu Baum. In großer Höhe, waghalsig und doch sicher. Orang Utans, die großen Menschenaffen.

"Ich liebe es, den Orang Utans zu folgen, aber es ist traurig, ihren Kampf um ihr Territorium zu sehen. Illegale Abholzer und Wilderer bedrohen sie, auch hier im Nationalpark." - Roso ist Ranger im Nationalpark Tanjung Puting in Kalimantan, dem indonesischen Teil der Insel Borneo. Der Park liegt eine halbe Tagesreise per Boot den Fluss hinab - dort, wo früher ein riesiges Waldgebiet war, das jetzt aber von vielen Palmöl-Plantagen duchlöchert und umzingelt ist.

Ein ungleicher Kampf

Vor 47 Jahren kam die Forscherin Birute Galdikas hier an, mit einem Kanu im tropischen Sturzregen. Seitdem studiert sie die Orang Utans. Galdikas erforscht die Menschenaffen nicht nur, sie schützt auch ihren gefährdeten Lebensraum.

"Für mich ist sie eine Heldin, sie beschützt diesen Nationalpark", erzählt Isy. Der 45-Jährige stammt aus dieser Gegend Kalimantans, er hat lange für Birute Galdikas und ihre Orang-Utan-Stiftung gearbeitet. "Ohne sie gäbe es keinen Öko-Tourismus hier. Sogar die Forst-Polizei bekommt die illegale Abholzung und die Wilderei nicht alleine in den Griff. Sie hat viele Menschen angestellt, die dafür kämpfen", berichtet Isy. Ihr eigenes Leben sei ihr nicht wichtig.

Gefährliche Patrouillen im Wald

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Auch die Menschen müssen ein Bewusstsein dafür bekommen, wie wichtig der Regenwald ist.

Galdikas ist die Quelle und die Wurzel dieses Waldes, seiner Existenz, sagt Isy. Deswegen will auch er mehr Bewusstsein unter seinen Landsleuten dafür schaffen, wie wichtig der Wald ist, damit sie nicht das Holz illegal abholzen. Denn die verbotene Jagd nach Tropenhölzern und die Rodung geschützter Flächen für Palmöl-Plantagen gefährden den Lebensraum der Orang Utans. "Als ich einmal im Wald patrouillierte und nach illegalen Abholzern suchte, wurde ich von ihnen bedroht: 'Wenn Du nicht innerhalb von drei Tagen hier abhaust, dann töten wir Dich.' Aber wir sind da geblieben, haben uns nicht vertreiben lassen und den Wald weiter beschützt." In eben diesem Wald geht die Orang-Utan-Fütterung weiter.

Enge Mutter-Kind-Beziehung

Die meisten Weibchen, die sich durch die Baumkronen auf den Weg zum Essen machen, tragen ein Kind mit sich herum. Das Kind hält sich fest, egal, wie gewagt ein Sprung ist, ob es vom Bauch auf den Rücken wechseln muss. Bis zum sechsten oder siebten Lebensjahr bleibt es an seiner Mutter haften. Es macht ein paar Übungssprünge allein, ein paar unbegleitete Schritte zur nächsten Banane, trainiert jede kleine Handlung - bis der Menschenaffe mit den roten Haaren alleine überleben kann. So sollte es im Idealfall sein.

Aber das Ideal ist längst zerstört, erzählt Manohara Odelia, Tierschützerin und Politikerin. "Die Orang Utans können nirgendwo mehr leben, also gehen sie früher oder später in die bewohnten Gebiete, in die Palmöl-Plantange, weil sie nichts mehr zu essen haben. Oder sie fressen das, was die Dorfbewohner anbauen. Sie werden zur Landplage, und die Bewohner wollen sie so schnell wie möglich loswerden. Meistens töten sie die Mütter und nehmen die Kinder, um sie illegal zu verkaufen."

