Sendedatum: 29.11.2017 23:20 Uhr

Wirtschaftspreise: Positive PR gegen Geld?

von Stefanie Groth und Inga Mathwig
Bild vergrößern
Die Compamedia GmbH vergibt die Auszeichnung "Top 100 - Die innovativsten Unternehmen im Mittelstand" und "Top Consultant - Die besten Berater für den Mittelstand".

Ein generöser und erfolgreicher Geschäftsmann, einer der sich eine pompöse Hochzeit leisten kann und alle davon wissen lassen muss. So zeigt sich Marco T., Gründer und Vorstandschef der Stuttgarter Baugenossenschaft Eventus, online, in einem Video über seine Hochzeit. Während er "am glücklichsten Tag seines Lebens" zum Altar schritt, war das Geld seiner Anleger mutmaßlich schon längst verloren. Rund 450 Deutsche vertrauten der Wohnungsbaugenossenschaft Eventus ihre Rücklagen an, investierten insgesamt mehr als zehn Millionen Euro. Nun ist das Unternehmen pleite. Marco T. sitzt in Untersuchungshaft, wegen Verdachts auf Untreue und Betrug.

Siegel von Wirtschaftspreisen.

Wirtschaftspreise: Positive PR gegen Geld?

ZAPP -

Auszeichnungen sorgen für positive PR - doch was sind die wert? Eine Firma der "Top 100 - Die innovativsten Unternehmen im Mittelstand" soll Anlegergelder veruntreut haben.

4 bei 4 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Pleite-Unternehmer setzte sich mit Auszeichnungen in Szene

Mehr als zehn Millionen Euro, mutmaßlich veruntreut von einem, der es verstand, sich vertrauenswürdig in Szene zu setzen. Er warb mit "krisensicheren Investitionen" und "hohen Renditen" für "konservative Privatanleger", schaltete Werbung im Fernsehen, gab als Finanzexperte Interviews. Wer sich als potentieller Anleger informieren wollte, stellte zudem fest, dass Eventus mehrere Wirtschaftspreise erhalten hatte. Unter anderem für die "Beste Sales Performance", als "Bester Arbeitgeber Baden-Württembergs" sowie im Juni 2017 das Siegel "Top 100 - Die innovativsten Unternehmen im Mittelstand". Letztere Auszeichnung wird von der Compamedia GmbH in Überlingen am Bodensee ausgelobt und jährlich im Rahmen einer großen Gala verliehen.

"Top 100"-Teilnahme und Auszeichnung kosten bis zu 9.900 Euro

Mentor und Gesicht des Wettbewerbs "Top 100" ist Ranga Yogeshwar. Er überreicht den Gewinnern die Auszeichnung. In diesem Jahr auch an Marco T. und Eventus. Da ist noch nicht bekannt, dass das Unternehmen pleite ist und Marco T. die Anleger mutmaßlich um ihr Geld betrogen hat. Der Wirtschaftspreis kommt laut Compamedia einer Beraterleistung gleich: Die Unternehmen bewerben sich selbst um eine Teilnahme und füllen je nach Unternehmensgröße einen umfassenden Online-Fragebogen aus. Dieser wird dann unter wissenschaftlicher Leitung ausgewertet. Prüfkriterien sind etwa Innovationsprozesse, Ideenmanagement und Mitarbeitereinbindung. Wer das Evaluierungsverfahren erfolgreich besteht wird schließlich ausgezeichnet und muss zahlen: bis zu 9.900 Euro.

Gute Reputation gegen Geld? Compamedia bestreitet Vorwurf

Bild vergrößern
Sven Kamerar von der Compamedia GmbH betont die Unabhängigkeit und Seriösität der Preisvergabe. Der mutmaßlichen Betrügerfirma wurde das Siegel entzogen.

