Stand: 30.08.2018 13:59 Uhr

"Elterntaxi"-Eltern bitte zur Nachhilfe!

Die Schule hat wieder angefangen - und damit auch für viele Familien die Hektik am Morgen. Wie jedes Jahr mahnt die Polizei: Lasst die Kinder zu Fuß zur Schule gehen oder mit dem Fahrrad fahren. Doch das sehen viele Erwachsene nicht ein - sie setzen aufs Elterntaxi! Wann eskaliert der Streit?

Eine Glosse von Korinna Hennig, NDR Info

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Der Schulweg von Grundschülern ist für viele Eltern immer noch ein brisantes Thema.

Wir leben in der besten aller Welten, ganz offenbar, wenn man so drauf guckt von oben. Denn hier unten, in den Niederungen der Städte und Dörfer, da, wo Millionen Kinder jeden Morgen das tun, was Millionen Kinder jeden Morgen seit hundert Jahren tun - müde sein, aufstehen, frühstücken, müde sein, zur Schule gehen, weiter müde sein -, hier unten also ist das größte Problem für uns Eltern nicht der Klimawandel, nicht das Sterben auf dem Mittelmeer, nicht mal Chemnitz. Nein, hier ist unser größtes Problem: Wir finden einfach keine Parkplätze!

Ein Mädchen mit einem Schulranzen überquert einen Zebrastreifen. © dpa - Bildfunk Foto: Frank Leonhardt

Mehr Parkplätze in Schulnähe? Bitte nicht!

NDR Info - Auf ein Wort -

Wir brauchen mehr Parkplätze in Schulnähe, jammern die Eltern vieler Grundschulkinder. Doch was sie wirklich brauchen, ist Nachhilfe-Unterricht! Korinna Hennig bittet auf ein Wort.

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Autos gehören in die erste Reihe!

Und das ist doch wirklich nicht in Ordnung, ihr lieben Kultusminister, Bildungssenatoren und Bürgermeister. Eine Schule muss doch ausreichend Parkplätze für unsere SUVs zur Verfügung stellen! Dieses Thema hat auf jeden Fall Vorrang vor der Sanierung von Schultoiletten, denn wer sich durch den dichten, brausenden, lebensbedrohlichen Verkehr gar nicht erst zur Schule durchkämpfen kann, der braucht schließlich auch kein Klo. Dass Achtjährige Ampelfarben unterscheiden und daraus die Beantwortung der Frage "Gehen oder stehen bleiben" ableiten könnten, kann man wirklich nicht erwarten. Und dann diese vielen Autos, die in zweiter Reihe direkt vor der Schule parken, aus denen Kinder aussteigen, die unkontrolliert die Türen aufreißen - viel zu gefährlich für Leonie und Friedrich!

Deshalb ist es nur richtig, wenn die Hamburger Elternkammer fordert, dass in Schulnähe eine extra "Kiss-and-drop"-Zone eingerichtet wird. "Kiss and drop" ("Küssen und absetzen"), das ist ein schöner Name, bei dem man sich gleich ein bisschen so fühlt, als würde man mit dem Rollköfferchen in den Flieger nach Frankfurt steigen, statt im Klassenraum neben Marvin und Kylie Hauptwörter in Wortstamm, Anlaut und Endung zu zerlegen.

Chancenoptimierung ist das A und O

"Kiss and drop" und einmal "Grammar to go" - auf dem Tablet natürlich -, so geht moderne Schule. Und man weiß ja: Manche Eltern müssen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen, sagt die Elternkammer.

Warum gleich noch mal? Nun, es ist schon wichtig, dass Eltern ganz persönlich entscheiden, auf welche Grundschule ihr Kind kommt. Gemeinwesen war gestern, heute ist individuelle Chancenoptimierung das A und O, und da kann die Schule der Wahl auch schon mal zehn Minuten weiter weg sein, weil der niedrige Migrantenanteil einfach günstiger ist für unseren Alexander. Nichts gegen Flüchtlinge, aber wir wollen unserem Kind ja nicht die berufliche Zukunft verbauen. Und im Öffentlichen Nahverkehr lauern außerdem auch jede Menge brandgefährliche Keime. Paula könnte sich da sonst was einfangen! Und dann wäre es auch wirklich dumm, wenn wir Eltern unsere wunderbar in der Ganztagsschule verstauten Kinder gar nicht mehr zu Gesicht bekämen, da zählt jede Minute Quality-Time am Morgen. 

Bewegungslehre und Verkehrserziehung auf dem Stundenplan

Eltern sollten mit Kindern den Schulweg üben, mahnt die Polizei, damit sie ihn allein bewältigen und nicht kutschiert werden müssen. Vielleicht wäre es eigentlich besser, wenn die Beamten mit uns Eltern den Schulweg übten? Wie wäre es, wenn die "Soko Elterntaxi" in einer Art "Park-and-Leave"-Zone ("Parken und loslassen") die Eltern in Empfang nähme, sagen wir: einen halben Kilometer vom Schulgebäude entfernt.

Die Kinder könnten in Ruhe zur Schule gehen, wir Eltern dagegen nähmen 15 Minuten Kompaktunterricht in Bewegungslehre, Verkehrserziehung und Grundlagen der Klimaforschung. Als Hausaufgabe könnten wir dann den Schulweg zu Fuß oder - whoah! - per Fahrrad ausprobieren.

Und nächste Woche dann: Wie fahre ich drei Stationen mit dem Bus und schaffe es, an der richtigen Haltestelle auszusteigen? Alleine! Oder eben notfalls in Begleitung eines Schulkinds.

Weitere Informationen

Elternkammer: Mehr Parkraum für "Elterntaxis"

Die Hamburger Polizei rät Eltern, ihre Kinder nicht mit dem Auto zur Schule zu bringen. Oft führe das zu Verkehrschaos vor den Schulen. Die Elternkammer fordert dagegen mehr Parkplätze. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 30.08.2018 | 18:25 Uhr