Stand: 14.11.2018 20:38 Uhr

Traumatisierte Journalisten: Es gibt zu wenig Hilfe

von Inga Mathwig
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Wer aus Kriegsgebieten berichtet, erlebt oft traumatisierende Ereignisse. Um diese zu bewältigen, sollten Reporter Hilfe in Anspruch nehmen.

Es dauert ein paar Sekunden, bis er die passenden Worte findet. "Wenn ich jetzt eine Selbstdiagnose stellen müsste, würde ich sagen: Ich bin belastet", sagt Enno Heidtmann. Zum ersten Mal spricht er öffentlich über die traumatischen Erfahrungen, die er bei seiner Arbeit gemacht hat. Der Videojournalist, Blogger und Autor reist seit acht Jahren mit seiner Kamera in Krisengebiete. Er hat dort ehemalige Bastionen des Islamischen Staates gesehen; verlassene Dörfer, Leichenteile zwischen den Trümmern. Diese Bilder verfolgen ihn bis in seine Träume. Um sie zu bewältigen, nahm er Hilfe in Anspruch.

 

Journalist im Kriegsgebiet.

Traumatisierte Journalisten: Es gibt zu wenig Hilfe

ZAPP -

Krieg, Naturkatastrophen, Anschläge, Unfälle - Reporter durchleben manchmal traumatische Ereignisse. Um diese zu verarbeiten, brauchen sie Hilfe. Doch nur wenige Redaktionen kümmern sich.

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Rojas: "Trauma kann jeden treffen"

Über traumatische Erfahrungen sprechen nur wenige Journalisten öffentlich. Enno Heidtmann will sie dazu ermutigen, genau das zu tun. Mit seinem "Verein für journalistische Aufklärung in der Krisen- und Kriegsberichterstattung" und Pro Journal e.V. hat er eine Fachtagung zu emotionalen Belastungen im Journalismus veranstaltet. Es geht ausdrücklich nicht nur um Erlebnisse im Ausland. "Trauma kann jeden treffen", betont Fee Rojas, die mit den Kollegen von "Nicht schaden" Journalisten und Medienhäuser berät. Die Therapeutin arbeitet eng mit verschiedenen Redaktionen zusammen, hat lokale Reporter etwa nach der Massenpanik auf der Loveparade in Duisburg betreut. Sie sagt: "Journalisten können traumatische Szenen selbst erleben, sie können sich aber auch 'am Unglück anderer infizieren'. Etwa, indem sie viel Zeit mit Menschen verbringen, die Extremes erlebt haben."

Zwei Websites klären auf

Nur die wenigsten Journalisten würden sich direkt bei ihr melden, erzählt Rojas. Mit einer Ausnahme: den Freien. Weil ihnen oft keine Angebote gemacht würden. Das kann auch Enno Heidtmann bestätigen: "Kein Redaktionsleiter hat mich jemals danach gefragt, wie es mir bei gewissen Bildern ergangen ist." In einigen Köpfen sitze noch immer das Klischee des Reporters als harter Hund. Es gibt aber inzwischen eine ganze Organisation, die dagegen ankämpft: das Dart Centre Europe für Journalismus und Trauma. Es klärt über die Gefahren für Journalisten auf, organsiert Coachings und Seminare und bringt Betroffene mit geeigneten Therapeuten zusammen. Auch Heidtmanns Verein VjAKK e.V. kann von Hilfesuchenden kontaktiert werden

Wenige Medien kümmern sich, Freie meist außen vor

Regeln für den Umgang mit traumatisierten Mitarbeitern, oder gar feste Ansprechpartner, gibt es in kaum einer Redaktion. Die "Süddeutsche Zeitung" bietet ihren Reportern vor und nach Auslandseinsätzen spezielle Briefings. Bei der "Zeit" gibt es seit Neuestem eine Agentur, die sich bei Bedarf kümmert. In der ARD gibt es den Krisen-Koordinator Tom Sievers, ansässig beim WDR in Köln. Er organisiert Workshops für spezielle Einsätze. Um jeden einzelnen Journalisten kann er sich aber mitnichten kümmern. Und freie Journalisten bleiben bei den meisten Modellen außen vor.

Enno Heidtmann wünscht sich mehr Austausch

Deshalb sei es so wichtig, den Redaktionsleitern ihre Verantwortung bewusst zu machen, meint Fee Rojas. Sie sollten ihren Mitarbeitern im Zweifelsfall Hilfsangebote unterbreiten. Auch Enno Heidtmann wünscht sich mehr Austausch. Das sei im besten Fall eine Win-Win-Situation: "Wenn man mit der Redaktion über das Erlebte spricht, kann man als Betroffener auch das Gefahrenpotential einschätzen. Und damit sogar Kollegen schützen."

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ZAPP | 14.11.2018 | 23:15 Uhr