Stand: 12.08.2020 10:10 Uhr

Zensur in Hongkong: Journalisten verhaftet

von Tamara Anthony

Das in Hongkong erscheinende Boulevardblatt "Apple Daily" berichtet hauptsächlich über "Sex and Crime". Politische Themen, die mit "geheimen Absprachen mit Kräften im Ausland" zu tun haben, sind eher selten.

VIDEO: Zensur in Hongkong: Journalisten verhaftet (6 Min)

Aber mit genau diesem Vorwurf wurde der Verlagsleiter der Mediengruppe "Next Digital" jetzt verhaftet: Jimmy Lai gefährde die Innere Sicherheit Hongkongs, so der Vorwurf. Das vor sechs Wochen von der Pekinger Regierung in Kraft gesetzte "Nationale Sicherheitsgesetz" ermöglicht Verhaftungen und die Überwachung unliebsamer Kritiker. Und Lai ist so einer.

Seine persönliche Geschichte ist tragisch: Der einstige Textilunternehmer Jimmy Lai flüchtete aus Festlandchina nach Hongkong, um hier schließlich ein Medienimperium aufzubauen, das im Sinne von Presse-und Meinungsfreiheit berichtet. Davor schiebt das "Nationale Sicherheitsgesetz" jetzt allerdings einen Riegel. Es ermöglicht, Kritiker und Andersdenkende durch Verhaftungen einzuschüchtern und auszuschalten.

Ein Journalist und ein Polizist stehen sich bei einer Demonstration in Hongkong gegenüber. © dpa picture alliance Foto: Alex Hufford
Freie Berichterstattung ist in Hongkong Geschichte.
Viele Journalisten ziehen sich zurück

In einem Interview mit ZAPP beschreibt der Chefredakteur der "Hongkong Free Press", Tom Grundy es so: Eine freie und offene Gesellschaft sei am 1. Juli 2020 quasi über Nacht zum Autoritarismus übergegangen.   Das "Gesetz zum Schutz der nationalen Sicherheit Hongkongs" schränkt die Presse drastisch ein und setzt die Kontrolle der Berichterstattung durch.

Aber nicht nur das: Kontaktdaten von Informanten sind jetzt nicht mehr sicher. Grundy befürchtet sogar, dass Kommentatoren und Kolumnisten nicht mehr schreiben werden. "Einige", so erzählt er im Interview mit ZAPP, "haben schon gesagt, dass sie nicht mehr mit Politik zu tun haben wollen."  

ZAPP berichtete im November 2019

Im November vergangenen Jahres hatte ZAPP den Journalisten Sam Choi bei der Berichterstattung von den Massenprotesten in Hongkong begleitet. Ein mutiger Reporter, der die Ereignisse live streamte und damit schonungslos die Gewalt der Polizei zeigte. Die Staatsmacht bezichtigte ihn und andere kritische Reporter, Fake-News zu verbreiten. Choi ließ sich davon nicht einschüchtern und machte weiter. Die Live-Berichterstattung wurde in gewisser Hinsicht auch zu seinem Schutz. Jetzt macht er sich Sorgen um seine Daten. Er hat angefangen, Recherchen und sensible Informationen sofort zu löschen.  

 

VIDEO: Verunsicherte Journalisten: Angst in Hongkong (5 Min)

Hongkong-Journalisten haben es schwerer als internationale Kollegen. Aber allen ergeht es gleich: Die Pressefreiheit ist in Hongkong Geschichte. Nicht auszuschließen, dass viele Berichterstatter deshalb die Sonderverwaltungszone verlassen. Jimmy Lai wurde Anfang der Woche wieder auf freien Fuß gesetzt. Ob und was für eine Art von Prozess er zu erwarten hat, ist völlig offen.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 27.11.2019 | 23:20 Uhr

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