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Medien im Corona-Stress

Mittwoch, 25. November 2020, 23:25 bis 23:55 Uhr

Neun Monate nach Beginn der Corona-Krise sind die meisten Medien keineswegs im Normalbetrieb: Home-Office und Infektions-Berichterstattung prägen nach wie vor das Geschehen. Auch die Rolle des Journalismus hat sich verändert. So hat die Weltgesundheitsorganisation Medien eine entscheidende Funktion bei der Bewältigung der Pandemie zugesprochen: "Ihr Handeln ist in jeder Hinsicht eine Tat im Dienste der öffentlichen Gesundheit. Sie spielen eine wichtige Rolle beim Schutz der Gesundheit und des Wohlergehens Ihrer Mitmenschen."

Kein Corona-"Overkill" in der Berichterstattung

Skype-Interview. © NDR
Medialer Overkill? Zu Beginn der Pandemie war Corona ständig auf allen Kanälen.

Doch sollten sich Journalisten der Pandemie-Bekämpfung verschreiben? Berichten sie gar zu viel über Corona und vernachlässigen andere Themen? Eine Studie der Universität Münster kommt zu einem anderen Ergebnis: Die Analyse der Online-Berichterstattung von 78 Medien zeige, dass die Anzahl von Facebook-Posts, die Medien über ihre eigenen Kanäle veröffentlicht haben in den vergangenen neun Monaten (März bis Oktober) annähernd gleichbleibend ist. Die Ausnahme bildet nur ein Peak im März, am Anfang der ersten Phase der Corona-Beschränkungen.

Der Kommunikationswissenschaftler Thorsten Quandt leitete die Auswertung. Insgesamt hat sein Team 578.000 Posts von Nachrichtenredaktionen untersucht. Im gesamten betrachteten Zeitraum beschäftigten sich etwa 159.000 mit Corona, das Thema kam damit auf knapp 30 Prozent aller Veröffentlichungen. Das Thema ist also weiterhin präsent, dominiert aber nicht mehr wie im Frühjahr die Berichterstattung. Damals hoben die Öffentlich-Rechtlichen, aber auch Privatsender Corona mit vielen Sondersendungen ins Programm.

Lokalzeitungen treiben Digitalisierung voran

Chefredakteur Joachim Braun in den leeren Redaktionsräumen der Ostfriesenzeitung. © NDR
Joachim Braun im März in den leeren Räumen der Ostfriesenzeitung.

Viele Verlage mussten im Frühjahr wegen der Werberückgänge bis zu 40 Prozent Umsatzeinbußen hinnehmen. Dafür allerdings stiegen bei den meisten Zeitungen die Online-Abonnements. Die Ostfriesenzeitung ist dafür ein Beispiel. ZAPP besuchte diese Regionalzeitung bereits im März. Damals waren fast alle im Home-Office. Heute sagt Chefredakteur Joachim Braun: "Am besten besetzt ist heute die Digitalredaktion aber das gehört sich auch, weil das ist ja nun unsere Zukunft. Zwischendurch waren mal wieder alle da, jetzt haben wir einen Stufenplan innerhalb des Hauses und der sieht vor, dass ab einer Inzidenz von 50 können alle wieder ins Homeoffice."

Medien als Feindbilder der Corona-Leugner

Durch Corona hat auch die Radikalisierung gegenüber Journalisten dramatisch zugenommen. Auf den "Querdenker"-Demos in Leipzig und anderswo werden Medienvertreter bepöbelt, bedroht und teilweise mit handfester Gewalt angegangen. Der Schutz der Pressefreiheit durch die Polizei erscheint vielen dürftig: "Es ist schon mal schön, wenn Polizei überhaupt präsent ist. Das letzte Mal hatte man ja den Eindruck, sie waren ja kaum in der Lage, sich selber zu schützen, geschweige denn, dass man noch auf Journalisten achten konnte”, berichtet Anrdt Ginzel von seinen Erfahrungen in Leipzig.

Zahlreiche Teilnehmer der "Querdenken"-Demonstration in Leipzig und Polizisten stehen sich gegenüber © dpa Foto: Sebastian Kahnert
In Leipzig stehen sich Teilnehmer der "Querdenken"-Demonstration und Polizisten gegenüber. Auf den Plakaten sind auch Gesichter von Journalisten als Verbrecher zu sehen.

Mehrere Zehntausend sogenannte "Querdenker" hatten sich dort Anfang November versammelt. Angeführt von Neonazis und Hooligans durchbrachen sie eine Polizeiabsperrung - mittendrin: die Reporter. Die Journalistenverbände in Sachsen fordern seit Jahren mehr Sicherheit von Reportern auf Demos: "Wir kennen diese Demonstrationslagen seit fünf Jahren. Seit Pegida auf der Straße ist, haben Kolleginnen und Kollegen mit solchen Problemen zu kämpfen. Wir würden uns wünschen, dass eine stärkere Kontinuität zum Schutz von Journalistinnen und Journalisten bei der Polizei zu sehen ist", fordert Ine Dippmann vom DJV Sachsen.

Konstruktiver Journalismus als Ausweg?

Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner forscht dazu, wie der Fluss von Nachrichtenmeldungen über die Pandemie Gefühle von Besorgnis und Panik auslösen kann. Sie hat einen Bestseller über die "digitale Vermüllung" unserer Gehirne geschrieben. "Die Flut an Negativen bewirkt, dass wir in so einen Zustand der erlernten Hilflosigkeit gelangen", so Urner. "Wir bekommen immer wieder gesagt, die Welt ist schlecht, und wir können nichts dagegen tun, das heißt, wir werden passiv, unsicher und ängstlich. Wenn wir immer wieder gezeigt bekommen, dass wir etwas tun können, bewirkt das bei uns im Gehirn, das wir uns lösungsorientiert und zukunftsorientiert die "Was-jetzt-Frage" stellen."

In Berlin sammelt Jonathan Widder konstruktive Geschichten aus allen Medien und verlinkt sie mit seiner App "Squirrel News" ("Eichhörnchen"), die sich jeder kostenlos runterladen kann. "Wir schreiben erstmal nicht selbst, wir suchen Nachrichten von anderen Medien zusammen, wir filtern. Wir finden, dass das Eichhörnchen ein gutes Symbol dafür ist, so wie das Eichhörnchen Nüsse sammelt, sammeln wir im Redaktionsteam Nachrichten", erklärt Widder seinen Ansatz.

Ob dieser Ansatz am Ende dazu führt, dass Medien das einlösen können, was sich die WHO von ihnen wünscht, bleibt abzuwarten. In jedem Fall stellt die Corona-Krise Journalisten wie Medienhäuser vor neue Herausforderungen - auf allen Gebieten.

Redaktion
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Moderation
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