Sendedatum: 20.03.2019 23:20 Uhr

Medienspektakel nach Rebeccas Verschwinden

von Sebastian Asmus und Carsten Pilger

Seit dem 18. Februar wird Rebecca R. aus Berlin-Britz vermisst und seither vergeht fast kein Tag, an dem Medien nicht ausführlich über den Fall berichten. Obwohl 1.500 Hinweise bei der Polizei eingegangen sind und eine Hundertschaft mit Spürhunden und Hubschrauben wiederholt mit umfangreicher medialer Begleitung nach der Schülerin gesucht hat, fehlt jede Spur von ihr. Die Polizei geht davon aus, dass das Mädchen nicht mehr lebt. Rebeccas Schwager sitzt als Tatverdächtiger in Untersuchungshaft. Er schweigt. Rebeccas Familie glaubt an seine Unschuld, bekräftigt dies immer wieder gegenüber den Medien und gewährt mehreren Sendern, Zeitungen und Zeitschriften wiederholt Einblick in ihr Leben.

Schlagzeile einer Zeitung © NDR

Medienspektakel nach Rebeccas Verschwinden

ZAPP -

Ob ein bearbeitetes Foto der Vermissten oder unverpixelte Bilder des Tatverdächtigen - bei der Berichterstattung über die vermisste Rebecca R. häufen sich Verfehlungen der Medien.

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Suche mit irreführendem Bild

Die Familie hat der Polizei ein Foto zur Suche nach Rebecca gegeben. Dieses Foto ist in der Berichterstattung allgegenwärtig. Und mit der Veröffentlichung dieses Fahndungsfotos hat eine Kritik am Umgang der Medien mit dem Fall eingesetzt, die immer deutlicher Verfehlungen und Versäumnisse anprangert.

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Manche Medien würden den emotionalen Ausnahmezustand der Eltern als Freibrief und als Einfallstor für reichweitenstarke Schicksalsstorys nutzen, meint Marlis Prinzing, Professorin für Medienethik.

Das Foto stammt von Rebeccas Instagram-Account. Rebecca selbst hat es digital bearbeitet, mit einem sogenannten "Facefilter" ihr Aussehen verändert, so wie es viele Mädchen in ihrem Alter in Smartphone-Apps machen. Sie hat ihre Augen vergrößert, die Lippen voller gemacht, die Wangenknochen schmaler, die Haut glatter. Von ihrem eigentlichen Aussehen ist das Bild sehr weit entfernt, so weit, dass Rebecca auf der Straße wohl gar nicht erkannt werden würde. Für Marlis Prinzing, Professorin für Medienethik, ist die fortwährende Verwendung des Fotos ein großes Versäumnis der Medien: "Ein bearbeitetes Foto von Instagram ist überhaupt nicht nützlich, um nach vermissten Personen zu suchen, weil es ja nicht die Realität abbildet, und ich suche ja diese Person in der Realität." Auch lege das Foto, laut Prinzing, "einen Subtext zu einer möglichen Lolita-Geschichte nahe".

Unverpixelter Tatverdächtiger

Die Berliner Polizei hat neben dem Fahndungsfoto von Rebecca weitere Fotos zu dem Fall veröffentlicht. Darunter sind auch drei sogenannte Mugshots, also Polizeifotos des Schwagers von Rebecca. Er war vor ihrem Verschwinden mit ihr allein im Haus. Auf den Bildern ist der Schwager nicht unkenntlich gemacht, nicht verpixelt. Ein ungewöhnliches Vorgehen, da nach dem Tatverdächtigen nicht gesucht wird. Er sitzt bereits in Untersuchungshaft. Die Polizei erklärt, man erhoffe sich von der Veröffentlichung  des Fotos, dass sich Zeugen melden, die den Schwager von Rebecca zur Zeit der Tat oder danach beobachtet haben.

Unschuldsvermutung außer Kraft

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Die Medien würden die Unschuldsvermutung mit Füßen treten, meint Stefan Conen, Vorsitzender der Vereinigung Berliner Strafverteidiger.

Einige Medien nehmen das aber zum Anlass, den Schwager als mutmaßlichen Täter zu inszenieren, breiten Details aus Privat- und Berufsleben aus. Für die Vereinigung Berliner Strafverteidiger tritt die Berichterstattung im diesem Fall "die Unschuldsvermutung des Verdächtigen mit Füßen und imponiert als Treibjagd im Live-Tickermodus". Ihr Vorsitzender Stefan Conen sieht den Ruf des Tatverdächtigen auch dann ruiniert, sollte der sich als nicht schuldig herausstellen: "Was da angerichtet wird, das lässt sich auch mit einer späteren Berichterstattung vermutlich nicht wiedergutmachen."

Extremsituation der Eltern ausgenutzt

In der Hoffnung, Rebecca lebend wieder zu finden, öffnet die Familie derweil vielen Reportern die Tür. Viele Medien nutzen das für Tragödienjournalismus, zeigen weinende Angehörige, berichten über Vermutungen und Theorien der Eltern zum Verschwinden ihrer Tochter. ZAPP hat SAT.1 gefragt, warum sie nicht mehr Zurückhaltung in der Berichterstattung üben. Die Antwort: "SAT.1 berichtet aufgrund des öffentlichen Interesses und der großen Anteilnahme unserer Zuschauer umfangreich und unter Einhaltung der journalistischen Grundsätze über den Fall." Und befeuern damit einen öffentlichen Konflikt zwischen Ermittlern und Familie. Die Polizei rät der Familie zu Zurückhaltung, die Familie übt Kritik an der Ermittlung, hält etwa öffentlich zum Tatverdächtigen. Marlis Prinzing meint, dass die Medien die Notlage der Eltern ausnutzen. Manche nutzten "diesen emotionalen Ausnahmezustand als Freibrief und als Einfallstor, um eine reichweitenstarke Schicksalsstory" zu erzählen.

Einige Medien berufen sich darauf, dass die Familie ihnen selbst die Tür geöffnet habe und verteidigen ihre Berichterstattung: RTL hat ZAPP schriftlich mitgeteilt: "Wir stimmen uns eng mit der Familie Reusch ab, kommen ihrem Wunsch nach Zurückhaltung in unserer Berichterstattung nach und haben deshalb nach wie vor ein sehr gutes Verhältnis zur Familie."

Auch die "Bunte", die für eine Homestory mit der Mutter von Rebecca sprach, sagt: "Die Familie hofft, dass Rebecca lebend gefunden wird, aber befürchtet, dass sie anhand des bislang veröffentlichen Bildmaterials nicht erkannt wird. In enger Absprache mit der Familie hat Bunte entschieden, das Interview zu führen und zu drucken."

Reporter bei jeder Polizeiaktion dabei

Nicht nur bei der Familie sind die Journalisten fast täglich, auch jede Suchaktion der Polizei wird von einem Medientross begleitet. Mit dabei sind auch öffentlich-rechtliche Medien. Der freie rbb-Reporter Michael Lietz hat mehrfach von Suchen berichtet, macht dies aber unter anderen Voraussetzungen als Kollegen aus dem Boulevard-Journalismus: "Die Kollegen sind da schon ein bisschen mehr unter Druck. Es finden sich welche, die darüber spekulieren, ob durch die Meute der Leichenwagen geführt wird oder nicht."

Die mediale Jagd nach Rebecca R. geht weiter. Bis Redaktionsschluss ist das Mädchen nicht gefunden worden.

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ZAPP | 20.03.2019 | 23:20 Uhr