Stand: 19.03.2019 11:44 Uhr

Wenn Medien Hass in Kommentarspalten wüten lassen

von Melanie Boeff

Florian Röder lässt sich jeden Tag beschimpfen. "Es kostet viel Kraft, viel Nerven auch. Man darf das nicht unterschätzen, wenn man das ein paar Tage gemacht hat, dann schlaucht das körperlich", sagt er. Denn Röder kämpft jeden Tag gegen Hasskommentare auf Facebook.

Ein Mensch sitzt vor einem Laptop, darüber ein Hassposting © NDR

Wenn Medien Hass in Kommentarspalten wüten lassen

ZAPP -

Von Beleidigungen bis Volksverhetzung reicht der Ton in den Kommentarspalten deutscher Medien auf Facebook. Forderungen, aktiv dagegen vorzugehen, werden lauter. Werden sie umgesetzt?

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Er ist bei der Initiative #ichbinhier. Die Gruppe auf Facebook hat mehr als 45.000 Mitglieder, die gemeinsam gegen den Hass in den Kommentarspalten deutscher Medien auf Facebook anschreiben wollen.

Ausgewogenes Diskussionsklima

Florian Röder fordert, dass sich die Redaktionen mehr in die Diskussion einmischen, für ein ausgewogenes Diskussionsklima unter den eigenen Artikeln sorgen, sodass "Leute, die unterschiedlicher Meinung sind nicht verlacht werden, nicht beleidigt und letztendlich nicht vertrieben werden". Denn nach Röders Einschätzung treten einige Redaktionen kaum moderierend in ihren eigenen Kommentarspalten auf. "Ganz vorne mit dabei die 'Bild'-Zeitung und 'Focus'. ZDF heute bekleckert sich auch selten mit Ruhm."

Wie gehen die Redaktionen mit Hasskommentaren um?

Bei der Recherche finden sich auf den von Röder genannten Facebook-Seiten viele Hasskommentare wie diese: "So einem würde ich mit Freude das Licht ausblasen", "Hängen muss man die Schweine und Punkt", "Stuhl, Strick, Spritze usw gibt so viel Möglichkeiten".

ZAPP fragt nach, warum solche Kommentare unter Artikeln stehen bleiben. Der "Focus" antwortet darauf: "Ein Team aus rund zehn Mitarbeitern prüft unsere eigenen Seiten und die Social-Media-Kanäle auf fragwürdige Kommentare." Das Team reagiere in der Regel unmittelbar, etwa indem es die Kommentare lösche oder die Nutzer sperre.

Frage an "Focus Online": Wie wichtig ist eine angenehme Atmosphäre in den eigenen Kommentarspalten?

Uns stellt sich wie allen Redaktionen grundsätzlich die Frage, bei polarisierenden Themen die Kommentarfunktion zu schließen oder offen zu lassen. FOCUS Online hat sich dazu entschieden, den Diskurs nicht abzuschneiden. Verriegeln alle Medien ihre Kommentare bei politischen Konfliktthemen, verlagert sich die Diskussion ganz in die Dunkel-Zonen des Social Web. Damit hätte die Netz-Hetze gesiegt und ein weiterer öffentlicher und politischer Raum wäre geschlossen. Die Blase wäre noch homogener und noch mehr einseitig informierte Menschen wären für sauber arbeitende Medien gänzlich unerreichbar geworden. Wir lehnen Hasskommentare ab und betreiben einen hohen personellen und maschinellen Aufwand, um sie zu bekämpfen.

Auch bei "Bild" hatten wir angefragt - und auf unsere Fragen keine konkrete Antwort erhalten. Das Statement veröffentlichen wir "ungekürzt und ganzheitlich" - wie gewünscht:

Fragen von ZAPP an "Bild"

  • 1. Wie wichtig ist "Bild" eine angenehme Atmosphäre in den eigenen Kommentarspalten?
  • 2. Teilweise bleiben Kommentare stehen, in denen User Gewaltvorstellungen äußern - warum bleiben solche Kommentare stehen?
  • 3. Wie viele Mitarbeiter/Innen beschäftigen sich in welcher Häufigkeit mit den Kommentaren auf den Facebook-Seite der "Bild"-Familie?

Statement "Bild"

"Die Nutzer geben pro Tag Zehntausende Kommentare auf den Facebook-Seiten von BILD ab. Ein Großteil dieser Kommentare bewegt sich im Rahmen normaler Diskussionsbeiträge. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu löschen, insbesondere wenn diese erkennbar rassistisch, antisemitisch oder Aufrufe zu Gewalt sind. Wir gehen entsprechenden Hinweisen nach und prüfen diese. Die Redaktion sucht darüber hinaus auf Facebook dazu den bewussten Austausch mit Nutzern."

