Stand: 02.05.2004 23:15 Uhr  | Archiv

Aldi und die Medien

Bei Aldi gibt's billigen Champagner, billiges Olivenöl, billige Computer - und was wissen Sie noch von Aldi? Nichts! Können Sie auch nicht, denn der Riesen-Konzern gibt sich so geheimniskrämerisch, als ginge es um hochbrisante Geheimdienstdokumente oder Atomwaffen in Nordkorea. Nichts dringt nach außen über die Betriebstrategie der Gebrüder Albrecht, den Gründern von Aldi. Und natürlich gibt es in so einem Laden auch keine Presseabteilung. Berichten dann aber doch Journalisten mal kritisch über Aldi - wie zuletzt die Süddeutsche Zeitung - werden merkwürdigerweise die wöchentlichen Großanzeigen storniert.

Vergangenen Mittwoch in einem unscheinbaren Münchener Hotel: Mitarbeiter von vier Aldi-Süd-Filialen in der bayrischen Landeshauptstadt versuchen einen Betriebsrat zu wählen, die Filialleiter wollen dies verhindern. Einige wenige Journalisten hatten von dem Termin erfahren. Unangenehm für Aldi. Dementsprechend zugeknöpft gibt sich der Regionalleiter : "Ich will nichts sagen - das sind interne Angelegenheiten."

Rückblick: Vor Ostern - der erste Versuch einen Betriebsrat zu wählen. Damals berichtet die Süddeutsche. Einen Tag später stoppt Aldi seine wöchentliche Großanzeige - geschätzter Verlust für die SZ: 900.000 Euro. Man mag bei Aldi keine Berichterstattung über Interna.

 

Thomas Leif: "Sie werden nicht einmal etwas in der deutschen Lebensmittelzeitung über die Geschäftspraxis und die Kundenbeziehung von Aldi erfahren. Und das ist ein geschlossenes System, weil man umgedreht versucht, über gekaufte Kommunikation, das heißt Anzeigenschaltung, die einzelnen Blätter willig zu halten und mit denen zu kooperieren. Und wenn einer mal kritisch berichtet, wie jetzt geschehen, dann wird halt der Anzeigenhahn abgedreht."

Anzeigen sind das einzige, womit der Lebensmitteldiscounter an die Öffentlichkeit geht. Kein Konzern schottet sich so ab wie Aldi. Hauptsitz von Aldi Süd Mülheim an der Ruhr, von Aldi Nord Essen. Presseabteilung Fehlanzeige. Anfragen von Journalisten werden konsequent ignoriert. Kaum einer der 40.000 Aldi-Mitarbeiter hat die Eigentümer Karl und Theo Albrecht je gesehen - es gibt gerade einmal dieses Foto. Die Albrecht-Brüder leben in einem Essener Nobelvorort hinter Mauern und Hecken. Von den beiden reichsten Männern Deutschlands weiß man genauso wenig wie von ihrem Unternehmen.

 

Arno Balzer, Manager-Magazin: "Aldi ist wirklich ein Phänomen. Einerseits ein extrem erfolgreiches Unternehmen, wenn man es mal rein wirtschaftlich unternehmerisch betrachtet. Aber in einem, ich mein wir leben im 21. Jahrhundert, das ist schon eine Mediengesellschaft und die machen nichts. Und die sagen, dass hat gar nichts damit zu tun, dass wir was gegen Journalisten haben, sondern die sagen sich, dass können wir uns sparen, kostet nur Geld, und was sollen wir was erzählen über unser Handelskonzept über weiß ich was, davon hat doch nur die Konkurrenz was, also erzählen wir einfach nichts."

Was Aldi an Geld für eine Pressestelle spart, investiert der Konzern lieber in gute Rechtsanwälte. Und die sind dafür bekannt, konsequent jeden zu verklagen, der über den Lebensmitteldiscounter oder seine Produkte schlecht berichtet oder auch dies nur vorhat.

 

Arno Balzer, Manager-Magazin: "Es gab mal einen Online-Anbieter, der einen Weintest gemacht hat und man muss wissen, Aldi hat einen Marktanteil am deutschen Weinmarkt von ungefähr 20 Prozent und bei anderen Produkten ist es noch extremer, ich glaub jedes dritte Gurkenglas kommt von Aldi oder geht über die Aldi-Theke und 20 Prozent Marktanteil bei Wein, das ist schon heftig. Und dann hat jemand mal gesagt wir machen mal ein Weintest, was taugen die wirklich und das Ergebnis war niederschmetternd, und da hat Aldi juristische Schritte eingeleitet, so dass sie das vom Netz nehmen mussten."

Cornelius Lange: "Die Informationspolitik, die Öffentlichkeitsarbeit von Aldi hat einen grundsätzlich destruktiven Charakter. Und wenn sich dann doch mal jemand herantraut und diese rote Linie überschreitet, bekommt man natürlich zu spüren, mit wem man es zu tun hat. Und da machen sie auch gar kein Hehl draus, mit welcher Intensität und welcher Macht sie letztlich bereit sind, auf einen loszugehen."

 

Macht und Druck gehören offenbar zur Unternehmensphilosophie von Aldi. Auch intern. Der zweite Versuch, einen Betriebsrat in München zu wählen scheiterte, weil die Filialleiter 40 Mitarbeiter in Taxis vorfahren ließen, die geschlossen gegen die Wahl stimmten. Und auch Aldis mediale Strategie ging auf. Außer in der Süddeutschen fanden sich tags drauf in anderen Münchener Blättern nur Aldi Anzeigen.

Jasna Schmidt , Mitarbeiterin Aldi: "Ich finde das eigentlich schon ein bisserl lasch, dass die so gar nichts darüber berichten und das einfach so hinnehmen aus Angst vor Verlusten und ich glaub, dass das unser Recht ist und auch die Öffentlichkeit wirklich informiert sein muss, wie es so abläuft bei der Firma oder wenn man versucht einen Betriebsrat zu wählen und wenn man wirklich kämpft um einen Betriebsrat bei einer Firma, die sich schon seit Jahren dagegen wehrt"

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ZAPP | 02.05.2004 | 23:15 Uhr

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