Stand: 20.06.2018 09:50 Uhr

Unzensiert: Türkischer Kanal sendet aus Köln

von Karaman Yavuz
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Die Regie von Arti TV. Von Köln aus wird das Programm in die Welt gesendet - via Satellit und Internet.

Ein Industriegebiet im Osten von Köln. Seit rund eineinhalb Jahren überträgt von hier aus ein kleiner Fernseh-Sender sein Programm via Satellit in die Türkei: Arti TV. Mehr als 40 Mitarbeiter arbeiten für das Programm, das vor allem aus Nachrichten, Interviews und Diskussionen besteht. Jetzt, kurz vor den Wahlen übertragen sie auch die Kundgebungen der unterschiedlichen Parteien und ihrer Kandidaten. 

Redaktion von Arti TV in Köln.

Unzensiert: Türkischer Kanal sendet aus Köln

ZAPP -

Da in der Türkei bei kritischen Meinungsäußerungen harte Strafen drohen, sind einige Journalisten nach Deutschland geflohen - und senden von Köln aus. Ihr Sender: Arti TV.

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Exil-Journalisten betreiben Sender und Website

"Wir sind Journalisten, wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen richtig informiert werden. In der Türkei stehen 95% der Medien unter der Kontrolle der Regierung", sagt Fehim Isik, stellvertretender Chefredakteur. Gemeinsam mit mehreren namhaften türkischen Exil-Journalisten hat er den Sender und das dazu gehörige Internet Portal "Arti Gerçek" ins Leben gerufen. Arti TV bildet mit seinen Sendungen ein Gegengewicht zur überwiegend regierungsfreundlichen türkischen Presse.

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Der türkische Journalist Fehim Isik.
Sender gibt der Opposition in der Türkei eine Plattform

Der Sender berichtet zwar auch über Erdogan, überwiegend aber über die Oppositionsparteien. Hier bekommen die Erdogan-kritischen Politiker, Wissenschaftler und Wähler eine Stimme. "Viele Menschen suchen nach alternativen Medien, und das hat dazu geführt, dass Arti TV in kürzeste Zeit sehr bekannt wurde", meint der kurdischstämmige Fehim Isik. In seiner Redaktion arbeiten überwiegend Türken, aber auch einige türkischstämmige Deutsche. Unterstützt werden sie von freien Korrespondenten aus Ankara, Istanbul und Diyarbakir.

Arti TV und "Arti Gerçek" werden über eine Stiftung finanziert

Finanziert werden Arti TV und "Arti Gerçek" von der gleichnamigen Stiftung mit Sitz in Holland. Es sind vor allem Unternehmer aus der Türkei, die mit ihren Spenden die Stiftung unterstützen. Trotzdem reicht das Geld nicht aus: die Journalisten bei Arti können nur geringfügig bezahlt werden, viele arbeiten unentgeltlich. Auch Armagan Kargili unterstützt das Projekt ehrenamtlich. Sie hat in der Türkei als Journalistin in leitender Position gearbeitet, jetzt bringt sie in Köln den jungen Kollegen das Nachrichten-Handwerk bei. Gemeinsam mit zwei weiteren erfahrenen Kollegen führt sie einen Bereitschaftsdienst: Im Wechsel ist jeder von ihnen einen Monat vor Ort und moderiert in dieser Zeit auch die Haupt-Nachrichtensendung am Abend. "Die bevorstehende Wahl ist auch für die Presse sehr wichtig, wir befinden uns eigentlich im Kampf für die Pressefreiheit", sagt Armagan Kargili.

"Wir wollen, dass die Demokratie gewinnt"

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Der türkische Journalist Ahmet Nesin lebt bereits seit 15 Jahren im Exil.

Auch Ahmet Nesin gehört zu den Gründern von Arti TV und "Arti Gerçek". Sein Vater Aziz Nesin war einer der berühmtesten Schriftsteller und Satiriker des Landes. Wie die meisten seiner Kollegen hofft auch Ahmet, dass er irgendwann in die Heimat zurückkehren kann: "Der Unterschied zwischen den anderen Sendern und uns: Unsere Nachrichten zielen nicht darauf, dass irgendeine Partei die Wahl gewinnt", sagt Nesin. "Wir wollen, dass die Demokratie gewinnt. Wenn wir keine Hoffnung hätten, würden wir das hier nicht machen. Dann würden wir mit unserer Rente irgendwo in einer Ecke sitzen."

Erfolge auch im Netz

Arti TV hat bei Facebook 18.000 Abonnenten, auf YouTube 26.000 und auf Twitter über 46.000 Follower. Die dazugehörige Website "Arti Gerçek" kommt bei Facebook auf 35.000 Abonnenten, bei Twitter sind es 92.000 Follower. Diese Zahlen zeigen, dass die Arbeit der Exil-Journalisten gefragt ist.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 20.06.2018 | 23:40 Uhr