Stand: 01.11.2017 17:08 Uhr

Unkritische Berichte: Wenn Frieden für Propaganda missbraucht wird

von Sandra Aid & Silvio Duwe

Die Initiative "Druschba" organisiert sogenannte Freundschaftsreisen von Berlin nach Moskau - und nennt das "Friedenfahrt". Für Journalisten ein interessantes Thema, das sie gern aufgreifen. Vor allem Regionalzeitungen berichten immer wieder über Teilnehmer der "Druschba-Friedensfahrten", die Tausende Kilometer mit dem Auto von Deutschland nach Russland fahren, um Menschen zu treffen und Vorurteile abzubauen, wie die Organisatoren sagen. Dass dabei auch anti-westliche Propaganda verbreitet wird, fällt offenbar niemandem auf, weder den Teilnehmern noch den Reportern.

Druschba-Freundschaftsfahrten nach Russland. © NDR

Wie Frieden für Propaganda missbraucht wird

ZAPP -

Druschba heißt auf Russisch Freundschaft. Und wer will dazu schon Nein sagen? Erst Recht, wenn mit der Freundschaft eine Fahrt von Berlin nach Moskau winkt.

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Rainer Rothfuß ist einer der Initiatoren.

Bei einer Vernissage in Berlin präsentierte Rainer Rothfuß, einer der Organisatoren, schöne Bilder dieser Fahrten, ohne dass irgendjemand kritische Frage stellte. Dabei gäbe es Gründe, das zu tun. Rothfuß, der Initiator der Druschba-Friedensfahrten, wirkt auf den ersten Blick seriös: Bis 2015 war er Professor für politische Geographie in Tübingen. Sogar zum Geschäftsführenden Vorsitzenden der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, Deutsche Sektion e.V. (IGFM) wurde er 2015 gewählt. Doch dieses Amt hatte er nur wenige Monate inne. Denn Rothfuß gab dem Onlinesender "NewsFront" ein Interview, in dem er sein einseitiges Weltbild im Ukrainekonflikt offen zeigte.

Propaganda alternativer Medien

NewsFront ist ein Propagandakanal ganz auf der Linie des Kreml. Schuld am Krieg in der Ukraine ist allein der Westen, Russland ist das Opfer, so der Tenor. Auf Rothfuß' Auftritt bei NewsFront folgte die Abwahl vom IGFM-Vorsitz. Heute tritt Rothfuß vor allem auf bekannten verschwörungsideologischen Kanälen wie NuoViso, KenFM oder KlagemauerTV auf. Der Sender KlagemauerTV, der von der Sekte Organische Christus Generation betrieben wird, verbreitet immer wieder Hetze gegen Flüchtlinge und Homosexuelle, gibt Scientologen und Holocaustleugnern ein Podium. Ein Umfeld, mit dem Rothfuß offenbar keine Berührungsängste hat.

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Mit diesem Symbol werben die Initiatoren im Internet für ihre Fahrten.

Auch auf der Internetseite der Initiative "Druschba" sind als Unterstützer sogenannte Alternative Medien aufgeführt, unter anderem "KenFM", "Quer-Denken.TV" oder "Sputniknews.com". Auf diesen Kanälen greift Rothfuss unwidersprochen etablierte Medien an. Die Friedensfahrten, sagt er beispielsweise bei "KenFM" seien notwendig, "um die Russen kennenzulernen, denen wir entfremdet werden sollen seitens der westlichen Medien."

Mit den "Nachtwölfen" gegen westliche Medien

Die Botschaft der "Druschba"-Initiatoren ist ebenso fragwürdig wie ihre Bündnispartner. Denn die Aktivisten lenken die Reisenden auch auf die von Russland besetzte Krim - und zwar in das Hauptquartier des Bikerclubs "Nachtwölfe". Die wiederum sind eng mit Präsident Wladimir Putin verbunden, verehren Stalin und lehnen die westliche Demokratie ab. Als paramilitärische Kämpfer waren sie auf Seiten der Separatisten in der Ostukraine aktiv an Kampfhandlungen beteiligt.

Rainer Rothfuß nutzt seine Kontakte zum Nachtwolf-Chef Alexander Saldostanow, genannt "Chirurg", gezielt aus. Der oberste Nachtwolf ermöglichte ihm kurzfristig einen Auftritt vor dem Scooter-Konzert auf der Krim. Rothfuß konnte vor den Musikfans eine politische Ansprache halten. Und auch bei Visaproblemen könne Saldostanow den deutschen Aktivisten helfen, schreibt Rothfuß auf Facebook. Der "Chirurg" rufe dann beim russischen Außenministerium an. In den Berichten über die Druschbafahrten werden solche Verbindungen nicht beschrieben. Kontakte der Duschba-Initiative zu den Nachtwölfen ist in den Artikeln kein Thema. Nur die "Neue Osnabrücker Zeitung" griff es auf - dort erscheinen die Nachtwölfe als freundliche Helfer.

Keine Antworten auf Anfragen von ZAPP

Auf Anfrage von Zapp wollte keine Redaktion dazu etwas vor der Kamera sagen. In einer schriftlichen Antwort gesteht die "Märkische Zeitung" allerdings, es sei in diesem Einzelfall offenbar nicht detailliert genug recherchiert worden. Hinter den schönen Bildern der Druschba-Friedensfahrten verbirgt sich eine einseitige Sicht auf den Krieg in der Ukraine, in der westliche Medien angeprangert werden und Putins Russland als Opfer einer Kampagne inszeniert wird.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 01.11.2017 | 23:20 Uhr