Wie geht das Öffentlich-Rechtliche mit Hasskommentaren um?

Auf die Frage, warum unter ZDF-Artikeln teilweise Hasskommentare stehen bleiben, antwortet das ZDF: Es gebe "pro Jahr Millionen Kommentare", es könne "trotz aller Anstrengungen dazu kommen, dass die Bearbeitung mehr Zeit in Anspruch nimmt." Das ZDF wolle den Meinungsaustausch fördern, deshalb liege die Hürde, einen User zu sperren, höher als bei vielen anderen Seiten.

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Fordert, dass sich die Redaktionen mehr in die Diskussion einmischen: Florian Röder von der Initiative #ichbinhier.

Röder ist das zu wenig. "Wir zahlen alle Beiträge und die allermeisten von uns zahlen sie gerne, aber dafür erwarten wir auch, dass sie uns auf den Formaten, die sie uns zur Verfügung stellen, in gewisser Weise davor schützen, bedroht oder beleidigt zu werden."

ZAPP fragt auch bei der Tagesschau nach, wie man dort mit Hasskommentaren umgeht. Die Antwort: "Jede*r Social-Media-Redakteur*in bei der Tagesschau betreut die Communities mit." Postings würden nach der Veröffentlichung intensiv betreut, um auf Anmerkungen und Fragen einzugehen und vertiefende Informationen zur Verfügung zu stellen. "Zusätzlich setzt die Redaktion Community-Manager*innen ein, die sich ausschließlich um die Community-Pflege kümmern."

Bei ZAPP kontrolliert in jeder Sendungswoche eine Person die Kommentare.

Viel Hass bleibt absichtlich stehen

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Was über die Meinungsfreiheit hinausgehe, werde meist gelöscht: Tolgay Azman, stellvertretender Chefredakteur von "Stern Digital".

Beim Hamburger Verlag Gruner+Jahr kümmern sich bei "Stern Digital" zehn Mitarbeiter um den Social-Media-Auftritt. 5.000 bis 10.000 Kommentare landen hier täglich. Hier bleiben viele Kommentare stehen, auch Hasskommentare - mit Absicht. "Wir haben ein sehr, sehr dickes Fell", sagt der stellvertretende Chefredakteur von "Stern Digital", Tolgay Azman. "Allerdings, wenn es über die Meinungsfreiheit hinausgeht, schauen wir schon genau drauf. Und dann wird meistens auch gelöscht."

Hasskommentare zur Anzeige zu bringen, ist aufwendig. Ein Redakteur muss zuerst herausfinden, wo ein User wohnt, dann noch die zuständige Polizeidienststelle oder Staatsanwaltschaft finden. Erst dann kann Anzeige erstattet werden. Für diesen Aufwand fehlt Redaktionen meistens die Zeit.

Projekt mit Signalwirkung: "Verfolgen statt nur löschen"

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Setzt auf Abschreckungs- und Lernwirkungen bei den Beschuldigten: Staatsanwalt Christoph Hebbecker zum Projekt "Verfolgen statt nur löschen".

Staatsanwalt Christoph Hebbecker in Köln senkt diese Hürden: Im Rahmen des Projekts "Verfolgen statt nur löschen" arbeitet er eng mit Redaktionen zusammen - beispielsweise mit dem WDR, RTL und der "Rheinischen Post". Stoßen die auf ein Hass-Posting, können sie das direkt bei Hebbecker melden. Auf seinem Tisch landet alles - von Beleidigung bis Volksverhetzung. "Wir haben eine beachtliche Anzahl von Erfolgen vorzuweisen - es sind deutlich über 300 Strafanzeigen im ersten Projekt gestellt worden", bilanziert Hebbecker. Auf Basis der 300 Strafanzeigen habe man in etwa 50 Prozent der Fälle Ermittlungsverfahren eingeleitet.

"Verfolgen statt nur löschen" ist ein Projekt der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen und der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime NRW. Bislang nur in Nordrhein-Westfalen - und nur für die Medienpartner dort. Doch andere Bundesländer interessieren sich bereits für das Projekt. Es soll klar werden: Hassposts sind kein Kavaliersdelikt, sie können eine Straftat sein.

Den Redaktionen will Florian Röder von #ichbinhier klar machen: Hasskommentare löschen, das reicht nicht. "Es muss einfach das Personal da sein, das sich darum kümmern kann", fordert er. "Das ist zeitintensiv, das kostet Energie, da muss man Geld in die Hand nehmen - das ist einfach so."

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ZAPP | 20.03.2019 | 23:20 Uhr