Stand: 08.01.2020 18:43 Uhr

#Umweltsau: Vom Kinderlied zur Morddrohung

von Nils Altland & Gudrun Kirfel

Ein Satirevideo des WDR-Kinderchores löste Ende vergangenen Jahres eine Empörungswelle im Netz aus - mit erheblichen Folgen: Der Wellenchef nahm das Video aus dem Netz. Der Ministerpräsident beschwerte sich. Der Intendant entschuldigte sich. Rechtsextreme demonstrierten vor dem Filmhaus in Köln. Am Ende gab es sogar Morddrohungen. Jetzt empören sich manche Kollegen: Der Sender sei vor den Rechten eingeknickt. Was ist geschehen?

#Umweltsau: Vom Kinderlied zur Morddrohung

ZAPP -

Ein Satirevideo des WDR-Kinderchores löste eine Empörungswelle aus. Als Folge nahm es der Sender aus dem Netz. Nun empören sich viele über das vermeintliche Einknicken.

4,16 bei 19 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Erste Ausstrahlung ohne Aufregung

Die Umdichtung der Liedzeile "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" zu "Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau" lief zum ersten Mal in der Hörfunk-Sendung "Satire Deluxe" am 9. November vergangenen Jahres auf WDR 5. Dort redeten die Radiomacher über ein Zitat von Greta Thunberg beim Klima-Gipfel, in dem sie drohte, die Augen der zukünftigen Generationen würden auf den Älteren haften. Die Hörfunk-Macher witzelten, ob das ein Aufruf an Kinder gewesen sei, ihre Eltern zu bespitzeln. Die Kinder könnten sich dann womöglich mit Informationen bei einer erfundenen "Fridays-for-Future-Hotline" melden, so die Idee der Satiriker. Danach wurde das umgedichtete Oma-Lied eingespielt: "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, Motorrad, Motorrad. Das sind tausend Liter Sprit jeden Monat, meine Oma ist 'ne alte Umweltsau." Das Lied endete mit der Zeile: "Meine Oma brät sich jeden Tag ein Kotelett, ein Kotelett, ein Kotelett. Weil Discounter-Fleisch so gut wie gar nichts kostet, meine Oma ist 'ne alte Umweltsau."

Daruaf gab es keine nennenswerten Beschwerden. Das umgedichtete Kinderlied richtete sich eindeutig gegen die angeblichen Auswüchse der Klimaschutzbewegung. Anderthalb Monate später übernahm WDR 2 den Song in seinem Programm und strahlte ihn einen Tag nach Weihnachten in einer Version des Dortmunder Kinderchores aus. Die Anmoderation soll sehr kurz gewesen sein, der satirische Kontext habe gefehlt. Nachprüfbar ist das leider nicht mehr, weil der Beitrag mittlerweile gelöscht wurde.

Die Empörung wanderte von rechts in die Mitte

Zusätzlich postete WDR 2 am selben Tag das Lied auf seiner Facebook-Seite. Jetzt wird das Satirelied erstmals auf Twitter-Accounts rumgereicht, und zwar "auf Accounts aus dem rechten Spektrum", wie es der Datenanalyst Philip Kreißel beschreibt, der die entscheidenden ersten Tage des Shitstorms ausgewertet hat. "Die ersten Accounts, die aus einer rechten Blase kamen, haben das Thema groß gemacht", so Kreißel. Nur 500 Accounts seien für mehr als die Hälfte aller Interaktionen unter dem Hashtag #Umweltsau zuständig gewesen, manche User hätten mehr als 100 Tweets am Tag retweetet, so der Datenanalyst.

Ein vergleichsweise kleiner Kreis hochaktiver Nutzer hat also einen gewaltigen Shitstorm ausgelöst. Und dieser Sturm wurde schnell zu einem Orkan. Noch am 27. Dezember kurz vor Mitternacht nimmt der Wellenchef von WDR 2 Jochen Rausch gemeinsam mit der verantwortlichen Redaktion das beanstandete Lied aus dem Netz und entschuldigt sich für die Umdichtung. Am Tag darauf sendet WDR 2 eine Sondersendung, ein "WDR 2 Spezial", nach den 18 Uhr Nachrichten. Hörerinnen und Hörer können anrufen und dem Wellenchef ihre Meinung sagen. In der Sendung ruft auch Intendant Tom Buhrow an und erzählt, dass er im Krankenhaus seiner Heimatstadt am Bett seines 92jährigen Vaters stünde, der "keine Umweltsau" sei. Auch er entschuldigt sich für das Lied, "ohne Wenn und Aber".

Weitere Informationen

#Umweltsau: Aufgerieben am Jahresende

Die Proteste gegen eine vom WDR-Kinderchor Dortmund gesungene Umweltsatire zeigen vor allem die Schwierigkeiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit einer polarisierten Debatte. mehr

Ist der Intendant eingeknickt?

Bild vergrößern
Im Kreuzfeuer der Kritik: Tom Buhrow.

Jetzt wird dem Intendanten von vielen WDR-Mitarbeitern vorgeworfen, er sei vor dem rechten Mob eingeknickt. "Omagate", wie die Debatte nun genannt wird, sei ein typischer Fall rechter Mobilisierung, der Shitstorm sei keine Massenbewegung gewesen. Zapp gegenüber beteuert der WDR, dass es neben der systematischen Agitation und Hetze im Netz, auch "Kritik von Hörerinnen und Hörern gab, die den WDR über verschiedene Kanäle erreichte", "auch per Mail und telefonisch". Das ist im Nachhinein nicht mehr zu rekonstruieren, aber Screenshots von der Diskussion auf Facebook zeigen, dass die Nummer der Hörer-Hotline des WDR mehrfach von mutmaßlich rechten Nutzern geteilt und dazu aufgerufen wurde, sich beim WDR zu beschweren. Es bestehen also zumindest Zweifel daran, ob alle Anrufe ohne vorherige Absprache und Aufforderung von "vielen Seniorinnen und Senioren", wie es Tom Buhrow im Spiegel-Interview ausdrückte, stammten, oder ob die Anrufer dazu zumindest angestiftet worden waren.

Klar ist: Nicht alle, die sich an dem Video gestört haben, sind rechts. Aber der Protest ist befeuert worden von rechten Gruppierungen, die den Druck auf den WDR massiv erhöht haben. In den USA gibt es dafür den Begriff des Astroturfing. Damit werden Kampagnen bezeichnet, die den Eindruck einer spontanen Graswurzelbewegung vortäuschen sollen. Astroturf ist der Ausdruck für Kunstrasen, in der Erweiterung des Begriffes eine künstlich hergestellte Graswurzelbewegung. Die Geschäftsführung des WDR beharrt darauf, dass sie diese orchestrierte Kampagne trennen kann von den Sorgen der treuen WDR-Stammhörerschaft.

Gestern wurde in einer außerordentlichen Redakteursversammlung im WDR über zwei Stunden intensiv diskutiert, welche Lehren man aus der Debatte um das Kinderchor-Lied ziehen kann. Darf man in Zukunft noch depublizieren, also Beiträge aus Mediatheken und Social Media-Seiten löschen, wo doch im Netz alles auffindbar bleibt? Hat man sich zu früh von dem Beitrag distanziert? Über diese Fragen wird seit dem #Umweltsau - nicht nur im WDR - bestimmt noch länger debattiert.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 08.01.2020 | 23:15 Uhr