Stand: 21.11.2018 18:42 Uhr

Von wegen neutral - Facebook unter Druck

von Stefan Buchen und Caroline Schmidt

Bestimmte Beschwerden über Facebook kennt man. Sie klingen sogar altbacken: Es sei eine Datenkrake, die Agenda von Mark Zuckerberg beschränke sich nicht darauf, die Welt "offener und vernetzter" zu machen, der Chief Executive Officer des Sozialen Netzwerks wolle vor allem die Daten der Nutzer abgreifen. Nun ist die Situation anders. Die aktuelle Krise von Facebook ist kein Verbraucherschutzproblem. Der Internetriese macht gerade Schicksalstage durch. "Facebook ist im Krieg", soll Mark Zuckerberg gesagt haben. Es geht um die Existenz des kalifornischen Unternehmens. Es hat seit Februar 200 Milliarden Dollar seines Börsenwertes verloren.

Von wegen neutral - Facebook unter Druck © NDR

Von wegen neutral - Facebook unter Druck

ZAPP -

Wie umgehen mit Hass, Falschmeldungen? In den in den USA hat sich Facebook Hilfe vom regierungsnahen "Atlantic Council" geholt. Die entscheiden nun, was legitimer Protest ist - und was nicht.

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Was ist passiert? Kurz und abstrakt gesagt: der Wachstums- und Expansionskurs von Facebook war erfolgreich. Das Internet-Netzwerk hat mehr als zwei Milliarden Mitglieder. Aber die politische Dimension seiner Macht überfordert Facebook. Mark Zuckerberg ist ein Tech-Freak, aber der mit der Ausbreitung des Netzwerks über den Erdball akkumulierten politischen Macht ist er nicht gewachsen. Führende Mitarbeiter merken das. Sie setzen sich in hoher Zahl von ihm ab.

Probleme mit "hate speech" und Falschmeldungen

Die konkrete Analyse muss mit der Feststellung beginnen, dass freie Massenkommunikation ohne Moderation nicht funktioniert. Der Hass ist häufig aktiver als die Liebe, und viele Menschen scheinen Hassbotschaften lieber zu empfangen als Liebesbotschaften. Facebook hat sich als ideale Umgebung für die Verbreitung von Hass erwiesen. Sei es aus echtem Hass oder aus zynischer Berechnung: Nutzer haben das Netzwerk mit "hate speech" überschwemmt, in Bezug auf politische Meinungen, Herkunft, Religionszugehörigkeit, Geschlecht, sexuelle Orientierung und viele Kategorien "des Anderen" mehr. Verwandt mit dem Hass ist die "Falschmeldung". Auf Facebook (und anderen sozialen Netzwerken) hat die Ventilierung falscher Tatsachenbehauptungen eine solche Dimension erreicht, dass Philosophen inzwischen nach einem neuen Zeitalter der Aufklärung rufen. "Offenheit und Vernetzung" haben sich in vielen Fällen als Chiffren für Anonymität erwiesen. Psychologen finden "den neuen Menschen", der in dieser Anonymität gedeiht, ziemlich hässlich.  Facebook bemüht sich, Hass, Lügen und das Wirken "inauthentischer Nutzer" einzudämmen. Aber das Bemühen wirkt im Ergebnis hilflos.

Die politischen Fragen sind gewaltig: Wie stark haben Falschmeldungen auf  Facebook dazu beigetragen, Angst und Schrecken unter der Minderheit der Rohinga in Myanmar zu verbreiten? Angst vor der Regierung und der buddhistischen Bevölkerungsmehrheit haben zum Exodus von mehr als einer Million Menschen geführt, die jetzt in prekären Verhältnissen als Flüchtlinge in Bangladesch leben. Welche Rolle hat Facebook als Kommunikationsplattform und als Hort von zig Millionen persönlicher Daten bei der Brexit-Kampagne und bei den Präsidentschaftswahlen in den USA 2016 und in Brasilien 2018 gespielt? Wie hat Facebook da mit (ehemaligen) Geheimdienst- und Militärangehörigen zusammengearbeitet?

Zusammenarbeit mit dem "Atlantic Council“

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Er sei parteiisch, meint Graham Brookie vom "Atlantic Council". Er leitet das "Digital Forensic Research Lab".

Die Erkenntnis ist: es fehlt an Regeln, an Kontrolle, an Moderation. Diese Erkenntnis ist längst bei Facebook angekommen. Aber die Probleme sind so gigantisch, dass "Gegensteuern" eine Aufgabe sein könnte, die die Kräfte von Facebook übersteigt. "Wird Mark Zuckerberg Facebook in Ordnung bringen, bevor es die Demokratie zerstört?", fragt der "New Yorker" in der Überschrift zu einem langen Artikel.