Zahl der Orang Utans schrumpft rasant                                            

100.000 Orang Utans sind seit dem Jahr 2000 in Indonesien gestorben, das ist die Hälfte der Population. Manohara beschreibt den Anblick der Orang-Utan-Waisen, die von Tierschutzorganisationen gerettet wurden. In Auffangstationen müssen sie lernen zu klettern, selbst Nahrung zu suchen - alles, was ihnen sonst ihre Mütter beibringen würden.

Vor allem brauchen die Tiere Nähe: "Die ganzen Waisen sitzen in einem Käfig. Sie rufen kläglich danach, festgehalten zu werden", berichtet Odelia. Die Menschen aber dürfen nicht einschreiten, wenn die Kleinen sich jemals an ein Leben in der Wildnis gewöhnen sollen. Doch auch mit der Auswilderung gibt es ein Problem: Es gibt zu wenig geschützte Flächen - und es werden immer weniger.

Der Regenwald verschwindet

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Die Dorfbewohner leben vom Palmöl, bleiben aber dennoch arm.

Isy Roso, der Waldschützer, steht hinter einem Dorf am Fluss vor einem großen Feld mit dunkelbrauner, schwerer Erde. "Was wir sehen? Nichts! Hier war Regenwald, noch nicht lange her, vor sechs bis zwölf Monaten noch. Jetzt ist es eine Mondlandschaft. Das Land gehört den Dorfbewohnern." Deprimiert steht er vor der Leere, ein Hund mit Krätze strolcht über das Feld.

Die Dorfbewohner bauen jetzt für eine Palmöl-Firma Ölpalmen an. Vom Ertrag bekommen sie 30 Prozent. Ihre Sehnsucht nach einem sicheren Einkommen ist verständlich, andere Verdienstmöglichkeiten gibt es wenig. Und der Bedarf an Palmöl wächst weltweit weiter. Shampoo, Nussnougat-Creme, Kekse, Tütensuppe und seit einigen Jahren auch noch sogenannter Biosprit.

Palmöl kann nicht nachhaltig sein

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Freiwillige Mitarbeiter der Orang-Utan-Stiftung heben einen toten Orang Utan aus dem Wasser. Meistens werden von Wilderern die Orang-Utan-Mütter getötet.

Überall ist Palmöl enthalten, mehr als die Hälfte davon kommt aus Indonesien. Um weniger schädliche Methoden für den Anbau zu fördern, wurde vor 15 Jahren der Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl gegründet. Dort sind aber vor allem Vertreter der Palmöl-Industrie repräsentiert, wie Fajar von der Orang-Utan-Stiftung kritisiert. "Das nachhaltige Palmöl ist Unfug, es gibt kein nachhaltiges Palmöl. All unsere Arbeit verlangsamt das Aussterben der Orang Utans nur. Sie hält es nicht auf."

Fajar hat vor Kurzem eine neue Rodung gesehen, eine neue Plantage wird gerade angelegt. In dem Wasserlauf, der das Feld umgibt, hat er einen toten Orang Utan gefunden. Laut Flurkarte liegt hier geschütztes Waldgebiet, aber eine Palmöl-Plantage schließt sich an die andere an, ein trister Anblick.

Plantagen-Arbeiter bleiben arm

"Wir sind 88 und 75 Jahre alt. Wir verdienen oft nicht genug, um uns etwas zu essen zu kaufen", erzählen zwei Arbeiter auf der Plantage. Der Besitzer steht auf der Liste der 50 reichsten Männer Indonesiens. "Der Preis von Palmöl sinkt so stark, dass wir bald nicht mehr ernten wollen. Der Besitzer will die Arbeiter nicht mehr bezahlen. Finden sie es denn nicht traurig, dass der Regenwald also beinahe umsonst geopfert wird? Nein, es gibt doch immer noch genug Wald!"

Im Jahr 1900 war die riesige Insel Borneo noch vollständig bewaldet, heute nicht mal mehr zur Hälfte. Und es gibt schon zig Anträge, um auch den Rest in Plantagen umzuwandeln. Fajar von der Orang-Utan-Stiftung meint: "Es ist traurig, aber ganz ehrlich: Ich habe nicht mehr zu viel Hoffnung für die Orang Utans."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 16.12.2018 | 13:30 Uhr