Stand: 16.04.2018 17:03 Uhr

Sigmar Gabriel oder: Der Vorleser ist zurück

Einen Monat nach seinem Ausscheiden aus dem Bundeskabinett hatte Sigmar Gabriel wieder einen Auftritt: als Gastdozent an der Uni Bonn. Es gab Protest, es gab Applaus - und am Ende auch Erleichterung.

Eine Glosse von Peter Zudeick

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Reden verlernt er nicht: Sigmar Gabriel hat auch auf der Uni-Bühne Spaß beim Vortrag!

Das wurde aber auch mal Zeit. Guck mal, wenn die Jungs längere Zeit nicht beschäftigt sind, kommen sie auf dumme Gedanken. Am Ende landen sie auf der Straße, trinken Alkohol - oder fangen Kriege an. Deshalb zerbrechen sich höchste Kreise in Berlin seit Monaten die Köpfe, was sie mit dem Sigmar anstellen sollen. Bundesbeauftragter, das wäre natürlich ein schöner Job gewesen. Der geht immer. Wobei die Frage ist, für welchen Bereich es noch keinen gibt. Bundesbeauftragter für Einsamkeit ginge noch; die Briten haben dafür sogar ein Ministerium. Und wenn wir einen Heimat-Horst haben, können wir auch noch einen Einsamkeits-Siggi vertragen.

Oder: Koordinator für Popkultur und Popdiskurs. Das wäre dem Sigmar auf den umfangreichen Leib geschneidert, denn das war er schon mal - und zwar 2003, als er in Niedersachsen seine erste Wahl gewinnen wollte und scheppernd scheiterte. Da hat der SPD-Vorstand diesen Job für ihn erfunden - und er wurde fortan als Siggi-Pop verspottet. Das wäre jetzt Wiedergutmachung der besonders noblen Art. Aber der Gag mit Siggi-Pop ist derart ausgelutscht - das geht irgendwie nicht mehr.

In solchen Fällen ist es immer schön, sich an die gute alte Bonner Republik zu erinnern - und an deren Universität, wo Norbert Blüm schon mal den Philosophie-Professor gegegeben hat. Warum soll der Siggi nicht den Norbert machen? Ja, eben! kaum war der Uni Bonn diese grandiose Idee gekommen, hatte der Siggi auch schon zugesagt.

Und wer hätte das gedacht: Das isses! Das ist seine Berufung. Er hat ja in letzter Zeit immer mal wieder was Professorales von sich gegeben: ein gedankenschweres "Spiegel"-Gespräch, Tiefgründiges in der "Zeit", hier ein Interview zur Lage der Nation, dort eins zur Lage der Welt. Ja, gut, ein Helmut Schmidt wird er nicht mehr werden, dafür macht er zu wenig und zu kurze Pausen beim Sprechen. Aber so einer für die großen Zusammenhänge - der Anzug passt.

Und was soll ich sagen: Die Hütte voll in Hörsaal 1 der Bonner Uni, Scharen von Interessierten draußen vor der Tür, weil auch der größte Hörsaal noch zu klein ist für Gabriel, und dann der ganz große Bogen: Deutschland und Europa und die Welt und wieder zurück. Das kommt gut.

Vor allem aber: Der Siggi lässt auch den Unterhaltungswert nicht vermissen, das kennen wir ja von ihm, und natürlich gibt er dem Affen ordentlich Zucker. Ein paar Studierende halten auf der Empore ein Transparent hoch: "Gegen Iran-Siggi. Für Israel." Gabriel unterbricht: "Sie müssen sich jetzt umdrehen, da hängen die ein Plakat über Israel raus. Wenn Sie sich das nicht angucken, sind die enttäuscht."

Schon hat er die Lacher auf seiner Seite, und er holt sich noch ein paar ab mit der Bemerkung: "Sie können davon ausgehen, dass ich mit derlei Veranstaltungen über eine gewisse Erfahrung verfüge." Ja, das kann was werden mit dem Herrn Gabriel als Vorleser. Nur muss er sich für die nächste Veranstaltung einen anderen Gag einfallen lassen. So was nutzt sich leicht ab.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 16.04.2018 | 18:25 Uhr