Stand: 03.03.2019 13:03 Uhr

Türkei verweigert NDR Reporter Akkreditierung

Die Türkei weigert sich aktuell, mindestens drei deutschen Journalisten die Presse-Akkreditierungen zu verlängern. Neben ZDF-Korrespondent Jörg Brase und "Tagesspiegel"-Reporter Thomas Seibert trifft es auch Halil Gülbeyaz, der bislang für den NDR über die Türkei berichtet hat, darunter mehrfach für ZAPP.

Er vermutet, dass seine Berichte über Menschenrechte, Pressefreiheit und den Umgang mit Minderheiten in der Türkei unerwünscht seien. Ohne "Pressekarte" könne er nun nicht mehr in der Türkei drehen, das werde dort landesweit kontrolliert. Im Interview mit der ARD bedauert Gülbeyaz die bisherige Zurückhaltung der Bundesregierung bei der Pressefreiheit in der Türkei.

Der Journalist Halil Gülbeyaz im ARD-Interview.

Gülbeyaz: "Gezielte Selektion" bei Journalisten

ZAPP -

Weil die Türkei auch ihm die Akkreditierung verweigert, sieht NDR-Reporter Halil Gülbeyaz keine Chance mehr, in der Türkei zu drehen. Er hatte u.a. für ZAPP berichtet.

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Herr Gülbeyaz, die Türkei hat Ihnen per E-Mail mitgeteilt, dass Sie keine Akkreditierung mehr bekommen. Was haben Sie da gedacht?

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Ohne sie ist das Arbeiten als Journalist in der Türkei nicht möglich: die Pressekarte.

Als ich die Absage-Mail gelesen habe, dachte ich mir: Ja, jetzt ist es soweit, denn ich habe damit gerechnet, dass sie irgendwann mal meine Pressekarte nicht verlängern würden. In den letzten Jahren haben sie die Freiheiten der Journalisten immer mehr eingeschränkt. Diese Pressekarte hat auch nicht überall gegolten. Zum Beispiel im Osten der Türkei: Da hat man eine Spezialdrehgenehmigung benötigt, die man extra beantragen musste. Irgendwann mal - dachte ich mir - würden sie mir die Pressekarte endgültig einziehen.

Sie hatten das also erwartet?

Nach dem Wechsel zum Präsidialsystem hat man sich anscheinend eine gezielte Selektion vorgenommen und die führen sie gerade durch. Die kritischen Journalisten bekommen diese Pressekarte nicht mehr aufgrund ihrer Arbeiten, denke ich.

Warum hat es Sie getroffen?

Ich habe in der Vergangenheit auch immer über die Pressefreiheit, Menschenrechte in der Türkei und über die Minderheitenpolitik berichtet. Ich denke mal, das ist die Hauptursache für diese Ablehnung.

Was sind die Folgen?

Im Gegensatz zu den türkischen Kollegen, die in der Türkei in Gefängnissen sitzen, habe ich einfach nur nicht mehr die Möglichkeit, in der Türkei zu arbeiten. Das ist nicht so schwerwiegend, wenn man sich vorstellt, dass viele Menschen in der Türkei wegen ihrer Arbeit auch im Gefängnis landen. Ich denke mal, dass ich in der Türkei in Zukunft als Journalist nicht mehr arbeiten kann, denn ohne Pressekarte kann man gar nicht diesem Beruf nachgehen.

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Warum ist eine Akkreditierung in der Türkei so wichtig?

In der Türkei braucht man die Pressekarte im Grunde genommen überall, wenn man sich auf der Straße bewegt mit einem Kamerateam. Polizisten sind gleich vor Ort - meistens Zivilpolizisten -, die nach der Karte verlangen. Und wenn ich diese Karte nicht habe, werde ich einfach nicht mehr dort drehen können. Das ist eine Tatsache.

Werden Sie trotzdem weiter über die Türkei berichten?

(Nickt.) Ich werde weiterhin als Journalist arbeiten, aber mein Arbeitsplatz in der Türkei ist nicht mehr. Mit dieser Gewissheit muss ich einfach meinem Beruf nachgehen.

Was erwarten Sie jetzt von der Bundesregierung?

Die Bundesregierung hat mit Erdogan bis jetzt gut zusammengearbeitet, und die wirtschaftlichen Interessen haben wohl Vorrang, denke ich mal. Ich denke mal, man könnte mehr Druck auf Erdogan ausüben, was Menschenrechte und Presserechte in der Türkei anbetrifft. Ich finde es sehr schade, dass es in der Bundespolitik einfach zu kurz kommt.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 02.03.2019 | 23:15 Uhr