Das klingt, als könnte man sich auf diese Weise eine gute Reputation erkaufen. Ein Vorwurf, den Sven Kamerar, Leiter der Unternehmenskommunikation von Compamedia, entschieden abweist: "Wir haben keine anderen Sponsoren, keine anderen wirtschaftlichen Interessen. Die Gebühr der Gewinner dient dazu, die Kosten des Verfahrens, der Preisverleihung und der Pressearbeit zu tragen. Die Tatsache, dass eine Gebühr gezahlt wird, spricht ja für die Unabhängigkeit des Verfahrens. Ähnlich wie es beim TÜV oder einem Notar wäre, für dessen Leistung man Geld bezahlt und die Unabhängigkeit auch nicht in Frage gestellt wird."

Großes Medienecho bei Preisverleihung

Die "Top 100" ist für die Unternehmen eine Auszeichnung inklusive großem Medienecho. So gibt es Medienpartnerschaften mit dem "Manager Magazin", "Werben & Verkaufen" sowie "Impulse". Ein Echo, das seine Wirkung nicht zu verfehlen scheint. "Unternehmen berichten uns immer wieder, dass sie nach der Auszeichnung von Top100 verblüffend viele Bewerbungen haben. Und zwar qualitativ hochwertige Bewerbungen von absoluten Top-Fachkräften. Und auch eine sehr hohe Response bei Kunden haben", beschreibt Kamerar den Effekt. Die drei Erstplatzierten unter den Gewinnern werden zudem von einer hochkarätigen Jury aus Politik, Medien und Wirtschaft bestimmt. Darunter etwa Julia Klöckner, Cem Özdemir, Sarah Wagenknecht, Sabine Christiansen oder Roland Berger.

Wirtschaftsjournalistin Lange: "Das ist ein Marketing-Instrument"

Bild vergrößern
Wirtschaftsjournalistin Dagmar Lange sieht in den Auszeichnungen vor allem ein Marketing-Instrument - das natürlich auch Betrüger anzieht.

Wirtschaftsjournalistin Dagmar Lange hat für die "Immobilien Zeitung" immer wieder über Eventus berichtet, Marco T. auch gesprochen und vor einem Totalverlustrisiko für Anleger der Eventus gewarnt. Dass er sich über die gewonnenen Preise positive PR sichern konnte, sieht sie kritisch: "Das ist ein Marketing-Instrument. Wenn die Preise einen gewissen Namen haben, stark beworben werden, und das sozusagen als Garantie dafür gilt, dass das ein solide aufgestelltes Unternehmen ist, dann kann das schon sehr blendend sein für potentielle Kunden. Sicherlich hat sich da auch ein Preis wie 'Top 100', verbunden mit Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, positiv ausgewirkt. Das wusste Marco T. für sich zu nutzen." Zugleich, ergänzt Lange, könne sie sich vorstellen, dass es für Preisverleiher wie Compamedia schwierig sei, solch einem Betrug auf die Schliche zu kommen.

Compamedia entzog Eventus die Auszeichung, will Fall prüfen

Marco T. hat letztendlich alle getäuscht. Und doch ist es problematisch, wenn sich ein mutmaßlicher Betrüger öffentlichkeitswirksam präsentieren kann. Dadurch in seinem Betrug womöglich auch noch gedeckt wird. Bei der Compamedia bedauere man den Vorfall und prüfe, ob es Verfehlungen bei der Auszeichnung des Unternehmens gab. Sie wurde der Eventus sofort entzogen. Zugleich betont Kamerar aber, dass "das Top100-Siegel 2017 im Juni verliehen" wurde. Und fährt fort: "Zu diesem Zeitpunkt waren alle Anleger lange Zeit schon verschuldet. Das ist für die Anleger kein Trost, das soll auch keine Entschuldigung sein. Aber ich möchte an dieser Stelle entschieden dem Eindruck widersprechen, durch das Top100-Siegel seien Anleger in eine Anlage gelockt worden, die eigentlich keine ist."

ZAPP-Recherchen zufolge wurden auch nach der Preisverleihung am 23. Juni 2017 noch Investitionen in die Eventus eG getätigt. Demnach gab es Neuanlagen bis Mitte August 2017.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 29.11.2017 | 23:20 Uhr