Stand: 24.04.2020 15:00 Uhr

Unkalkulierbar: ARD/ZDF und Corona

von Daniel Bouhs
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Die Coronakrise trifft private Medien hart, doch finanzielle Risiken gibt’s auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk - auch dort drohen Einnahmeausfälle und Mehrausgaben.

Wie viele andere Branchen trifft Corona auch Medien hart. Zwar sind Berichte über die Folgen der Pandemie gefragt wie nie, auch Angebote für Unterhaltung und Bildung boomen. Jedoch finanzieren sich gerade private Medien zu großen Teilen immer noch über Werbung - und die bricht in der neuen Wirtschaftskrise ein. Öffentlich-rechtliche Sender schützt der Rundfunkbeitrag. Doch beim genaueren Hinsehen birgt Corona auch für sie einige finanzielle Risiken. Sie fallen nicht so gravierend aus wie bei Privaten, könnten sich aber summieren.

Risikoquelle 1: die Werbung

Zur Größenordnung: 2018 - soweit reichen die veröffentlichten Werte - nahm die ARD mit Werbung im Ersten netto 189 Millionen Euro ein, das ZDF 179 Millionen. Dazu kommt das ARD-Radio. Wenn der Werbemarkt einbricht, entgehen auch den öffentlich-rechtlichen Sendern Einnahmen. Mit denen hat wiederum die Beitragskommission KEF kalkuliert, als sie einst berechnet hat, wie hoch der Rundfunkbeitrag sein muss, damit die Sender ihren Auftrag erfüllen können. Das heißt: Fehlen Werbeeinnahmen, dann fehlt auch geplantes Geld für Programm.

Wie stark die Werbeeinnahmen seit Beginn der Coronakrise zurückgegangen sind, behalten ARD und ZDF auf Anfrage für sich. Bei der AS&S, die vor allem Werbeplätze der ARD-Sender vermarktet, heißt es: Man müsse größere Zeiträume betrachten, es gebe teils auch gegenläufige Tendenzen. Grob erklärt die ARD derzeit nur, die aktuellen Entwicklungen hätten "die Werbekonjunktur stark eingebremst und bereits eine Menge Kunden dazu bewogen, ihre Werbespots zu verschieben beziehungsweise zu stornieren". Etwas konkreter wird das ZDF-Werbefernsehen: Es rechnet für den April "mit einem Umsatzminus von zirka 25 Prozent".

Risikoquelle 2: die Programmkosten

Durch Corona verschiebt sich Einiges. Sportveranstaltungen fallen weg oder werden verschoben - Olympische Spiele und die Fußball-EM der Herren sogar mindestens ins nächste Jahr, dazu Live-Events wie der ESC und TV-Shows. Gleichzeitig müssen die Sender aber ihre Berichterstattung ausbauen, vor allem auch personell: Viele Nachrichten- und aktuelle Magazinredaktionen arbeiten in A- und B-Teams. Fällt eines wegen Corona gesundheitlich aus, kann das andere übernehmen. Über Monate müssen die Sender dafür in diesen Bereichen deutlich mehr Mitarbeitende beschäftigen. Teilweise stammen sie aus anderen Redaktionen, deren Sendungen dann ausfallen - so auch bei ZAPP: Redakteurinnen und Redakteure, aber auch Autorinnen und Autoren arbeiten zwischenzeitlich für die aktuellen Formate des NDR.

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Wissenschaftsjournalisten sind derzeit gefragt wie selten, Sport- und Kulturjournalisten werden weniger gebraucht, schließlich sind alle großen Veranstaltungen abgesagt.

Teilweise zahlen Redaktionen Mitarbeitenden aber auch Ausfallhonorare und Überbrückungsgelder, denn: Anders als bei privaten Medien schützt bei öffentlich-rechtlichen Sendern ein Tarifvertrag regelmäßige freie Mitarbeitende. Damit fallen Sozialleistungen an. Und auch wenn nun im Sommer Sportgroßveranstaltungen ausfallen: Die Sender müssen Anderes senden, wollen sie keine Testbilder zeigen.

Nicht zuletzt werden die Sender auch für etliche Filmproduktionen mehr Geld ausgeben müssen, die derzeit zum Stillstand gekommen sind. Die Dreharbeiten von Spielfilmen und Serien ruhen wegen Corona nun teils Monate. Studiosets mussten geschlossen werden, wegen der dort herrschenden Nähe. Aber auch im öffentlichen Raum gibt es für fiktionale Stoffe keine Drehgenehmigungen. Und wenn die Produktionen später nach und nach wieder anlaufen: Die Terminpläne aller Beteiligten sind durcheinandergekommen und kollidieren dann.

"Von daher werden auch einige Dinge davon ausfallen", mahnte bereits "Studio Hamburg"-Chef Johannes Züll. "Dann kann man darauf hoffen, dass sie im Jahr 2021 nachgeholt werden. Aber ich gehe auch davon aus, dass einige Dinge einfach ganz wegfallen." Die Wiederaufnahme dürfte oft teuer werden, etwa weil Mitarbeitende ein zweites Mal gebucht und Drehorte mitunter ein zweites Mal gemietet werden müssen. Sind sie gar nicht mehr zu haben, dann müssen Alternativen her und Teile der alten Drehs dort wiederholt werden.

