Stand: 21.11.2018 16:17 Uhr

Von wegen Klima - Wissenschaftsjournalisten wettern

von Daniel Bouhs und Carsten Pilger

Die "Wissenswerte" in Bremen ist so etwas wie das alljährliche Klassentreffen der Wissenschaftsjournalisten. Hier diskutieren sie über ihre Themen, aber auch über ihr Handwerk. Axel Bojanowski findet, das ist dringend nötig - wenn es ums Klima geht. Bojanowski ist Fachredakteur bei "Spiegel Online". In Bremen platziert er seine Kritik: Viele seiner Kollegen würden lieber Katastrophen-Szenarien verbreiten, statt den Forschern kritisch auf die Finger zu schauen und dem Publikum auch zu erzählen, dass Modelle, die das Klima für Jahrzehnte voraussagen, ihre Unschärfen haben.

Ausgetrockneter Boden, Deutschland, Europa

Von wegen Klima - Wissenschaftsjournalisten wettern

ZAPP -

Ein Journalist warnt seine Kollegen: In der "5 vor 12"-Logik darf die kritische Begleitung der Wissenschaft und ihre Unsicherheiten nicht hinten über fallen.

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"In der Klimaberichterstattung machten es sich viele Medien zu einfach"

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Wirft vielen Kollegen vor, lieber Katastrophen-Szenarien zu verbreiten, statt den Forschern kritisch auf die Finger zu schauen: Axel Bojanowski.

"Da wird berichtet, als ob Wissenschaftler vom Berg kommen mit einer großen Steinplatte in der Hand, in der die Wahrheit graviert ist", mahnt Bojanowski. Gerade in der Klimaberichterstattung machten es sich viele Medien auch zu einfach - aus Bequemlichkeit oder weil ihnen mitunter auch die Zeit fehlt. "In Deutschland werden immer dieselben fünf, sechs, sieben Experten zitiert von Tausenden von Wissenschaftlern. Man wird als Journalist schon gefragt: Sag mal, warum zitierst du die dann nicht mal?"

Bojanowski stehen tatsächlich viele Kollegen gegenüber, die das anders einschätzen. Sie sehen es als ihre Mission an, der Gesellschaft beizubringen, dass sie ihr Verhalten ändern muss, um den Klimawandel zu stoppen - denn der ist da und der Mensch habe ein Stück weit in der Hand, wie es weiter geht. In diesen Punkten herrscht Konsens, auch mit Bojanowski. Anders als er wollen sie sich mit den Unschärfen der Wissenschaft lieber nicht mehr aufhalten.

Mission Klimawandelaufklärung?

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Es gehe darum, Verhalten zu ändert, meint Christopher Schrader.

"Da wissen wir wirklich genug", sagt Christopher Schrader zu den Grundlagen der Klimaforschung. Schrader war lange Redakteur und Korrespondent für die "Süddeutsche Zeitung". Nun ist er freier Journalist. Bei der Klimaforschung könne man "das Wissen noch auffüllen", das würde er auch jederzeit unterstützen. "Aber das ist nicht das, was zentral ist. Zentral ist die Transformation: Wir müssen in die Gesellschaft rein. Wir müssen unser aller Verhaltensweisen verändern."

Schrader sieht in Bojanowskis Arbeitsweise sogar eine Gefahr. "Wenn man sagt, etwas ist unsicher, dann ist es für viele Leute erst mal das Signal, abzuwarten, bis die Wissenschaft sich geeinigt hat", sagt er. "Und mehr wollen die Lobbyisten der Kohle- und Ölindustrie überhaupt nicht."

Differenzierte Berichterstattung

Für Bojanowski ist das eine Bestätigung. Gegenüber ZAPP sagt er: "Wenn man die Berichterstattung differenziert, bekommt man vor allem von Kollegen Gegenwind." Ihm werde vorgeworfen, er würde den Klimaschutz verhindern wollen. "Das ist natürlich perfide. Das bedeutet ja, dass man im Grunde eigentlich nur noch warnen darf."

Auch die Medienwissenschaft beobachtet, dass bei der Klimaberichterstattung viele Journalisten offensichtlich Getriebene sind. Michael Brüggemann, der sich an der Universität Hamburg speziell mit der Klima- und Wissenschaftskommunikation beschäftigt, macht es am "Hitzesommer" 2018 fest. Das Frühjahr über sei "über den Klimawandel in Deutschland relativ wenig berichtet" worden, sagt er. "Erst als die Temperaturen mehrere Wochen kontinuierlich über 30 Grad gegangen sind, haben wir gesehen: Die Journalisten sind aufgewacht, es ist ihnen zu warm geworden."

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Es ginge nicht um die Suche nach endgültiger Wahrheit, meint Dr. Imke Hoppe von der Universität Hamburg.

Seine Kollegin Imke Hoppe stützt Bojanowski wiederum bei der Beobachtung, das Publikum nicht ausreichend über die Unsicherheiten der Langfristprognosen aufzuklären. "Das Verständnis dessen, wie Wissenschaft eigentlich arbeitet, kommt zu kurz", mahnt sie. "Wissenschaft sucht nie die endgültige Wahrheit, das geht nicht, sondern Wissenschaft versucht immer, bessere Modelle über Realität abzubilden."

Bei der Diskussion in Bremen steht Bojanowski im Kollegenkreis letztlich ziemlich allein da. "Das war genau das, was ich erwartet habe", sagt er anschließend. "Die Leute glauben, Unsicherheiten wären vernachlässigbar, das wäre im Grunde eine Ablenkung vom Wesentlichen. Dabei gehören die Unsicherheiten in der Klimaforschung ganz immens zur Wahrheit."

Er will sich aber treu bleiben: "Eine ausgewogene, neutrale, faktentreue Berichterstattung muss es geben", sagt Axel Bojanowski. "Davon lasse ich mich nicht abbringen - durch was auch immer."

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ZAPP | 21.11.2018 | 23:20 Uhr