Stand: 26.08.2020 13:15 Uhr

Zehn Jahre - Sarrazins Thesen prägen

von Sebastian Friedrich

Selten hat ein Buch so viel mediale Aufmerksamkeit bekommen. Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" erschien vor genau zehn Jahren. Das Buch des früheren SPD-Politikers und damaligen Bundesbankers verkaufte sich binnen weniger Wochen mehr als eine Million Mal - auch weil Vorabdrucke etwa im "Spiegel" und in der "Bild" erschienen sind. Sogar die Talkshows kannten über Wochen hinweg kaum ein anderes Thema. Gern gesehener Gast war darin Sarrazin selbst, der seine Thesen etwa über ein spezifisches jüdisches Gen somit einem Millionenpublikum präsentieren konnte. Die Sarrazin-Debatte hat bis heute Auswirkungen auf den gesamtgesellschaftlichen Diskurs.

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Das Narrativ vom "Bevölkerungsaustausch"

Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" © NDR
Mit seinem Buch wurde Thilo Sarrazin unter anderem zum Stichwortgeber der AfD.

Da ist zum einen Sarrazins Kernthese, nach der die "autochthonen" Deutschen allmählich aussterben würden. In seinem Buch verweist er auf eine "höhere Fertalität der muslimischen Migranten" und prognostiziert: "Wer sich stärker vermehrt, wird am Ende Europa besitzen." Die rechtsextreme Identitäre Bewegung sieht das ganz ähnlich und ruft ihre Anhänger dazu auf, Europa besonders vor der muslimischen Einwanderung zu verteidigen. Ihr zentrales Narrativ ist dabei das vom "großen Austausch". Dieses übernimmt auch die AfD, etwa wenn Alexander Gauland bei einer Parteitagsrede 2018 die Mitglieder einschwört, einen solchen Bevölkerungsaustausch "um jeden Preis verhindern" zu müssen.

Politikwissenschaftler: Sarrazin ein "eugenischer Rassist"

Für den Berliner Politikwissenschaftler Hajo Funke sind Sarrazins Thesen und die von der Identitären Bewegung und der AfD logisch und semantisch identisch. Sarrazin gehe sogar noch einen Schritt weiter, weil er nicht wie die Identitären primär auf kulturelle Unterschiede fokussiere. Sarrazin sei ein "eugenischer Rassist", wenn er sich etwa auf das Erbgut der Deutschen beziehe. Sarrazin habe rechtsradikale Gedanken einem breiten Publikum zugänglich gemacht.

"Wir sind nicht das Sozialamt für die ganze Welt"

Sowohl in Sarrazins Buch als auch in der ausgelösten Debatte geht es immer wieder um die vermeintlichen Kosten der Migration. Insbesondere muslimischen Migrantinnen und Migranten wirft er vor, sie kämen vor allem nach Deutschland, um hier Sozialleistungen zu beziehen. Diese Verknüpfung von Einwanderung und Sozialstaat findet sich auch bei Horst Seehofer, der bereits während der Sarrazin-Debatte 2010, aber auch später immer wieder den Satz wiederholt, Deutschland sei nicht das Sozialamt für die ganze Welt - eine Parole, der sich auch AfD und NPD in Wahlkämpfen bedient hat.

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Die Rede vom "Kopftuchmädchen"

Sarrazin ist es außerdem gelungen, die abwertende Bezeichnung vom "Kopftuchmädchen" zu etablieren. In seinem Interview mit der Berliner Kulturzeitschrift "Lettre International" sagte er bereits 2009: "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert."

In ihrer vielleicht bekanntesten Rede greift Alice Weidel, Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag, diese Formulierung auf. 2018 sagt sie dort: "Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern." Weidel verknüpft hier auch das ebenfalls durch Sarrazin verfestigte Kriterium, Migration entlang ökonomischer Verwertbarkeit bewerten. Für Funke, der gerade beim Hamburger VSA-Verlag das Buch "Die Höcke-AfD" veröffentlicht hat, ist Sarrazin ein "demagogischer Agitator", an dessen Thesen später Pegida, Rechtsextreme und die AfD angedockt haben.

Der strategische Verweis auf die Meinungsfreiheit

Hilal Sezgin, Journalistin © NDR
"Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" - über diesen Spruch würden immer wieder rassistische Thesen verbreitet, so die Journalistin Hilal Sezgin.

Die Journalistin Hilal Sezgin erinnert sich, dass die Debatte damals unter vielen Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionen zu Entfremdungen und Zerwürfnissen geführt hat. So etwas wie eine Versöhnung habe nicht stattgefunden. Es habe damals viele Kollegen gegeben, die Sarrazins Thesen etwas Positives abgewinnen konnten. "Wir haben durch diese Debatte ganz viel verloren an Solidarität und an Diskussionskultur."

Sezgin sieht hier Überschneidungen zwischen der Debatte damals und heute. Immer wieder gelinge es, mit dem Verweis auf den durch die Sarrazin-Debatte geprägten Spruch "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" rassistische Thesen in den öffentlichen Raum zu bringen. "Und wenn dann sich jemand aufregt, weil es eben rassistisch ist, heißt es, es dürfe keine Denkverbote geben."

Anmerkung der Redaktion: Der Autor hat sich in Vergangenheit medienwissenschaftlich mit der Sarrazin-Debatte auseinandergesetzt und dazu publiziert. 

 

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ZAPP | 26.08.2020 | 23:20 Uhr

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