Stand: 22.08.2019 14:02 Uhr

Alt werden nur die anderen

"Lange nicht gesehen", "Mensch, deine Haare werden ja immer grauer", "Und was machst du jetzt so?": Die Sätze bei Klassentreffen nach 20, 30 oder 40 Jahren ähneln sich. Und trotzdem ist der Reiz groß, auf eine Zeitreise in die eigene, längst vergangene Schulzeit zu gehen.

Eine Glosse von Detlev Gröning

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Der bange Blick zur Tafel - nur eine von vielen Erinnerungen an die Schulzeit.

"Du kannst nicht immer 17 sein", sang einst Chris Roberts unter allgemeiner Zustimmung. Falsch! Man kann. Zum Beispiel Kerstin, unsere damalige Klassenschönheit, die zum 40-jährigen Ehemaligentreffen unseres Abi-Jahrgangs angeblich verhindert war. Damit wird sie in unseren Köpfen für immer 17 bleiben. Clever abgesagt, muss man sagen.

Ich selbst bin im Grunde zwar auch unverändert, aber bei den anderen ... ei, ei, ei! Da hat der Zahn der Zeit aber kraftvoll zugebissen. Da galt es erstmal, den optischen Schock im Stile eines Franz-Josef Degenhardt zu überplaudern: "Bist du noch, hast du noch, kannst du noch und machst du noch, und ohne dass es einer will, seid ihr ganz plötzlich still."

Leerer Klassenraum © Fotolia.com Foto: Uolir

Du kannst nicht immer 17 sein

NDR Info - Auf ein Wort -

"Alt werden immer nur die anderen" - diesen Gedanken kennen vielleicht viele - oder hatten ihn im Kopf beim letzten Klassentreffen. Detlev Gröning bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Da hätte er recht gehabt, der Altmeister unserer Revoluzzer-Jahre, wenn nicht zum Glück jemand den Packen Farbfotos von unserer letzten Klassenfahrt auf den Tisch legte: unkaputtbare Dokumente vom 36er-Rollfilm zu 30 Pfennig pro Abzug; Karin hat sogar noch die Negative und nimmt jetzt Bestellungen auf.

Übrigens: Meine Nichte wird dermaleinst keine Bilder zum gleichen Anlass haben, obwohl Tausende davon existierten, die aber auf kaputten Smartphones, verschwundenen Speicherkarten oder nicht mehr lesbaren Festplatten in den Mülleimer der Geschichte wanderten.

Aber das nur nebenbei, denn hier sehen wir gerade Scholli, Balu und Schlaffi beim Kartenspielen in der Jugendherberge, im Hintergrund Gabi 3 - mit dem Namen wurde damals durchnummeriert - beim Knutschen mit Jockel, der wieder mal nichts anbrennen ließ. Und plötzlich faltet sich die Zeit punktförmig zusammen, fehlte nur noch, dass die ersten aufstehen, weil sie für morgen noch Physik üben müssen.

Vorher galt es, eine Wette einzulösen. Was sie denn später mal werden wolle, wurde unsere Birkenstock-Feministin in ihrer Latzhose und dem selbstgehäkelten Schafswoll-Pullover damals von unserem Geschichtspädagogen gefragt. "Auf jeden Fall nicht so ein Spießer wie Sie", giftete es in der Sicherheit des bestandenen Abiturs durch das gebatikte lila Halstuch.

Im Gegenzug konterte der angefeindete Lehrkörper mit dem Entwurf ihrer Zukunft als modebewusste Ehefrau mit zwei Kindern im Reihenhaus und Halbtagsjob bei der Kreisverwaltung und legte dafür eine Kiste Wein in den Pott. "Topp, die Wette galt", und so wanderte jetzt 40 Jahre später ein Karton Chardonnay in Ankes Selbstversorger-Haushalt einer finnischen Blockhütte.

Bis auf eine Flasche, mit der wir auf Chris Roberts angestoßen haben: Wenigstens ein Teil in uns kann für immer 17 sein.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 22.08.2019 | 18:25 Uhr