Stand: 17.09.2018 16:01 Uhr

Die alternde Gesellschaft braucht alte Rocker

Die Jugend verlängert sich zunehmend - bis ins hohe Alter. Deutlich wird das bei Motorradfahrern, die im September - in der Nachsaison also - mit ihren Maschinen unterwegs sind. Die große Reise startet im Motorrad-Reisezug: abends in Hamburg einsteigen, morgens in der Sonne ankommen. Für die "alten Rocker" ist das ein wahrer Jungbrunnen.

Eine Glosse von Udo Schmidt, NDR Info

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Motorradfahrer-Stolz kennt kein Alter: Udo Schmidt war "mit den Jungs" in Italien unterwegs.

Ganz langsam rollt der gelbe Werkstattwagen an die Auto- und Motorrad-Verladestation der Bahn in Verona. Hinten auf der Ladefläche gut verzurrt: eine schwarze, mächtige, mit Sicherheit sündteure Harley-Davidson. Ein Motorrad, das nicht fährt, so wie es aussieht. Aus der Fahrerkabine des Lkw steigt ein älterer, nicht mehr ganz schlanker Mann - in Lederjacke, Lederhose und mit Kutte (also mit einer Weste, auf die hinten ein großes Abzeichen genäht ist). Ein Abzeichen, das die Zugehörigkeit zu einer Biker-Gang signalisiert - und das irgendwie Gefahr ausdrückt, zumindest ausdrücken soll.

Früher waren das die "Hells Angels". Inzwischen sind die verboten - und auch nicht mehr so ganz geschätzt. Also ist man Mitglied in irgendeinem Chapter, einer Gruppe, die vom Hersteller des Motorrades ins Leben gerufen wurde - eher einem Fan-Kreis. Der ältere Herr jedenfalls stellt sich in wilder Aufmachung - lange Haare sind ebenfalls Teil dieser Erscheinung - neben den lahmen Gaul und schüttelt den Kopf.

Mehrere Motorräder stehen auf einem kleinen Parkplatz vor einem Restaurant, das in bergiger Landschaft an einem See steht. © NDR Foto: Udo Schmidt

Rocker bleibt Rocker - ein Leben lang

NDR Info - Auf ein Wort -

Motorradfahrern und Altern, klar passt das gut zusammen. Nur: Der eine altert auf seiner Maschine eben so - und der andere so. Udo Schmidt bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Keine Harley, keine Kutte, aber graue Haare

Rocker 2018, Norditalien, die Weiten der Po-Ebene sind bewältigt. Easy Rider war anders, aber die Zeiten ändern sich eben. Woher ich das weiß? Nun, ich war mit meinem Motorrad ebenfalls an der Verladestation. Ich fahre keine Harley, mein Motorrad läuft, ich trage keine Kutte, aber graue Haare - fürchte ich jedenfalls. Und auch ich war Gast im Jungbrunnen "Motorrad-Reisezug".

Die Kutte der weit über 60-Jährigen, das ist so ähnlich wie das Totenkopf-Tattoo unter der weißen Manschette des Bankkaufmanns. Ist albern, tut aber möglicherweise gut. Liebe Alt-Rocker und Harley-Fahrer, nichts für ungut, ich mag euch doch. Ich fahre ja selber Motorrad, wenn auch keine Harley, aber irgendwie ändern sich die Zeiten recht heftig - und folgerichtig. Eine alternde Gesellschaft braucht eben auch alte Rocker.

Herausforderungen ganz anderer Art

Easy Rider, das war früher Subkultur auf zwei Rädern, Opposition zum Mainstream mit langer Gabel und hohem Lenker, irgendwie brutal anders eben und nicht immer nett. Jetzt, am und im Autoreisezug, der vor allem ein Motorrad-Reisezug ist, fühlt sich das ein ganz klein wenig anders an. Nicht mehr die endlose Weite Arizonas und die schnurgerade Straße bis hinter den Horizont stellen die Herausforderung dar, sondern die zielsichere Anfahrt über die Rampe auf den Fahrzeugwaggon, ohne umzukippen, ohne mit dem Helm an die zahlreichen Stahlkanten zu stoßen, ganz einfach ohne sichtbare Fehler und Angst eben.

Das Rocker-Leben kann so schön sein

Die Freiheit, die wir meinen, findet dann drinnen statt, im Liegewagen-Abteil - bei einer guten bis eh guten Flasche Rotwein. Das Rocker-Leben kann so schön sein. Draußen rasen pittoreske Bahnhöfe urdeutscher Mittelstädte am Zugfenster vorbei, während du drinnen sitzt und dir den Staub der Anfahrtsstrapazen von den kunstvoll unrasierten Wangen wischt.

Ach ja, wir waren übrigens Zelten. Kleines Kriechzelt, weil geringes Packmaß und Gewicht, schlichte Isomatte - fertig. Da trocknet dann so ein Jungbrunnen auch schnell mal aus. Der Rocker und sein Rücken eben.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 17.09.2018 | 18:25 Uhr