Stand: 12.11.2018 13:59 Uhr

Wer Fan sein will, muss leiden

von Martin Seidemann
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Auch für Uli Hoeneß ist die große Bayern-Bühne momentan etwas kleiner geworden. Da interpretiert er schon mal die Tabelle in seinem Sinne um.

Es gibt die These, dass Bayern München keine Fans hat. Also, es gibt natürlich Millionen von Menschen, die die Nähe zum Erfolg suchen. Es ist ja auch saubequem, mit größter Selbstverständlichkeit Siege zu konsumieren, die dann nicht mehr sind als ein sanftes Zucken der Synapsen, eine kleine, gut verträgliche Prise Endorphine. Die Seelen der Bayern-Anhänger sind gemästet mit emotionalen Leckerlis und bis in den letzten Winkel überzuckert.

Zum Fan-Sein gehört die Enttäuschung

Und deswegen sind sie eben keine Fans. Denn dazu gehört unabdingbar die Enttäuschung. Und der Schmerz. Und die Traurigkeit. Erst darin zeigt sich die Liebe zu einem Verein. Was für ein Glück also, dass es für den FC Bayern und dieses bräsige "Mia-san-Mia"-Gebrabbel endlich mal eins auf die Nuss gibt - ist das doch eine Chance für die emotionalen Erfolgstouristen, zu echten Fans zu werden.

Das Logo von FC Bayern München auf einer Fahne © imago

Große Chance für Fans des FC Bayern München

NDR Info - Auf ein Wort -

In der Bundesliga-Tabelle steht der FC Bayern München nur auf dem fünften Platz. Für die erfolgsgewohnten Fans könnte das eine Chance sein - meint Martin Seidemann.

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Das ist zwangsläufig ein unangenehmer Prozess. Und auch beim Verein selbst wissen sie nicht so richtig, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Uli Hoeneß zum Beispiel, was macht der da eigentlich? Einfache Antwort: Der Präsident schnappt über. Vor ein paar Wochen gibt er eine der lustigsten und traurigsten Pressekonferenzen überhaupt, auf der er auf respektloseste Art und Weise Respekt einfordert.

Bei den Bayern lesen sie die Tabellen anders

Und mittlerweile liest Hoeneß sogar die Bundesliga-Tabelle anders als andere. Zweiter seien seine Bayern, sagte er vor der Niederlage gegen Dortmund am Wochenende. Zweiter, weil ihm die Tordifferenz egal sei. Dritter war der FCB zu diesem Zeitpunkt in Wirklichkeit. Jetzt übrigens, vorsichtshalber noch mal nachgeschaut, ja, jetzt stehen die Bayern auf dem fünften Rang.

Spielerfrauen teilen aus - gegen den Schiri und den Trainer

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Der FC Bayern verliert wiederholt - ein unbekanntes Phänomen für viele Anhänger. Da darf man sich nur nicht so hängen lassen wie diese Eckfahne.

Da platzt sogar den Spielerfrauen die Krawatte. Sie ertragen die Bezeichnung "Spielerfrau" schließlich nicht, um Fünfter zu sein, sondern um sich bei Meisterschaftsfeiern zu langweilen. Lieschen Müller regte sich bei Instagram über die späte Einwechslung ihres Mannes Thomas auf. Der hat in zehn Jahren Bayern übrigens sieben Meister-Titel geholt und ist damit ein Pin-up-Boy des bisherigen bajuwarischen Selbstverständnisses.

Oder Wahiba Ribéry, Frau des bayerischsten Franzosen der Welt, Franck. Sie kritisierte die aus ihrer Sicht mangelnde Kompetenz des Schiedsrichters beim Spitzenspiel in Dortmund. Ungefähr gleichzeitig soll ihr Gatte einem französischen Reporter ein paar Ohrfeigen verpasst haben.

Runter kommen sie alle

Hui, es ist schon was los bei den Münchnern auf ihrem Weg nach unten: Erstaunen, Fassungslosigkeit und Leugnen, dass auch für sie zu gelten scheint, was bisher doch nur für alle anderen eine Regel war: Runter kommen sie alle.

Aber wenn dann auch in Bayern alle runtergekommen sind, werden sie sich entspannen. Weil sie erleben dürfen, wie es ist, echte Fans zu haben. Weil sie nicht wegen ihrer Erfolge geliebt werden, sondern ihrer selbst willen - als Tabellen-Fünfte in der Bundesliga.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 12.11.2018 | 18:25 Uhr