Sendedatum: 08.05.2019 23:20 Uhr

Twitter-Gewitter: Wie ein Netzwerk den Diskurs beeinflusst

von Nils Altland, Lena Kampf, Philipp Eckstein, Jan Lukas Strozyk, Elena Kuch

Zehntausendfach teilen Nutzer in Sozialen Netzwerken Nachrichten von rechten Portalen, die zum Teil gezielt Falschmeldungen verbreiten. Eine Untersuchung zeigt nun, wie erfolgreich die Seiten sind. Experten befürchten, dass ein Teil der Bevölkerung sich vom klassischen Journalismus abwendet.

Es begann mit einer kleinen Notiz im Online-Auftritt der Bild-Zeitung: Mohammed sei der beliebteste Vorname für Neugeborene in Berlin. Diese Randnotiz griff die Alternative für Deutschland (AfD) auf, mit Hilfe einer Foto-Montage - sie zeigte einen kleinen jungen mit einem Bart, der wohl an den Propheten Mohammed erinnern sollte - machte die Partei Stimmung gegen Muslime. Die Reaktionen waren heftig und zahlreich.

Screenshot eines Tweets © NDR

Twitter-Gewitter: Wie ein Netzwerk den Diskurs beeinflusst

ZAPP -

Datenexperten haben zwei Millionen Social Media-Accounts ausgewertet - 47 Prozent der ausgewerteten Posts haben einen klaren AfD-Bezug. Warum sind die Rechten im Netz so dominant?

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Rechte Minderheit lenkt die politische Debatte im Netz

Das ist kein Einzelfall: Immer wieder schafft es eine rechte Minderheit im Netz die politische Debatte zu lenken. Das ist das Ergebnis einer Analyse von fast zehn Millionen Beiträgen in sozialen Netzwerken, die die Social-Media-Analysefirma Alto in Zusammenarbeit mit Reportern von NDR und WDR ausgewertet hat. Obwohl von den Menschen, die sich im Netz politisch äußern, nur rund zehn Prozent zum Unterstützer-Umfeld der AfD gehören, drehen sich 47 Prozent der Debatten auf Twitter, Facebook und Co. um Themen der Rechten.

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Das sind die 15 am häufigsten geteilten Seiten im dreimonatigen Beobachtungszeitraum.

Die Untersuchung zeigt auf, dass unter den am häufigsten geteilten Webseiten im Zusammenhang mit politischen Diskussionen im Internet zahlreiche Portale auftauchen, die tendenziös berichten und zum Teil offen Falschnachrichten verbreiten. Diese Webseiten werden teilweise deutlich häufiger verbreitet als klassische Nachrichten-Seiten großer Medienhäuser.

Unter den am häufigsten geteilten Seiten im dreimonatigen Beobachtungszeitraum landen neben Nachrichtenseiten wie "Die Welt", "tagesschau.de" und "Spiegel Online" auch Seiten wie "Journalistenwatch", "Tichys Einblick", "Anonymous News" oder "Epoch Times". Die Links dazu werden nahezu ausschließlich von Nutzern aus der Gruppe der Rechten verbreitet: Die Analyse zeigt, dass zum Teil 99 Prozent der Links zu diesen Portalen von Nutzern stammen, die der rechten Unterstützer-Gruppe zugeordnet werden. Auch die Angebote von Russia Today und Ruptly, dem Bilder- und Video-Dienst von Russia Today, werden von den Unterstützern der Rechten stark genutzt. Russia Today gilt als Sprachrohr des Kremls im Westen, 2012 sprach die damalige Chefredakteurin von Medien als "Waffe im Informationskrieg".

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Social-Media-Analyse: Rechte Nutzer dominieren Diskurs

Eine Minderheit rechter Nutzer dominiert politische Diskussionen in Sozialen Netzwerken. Eine Untersuchung zeigt, wie sie vorgehen und offenbart die Ohnmacht vieler Parteien im digitalen Europawahlkampf. extern

Klickgetriebenen Journalismus

Die österreichische Autorin Ingrid Brodnig beschäftigt sich seit Jahren mit der Verbreitung rechter Propaganda im Netz. Das größte Problem sei, so Brodnig im Gespräch mit NDR und WDR, dass ein kleiner Teil der Bevölkerung "Gefahr läuft sich vom klassischem Journalismus abzuwenden und sehr einseitige Medien konsumiert". Das könne dazu führen, dass klassische Medien sich davon beeinflussen lassen, etwa wenn die Redaktionen feststellen, dass eine einseitige Geschichte über Asylbewerber plötzlich viele Klicks, Kommentare und ein hohes Aufkommen an Interaktion in sozialen Medien bringe. "Im schlimmsten Fall führt das zu einem klickgetriebenen Journalismus, der nicht rein nach 'was ist wichtig', sondern 'was ist emotionalisierend' agiert." Selbst wenn die Themen dort eingeordnet oder kommentiert werden, sind sie gesetzt und bekommen Aufmerksamkeit.

Dabei sei insbesondere Twitter von hoher Bedeutung, obwohl viele Menschen in Deutschland die Plattform gar nicht nutzten, so Brodnig. Das zeige etwa das Beispiel von US-Präsident Donald Trump. "Viele Menschen haben noch nie Donald Trump auf Twitter gelesen, aber sie wissen dauernd was Donald Trump sagte, weil es Medien aufgegriffen haben. Und Rechtspopulisten machen das auch. Die speisen häufig Meldungen über Soziale Medien ein, nur damit klassische Medien das dann übernehmen", sagte Brodnig.

"Nicht überraschend aber trotzdem erschreckend"

Wie Medien damit umzugehen versuchen, erklärt Torsten Beeck. Er verantwortet die Zusammenarbeit mit Social-Media-Plattformen bei "Spiegel Online". Er kritisiert, dass soziale Medien die bloße Menge der Interaktionen als Relevanzkriterium heranziehen und es so belohnen, möglichst reißerische Beiträge zu veröffentlichen. Relevanz entstehe aus seiner Sicht "über die Metaebene, die Einordnung, die Vertiefung oder die Recherche". "Spiegel Online" verzichte daher häufig darauf, über Themen zu berichten, obwohl die Redaktion weiß, dass sie viele Klicks einbringen würden - weil die Themen nicht relevant seien. Dass Portale, die solche Mechanismen hingegen bewusst bedienen und dabei auch noch eine politische Agenda verfolgen, in der Rangliste weit oben erscheinen, findet Beeck "nicht überraschend aber trotzdem erschreckend". Dort werde dann eine Geschichte "in zwei Absätzen erzählt, über die sich Menschen aufregen. Die Erklärung dahinter ist häufig deutlich komplexer." Die Recherche, die zeigt, "warum das totaler Quatsch ist", bekommt die Aufmerksamkeit hingegen nicht.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 08.05.2019 | 23:20 Uhr