Facebook "tut" etwas. Es stellt Kontrolleure ein, Experten für "Public Policy". Aber es sucht vor allem schnelle Hilfe von außen. In Deutschland bei der Institution "Correctiv“, deren Mitarbeiter Facebook nach Falschmeldungen durchstöbern. In den USA bei der Denkfabrik "Atlantic Council“. Der regierungsnahe Thinktank hat eine spezielle Abteilung für "digitale Forensik". ZAPP hat Zugang zu den Büros in Washington bekommen. "Wir arbeiten nicht für Facebook, wir arbeiten mit Facebook", erklärt Graham Brookie die Arbeitsbeziehung. Der 28-jährige leitet das "Digital Forensic Research Lab“. Vorher hat er im Weißen Haus gearbeitet. Auf die Frage, ob er bei der Bewertung von Inhalten auf Facebook "unparteiisch" sei, antwortet Brookie, dass sein beruflicher Werdegang der eines "Mitarbeiters der US-Regierung" sei. "Insofern bin ich parteiisch."

Russischer Troll oder legitimer Protest?

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Facebook maße sich an zu beurteilen, was legitimer Protest sei und was nicht, meint Dylan Petrohilos.

Was das konkret bedeuten kann, hat ZAPP an einem Beispiel recherchiert. Auf Facebook riefen linke Aktivisten im vergangenen Sommer zu einer Kundgebung gegen einen Aufmarsch weißer Nationalisten in Washington auf. Die Seite mit dem Aufruf wurde von Facebook gelöscht. Begründung: ein Nutzer, der den Aufruf auch unterstützte, sei "inauthentisch" gewesen. Facebook erklärte: dieser Nutzer habe Kontakte nach Russland. Graham Brookie vom "Atlantic Council" bestätigt, mit der Sache befasst gewesen zu sein. Er rechtfertigt die Löschung der Facebook-Seite mit dem Aufruf zur Demo. "Aktivismus ist notwendig für die Demokratie", sagt er. "Aber ich würde schon meinen, dass bereits ein klein wenig Desinformation ausreicht, um den Diskurs zu vergiften. Das spaltet die Gesellschaft, statt sie zusammenzubringen."

"Ich bin kein russischer Troll", empört sich Dylan Petrohilos im Interview mit ZAPP. Er ist einer der Wortführer der antifaschistischen und Trump-kritischen Gruppe, die auch hinter dem Facebook-Aufruf zu der Kundgebung gegen den Nationalisten-Aufmarsch stand. Dass Leute wie er der Zensur auf Facebook zum Opfer fallen können, hält er für beängstigend. "Facebook maßt sich jetzt an zu beurteilen, was legitimer Protest ist und was nicht", kritisiert Petrohilos. "Facebook hat Spionagemöglichkeiten, von denen autoritäre Regimes vor 50 Jahren nur hätten träumen können."

Keine neutrale Plattform mehr?

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Als Verabschiedung von einer neutralen Plattform betrachtet Politikberater Martin Fuchs die Zusammenarbeit von Facebook mit dem "Atlantic Council".

Die Einbindung von Institutionen mit regierungsnaher Agenda wie dem "Atlantic Council" in die Überwachung der Kommunikation auf Facebook hält Politikberater Martin Fuchs für eine "Zeitenwende": "Was sie jetzt tun, ist nicht neutral, und deshalb ist es auch eine Verabschiedung der Grundidee, wir sind eine neutrale Plattform", meint Fuchs, ein gefragter Experte für Soziale Medien, im Interview mit ZAPP.

Die Beispiele für das Löschen von Seiten, die zwar politisch sind, aber weder zu Hass noch zu Gewalt aufrufen, häufen sich. In seiner Not scheint Facebook jetzt auch in eine andere Richtung zu eilen. Der Ruf nach mehr Kontrolle bringt nun Akteure auf den Plan, die versuchen könnten, die Plattform in einem sehr klassischen Sinn politisch zu beeinflussen.

Unsere Fragen beantwortete Facebook wie folgt: "Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass Facebook Einzelfälle generell nicht kommentiert und wir auf Ihre speziellen Fragen daher nicht eingehen können. Wir möchten Sie auf die folgenden Beiträge im Facebook Newsroom verweisen. Darin erläutern wir, wie Facebook gegen den Missbrauch der Plattform durch böswillige Akteure vorgeht und geben Informationen zur Zusammenarbeit mit dem Atlantic Council: · Announcing New Election Partnership With the Atlantic Council
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Removing Bad Actors on Facebook

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ZAPP | 21.11.2018 | 23:20 Uhr