Stand: 09.10.2019 14:44 Uhr

Qualitätsarbeit dank Meisterbrief

Die Regierungskoalition in Berlin will die Meisterpflicht wieder einführen - für Berufe wie Fliesenleger, Orgelbauer oder Raumausstatter. Der Meisterbrief stelle eine Garantie für Qualität dar, heißt es zur Begründung.

Eine Glosse von Detlev Gröning

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Macht der Meisterbrief im Handwerk wirklich den Unterschied aus?

Ist Schwarzarbeit eigentlich nach 21 Jahren verjährt? Wenn nicht, dann habe ich gleich ein kleines Problem, denn so lange ist es her, dass mir der Benno meinen Carport hingestellt hat. 1.000 Mark auf die Pranke, inklusive Holz, dagegen kann man bis heute nichts sagen. Vor seiner Konstruktion hat jeder Herbststurm kapituliert, und nie drang auch nur ein einziger Regentropfen durch das fachmännisch verklebte Dach.

Dafür hätte ich dankbar jede Rechnung entgegengenommen und auch gerne Mehrwertsteuer bezahlt, hätte der Benno nicht zwischen zwei Gehrungsschnitten beklagt, dass er diese Passion in Ermangelung eines Meisterbriefes nur im Verborgenen ausleben darf. Darum müsse ich im Rahmen meiner Kompetenzen mitnageln, um vor der Öffentlichkeit der Dorfstraße den Anschein eines Freundschaftsdienstes zu wahren.

Alte Meisterbriefe hängen in der historischen Ausstellung im Museum Burg Brome. © NDR Foto: Stefanie Döscher

Mit Meisterbrief wäre das nicht passiert

NDR Info - Auf ein Wort -

Der Meisterbrief soll eine Garantie für Qualität sein. Detlev Gröning äußert in seiner Glosse allerdings Zweifel, ob der Meisterbrief seinem Carport gut getan hätte.

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Was denn aus mir geworden wäre, wenn ich vor dem eigenmächtigen Griff in die Tastatur eine zweijährige Witzeschule mit Scherzmeisterprüfung hätte ablegen müssen, kam die Frage hinter der Teerpappenrolle. "Ich bin keine wirklich gesuchte Fachkraft", überschrie ich Bennos Kreissäge, "ohne mein Geschreibsel fehlt der Welt nichts, aber ohne Dein Carport verrostet das schöne Auto. Das macht den Unterschied!"

Tatsächlich argumentiert der Gesetzgeber mit der tiefen Sorge um die Ausführungsqualität von Handwerksleistungen. Das ist insoweit erstaunlich, als sich der Staat an anderer Stelle nicht dafür interessiert, ob ich billigen Plünnkram im Einkaufswagen spazieren fahre oder langlebige Wertarbeit. Stattdessen sorgt sich die Politik auf einmal, dass mir plötzlich die Küchenfliesen von der Wand segeln, weil damals dem verfugenden Unbefugten ein Meister fehlte, der in zehn Kilometern Entfernung über seinen Kostenvoranschlägen gesessen hat.

Liebes Kabinett, wie wäre es denn an dieser Stelle mal mit der ehrlich formulierten Absicht, Leute bei Fachkräftemangel wieder in sozialversicherungspflichtige Anstellungsverhältnisse zu zwingen?

Sicher: Damals, 2004, im Wilden Westen des schröder'schen Arbeitsmarktes, war der Meisterbrief eine Beschäftigungsblockade, aber heute können wir unser altes Zunftwesen doch wieder aufleben lassen und dem gemeingefährlichen Tun und Treiben der freilaufenden Keramiker, Fotografen, Orgelbauer und Holzspielzeugmacher Einhalt gebieten. Apropos Spielzeugmacher: Ein paar Häuser neben mir praktiziert im Hinterhof ein Puppendoktor. Ich vermute ohne Approbation. Das darf der doch nicht, oder?

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 09.10.2019 | 18:25 Uhr