"Wir kommen da in eine Situation, die für die fiktionalen Produktionen wirklich heikel ist ", sagte ARD-Programmdirektor Volker Herres auf einer Pressekonferenz. Produktionsfirmen müssten natürlich Schadenminimierung betreiben und staatliche Hilfsgelder beantragen. Dann gelte aber auch: "Maximal bis zu einer Grenze von 50 Prozent sind wir bereit, unter diesen Prämissen auch Mehrkosten mitzudecken."

Risikoquelle 3: die Veranstaltungen

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Statt auf der großen Bühne spielen Teile des NDR Elbphilharmonie Orchesters vor dem Bildschirm, um die Zuschauer in der Coronakrise erfreuen.

Viele ARD-Sender, aber auch das Deutschlandradio sind ein aktiver Teil der Musikszene: Sie betreiben eigene sogenannte Klangkörper: Orchester und Bands. Öffentliche Auftritte sind nun verboten. Damit fallen Einnahmen aus dem Ticketverkauf aus. Auch der NDR hat die Veranstaltungen seiner Ensembles abgesagt. Außerdem unterstützt er etwa einen Hilfsfonds der Elbphilharmonie für Musikerinnen und Musiker. All das drückt auf die Bilanz. Wie viel der ARD an Ticketpreisen bisher insgesamt entgangen ist, erklärte sie auf Anfrage nicht, denn: Einzelne Auftritte könnten möglicherweise noch nachgeholt werden. Für die Fans der Orchester gibt es bis dahin kleine Konzerthäppchen aus dem Homeoffice.

Risikoquelle 4: der Rundfunkbeitrag

Politikerinnen und Politiker von AfD, aber auch der FDP fordern, Beiträge in dieser Zeit teils auszusetzen, insbesondere für Betriebsstätten, die vorübergehend nicht geöffnet werden dürfen. Tatsächlich kann schon bisher etwa für Eiscafés, Pensionen und Fahrgastschiffe eine Freistellung beantragt werden, wenn sie "für mindestens drei zusammenhängende Kalendermonate vollständig stillgelegt" werden. Diese Regelung gilt aber nur für "Saisonbetriebe" und muss im Voraus beantragt werden.

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Wer arbeitslos wird, kann sich vom Rundfunkbeitrag befreien lassen. Steigende Arbeitslosenzahlen sorgen somit für sinkende Einnahmen.

Der Beitragsservice prüft derzeit, inwiefern diese Regelung angepasst werden kann, ohne dabei gegen den Rundfunkbeitragsstaatsvertrag der Länder zu verstoßen. Möglicherweise wird also die Saison-Regelung zur Corona-Regelung ausgeweitet. Im Gespräch ist aber auch die Möglichkeit, Beiträge zumindest stunden zu können. Der gewerbliche Bereich macht aber ohnehin nur einen kleinen Teil der Erträge für die Sender aus dem Rundfunkbeitrag aus. Bei dem viel größeren Teil der privaten "Beitragskonten" liegt das Risiko in zunehmender Armut durch Arbeitslosigkeit: Wer Hartz IV bezieht, kann einen Antrag auf Befreiung stellen - das dürfte auch für einige gelten, die im Zuge der Corona-Maßnahmen ihre Jobs verlieren und nach dem Arbeitslogengeld I in die Langzeitarbeitslosigkeit rutschen. Selbständige, die von ihrem Beruf nicht mehr leben können, sind oft sogar gleich Hartz-IV-Fälle.

Eine Prognose, wie sich in Zeiten von Corona die Einnahmen durch den Rundfunkbeitrag entwickeln, will der Beitragsservice im Sommer abgeben. Über etwaige Befreiungs- und Stundungsmöglichkeiten will er aber früher informieren.

Risikoquelle 5: die Medienpolitik

Kann Bürgerinnen und Bürgern in dieser Zeit eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags zugemutet werden? Mit dieser Frage werden sich die Länderparlamente im Herbst beschäftigen, dann sollen sie der geplanten Erhöhung von 17,50 Euro im Monat auf 18,36 Euro zum Januar 2021 zustimmen. Das hatte die Beitragskommission KEF vorgeschlagen und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten haben diesem Vorschlag auch schon zugestimmt - wenn auch mit Enthaltung Sachsen-Anhalts.

Im Kreise der Intendantinnen und Intendanten von ARD, ZDF und Deutschlandradio ist wiederum die Hoffnung groß, dass der Bevölkerung und speziell der Politik gerade in dieser Zeit der Wert des öffentlich-rechtlichen Rundfunks besonders bewusst ist. Da das aber auch kein Selbstläufer ist, geht dafür nach der KEF-Entscheidung das Lobbying weiter: Das ZDF hat mit anderen öffentlich-rechtlichen Sendern aus aller Welt die "Global Task Force for Public Media" gegründet - eine Allianz, die unter anderem über die neuen Bildungsangebote für Kinder zu Hause betont: "Öffentlich-rechtliche Medien haben hier eine einzigartige Aufgabe zu erfüllen."

Fazit: Die Sender werden noch mehr sparen müssen

Die Risikofelder für ARD, ZDF und Deutschlandradio sind offensichtlich. Corona wird auch für öffentlich-rechtliche Medien Folgen haben. Die Sender werden noch mal mehr sparen müssen. Gleichwohl gilt natürlich: Anders als viele private Sender müssen öffentlich-rechtliche in der laufenden Krise nicht um ihre Existenz fürchten.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 06.05.2020 | 23:20 Uhr