Stand: 03.05.2019 15:03 Uhr

Whistleblower im Sport: verfolgt und kriminalisiert

von Hendrik Maaßen

Das Untersuchungsgefängnis für besonders gefährdete Insassen liegt mitten in der malerischen Innenstadt Lissabons. Hier wartet Rui Pinto hinter hohen Mauern mit Stacheldraht auf seinen Prozess. Er war die treibende Kraft hinter der Enthüllungsplattform Football Leaks.

Rui Pinto

Whistleblower im Sport: verfolgt und kriminalisiert

ZAPP -

Wer den schönen Schein des Sports stört, macht sich Feinde: Denn von Betrug und Korruption wollen die Mächtigen nichts hören. Deshalb werden Whistleblower kriminalisiert.

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"Vorwürfe künstlich aufgeblasen"

Einer seiner Anwälte ist William Bourdon. Er hat schon Edward Snowden vertreten. Die Inhaftierung Pintos hält er für nicht vertretbar. "Hier wird einer der wichtigsten Whistleblower der vergangenen zehn Jahre festgehalten. Nach unserer Auffassung ist der Vorwurf der versuchten Erpressung vollkommen künstlich aufgeblasen."

Auf Grundlage der Daten von Football Leaks ermitteln Steuerfahnder in mehr als zehn Ländern der Welt, darunter in Deutschland. Doch die portugiesische Justiz sieht in Pinto einen Kriminellen. Der Vorwurf: Cyberkriminalität und versuchte Erpressung. Pinto bestreitet beides. "Ich bin kein Hacker. Ich bin ein Whistleblower", hatte Rui Pinto in seinem einzigen ausführlichen Interview der ARD-Sportschau Anfang Februar gesagt. "Was für mich und Football Leaks zählt ist, dass die Dokumente authentisch sind."

Videos
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Ronaldo wäre nicht verurteilt

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Von Rui Pinto belastet: Gianni Infantino.

Und das waren sie bislang immer. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, der NDR und die Partner im Rechercheverbund EIC haben nach eigenen Angaben keinen Gerichtsprozess wegen fehlerhafter Daten verloren. Ohne das Leck wäre Fußball-Superstar Cristiano Ronaldo kein verurteilter Steuerstraftäter und FIFA-Boss Infantino würde kurz vor der anstehenden Präsidentenwahl nicht als dubioser Strippenzieher dastehen.

Im Sport, wo es oft um hohe Millionbeträge für Lizenzrechte, Preisgelder oder Ablösesummen geht, gedeihen Korruption und dubiose Geschäfte mindestens ebenso gut wie in jedem anderen Wirtschaftszweig. Und Journalisten, die hinter die Machenschaften von Verbänden, Funktionären und Sportlern blicken wollen, sind besonders auf Whistleblower angewiesen.

Zeugenschutz für Whistleblower

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Kennt das Risiko, das Whistleblower eingehen: Hajo Seppelt.

So wie auf die russische Leichtathletin Julia Stepanowa und ihren Mann Vitali. Sie sammelten Beweise für das systematische Doping russischer Sportler und wandten sich damit 2014 an den ARD-Doping Experten Hajo Seppelt. Später packte dann noch der Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors Gegori Rodschenkow über die staatlichen Strukturen dahinter aus. In Russland werden die drei Whistleblower als Verräter bezeichnet, aus Angst um ihr Leben flohen sie in die USA. Für Hajo Seppelt bedeutet die Arbeit mit ihnen daher auch eine besondere Verpflichtung. "Als Journalisten tragen wir eine große Verantwortung. Wenn sich Informanten auf Journalisten einlassen und etwas preisgeben, dann müssen wir dafür sorgen, dass sie geschützt werden!"

Den Stepanows geht es auch wegen Seppelts Unterstützung heute vergleichsweise gut. Sie leben mit ihrem kleinen Sohn an einem unbekannten Ort in den USA. Der ehemalige Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors Rodschenkow fürchtet bis heute Vergeltung. Er hat sogar sein Äußeres verändert. Aus gutem Grund: Die russische Leichtathletik-Mannschaft ist seit den Enthüllungen für alle internationalen Wettkämpfe gesperrt.

Redaktioneller Hinweis: Autor Hendrik Maaßen war für den NDR an den jüngsten Recherchen zu #Footballleaks beteiligt.

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ZAPP | 08.05.2019 | 23:20 Uhr