Stand: 04.12.2019 20:00 Uhr

TikTok - Wie tickt die chinesische Plattform?

von Nils Altland
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Die Video-App TikTok ist das soziale Netzwerk der Stunde. Bislang gab es hier vor allem Musik, Tanz und Comedy. Jetzt will die "Tagesschau" mit News neue Zielgruppen erschließen.

TikTok steht vor allem für Unterhaltung. Die Nutzerinnen und Nutzer sind überwiegend Teenager. In den Videos singen sie, tanzen, führen kleine Sketche auf. Dabei braucht man nicht einmal einen Account, um sich hier passiv bespaßen zu lassen: Ein Algorithmus spült pausenlos neue Clips in den Feed "For You". Doch Politik und Kontroverses findet man hier kaum.

 

"Tagesschau" testet TikTok - trotz Kritik

ZAPP -

Über eine Milliarde Downloads, in Deutschland inzwischen mehr User als Twitter - TikTok boomt und ist vor allem bei Teens beliebt. Diese will die "Tagesschau" erreichen - mit News.

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"Tagesschau" gewinnt über 100.000 Follower in einer Woche

Seit Mitte November hat ausgerechnet die altehrwürdige "Tagesschau" einen Kanal auf der Plattform, sie ist die erste deutschsprachige Nachrichtenmarke auf TikTok. Auf ihrem Kanal experimentiert das ARD-Hauptmedium mit einer Mischung aus Comedy, Blicken hinter die Kulissen und Erklärfilmen zu aktuellen Themen. Darunter Netzaffines wie etwa ein Beitrag zu Retouren im Online-Handel anlässlich des Black Friday.

Für Marcus Bornheim, seit Oktober Chefredakteur der "Tagesschau", ist vor allem die große Reichweite verlockend: "Die App ist so unglaublich erfolgreich, innerhalb von gerade mal einer Woche haben wir über 100.000 Follower bekommen. Das pulverisiert all unsere Versuche auf allen anderen sozialen Netzwerken."

Insbesondere die Resonanz bei der jungen Zielgruppe ist aus Sicht der traditionsreichen Nachrichtensendung interessant: "Das ist unsere Chance, wie wir an Leute herankommen, die eben nicht mehr um 20 Uhr vor dem Fernseher sitzen. Und sie dort zu erreichen, mit 'Tagesschau'-Inhalten. Und wer, wenn nicht die 'Tagesschau', sollte das machen?"

Zensurvorwürfe gegen die App aus China

Doch TikTok ist umstritten: ByteDance, der Konzern hinter der App, kommt nicht etwa aus dem Silicon Valley, sondern aus Peking. Mit 75 Milliarden Dollar ist ByteDance derzeit eines der wertvollsten Start-Ups weltweit. Zuletzt stand das Unternehmen immer wieder in der Kritik. Der Verdacht: Inhalte, die etwa die chinesische Regierung kritisieren, würden auf TikTok unterdrückt.

Nach Recherchen von Chris Köver und Markus Reuter von Netzpolitik.org hat die Steuerung von unbequemen Inhalten auf TikTok System. Sie zitieren eine verdeckte Quelle, die demnach für TikTok arbeitet. Mit deren Hilfe konnten Köver und Reuter zeigen, nach welchen inhaltlichen Kriterien Videos in ihrer Reichweite unterdrückt oder gefördert werden. Diese Kriterien wurden zwar seit dem Beginn ihrer Recherche im September erweitert, doch nicht wesentlich verändert. Alle Videos werden von Moderatorinnen und Moderatoren gesichtet und bewertet. Diese sitzen in Berlin, Barcelona und in Peking.

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Markus Reuter (Netzpolitik.org): "Menschen in autoritären Systemen haben ganz oft einen vorauseilenden Gehorsam, eine Schere im Kopf. Und da kann man davon ausgehen, dass dort Menschen eher im Sinne des Regimes moderieren als nicht im Sinne des Regimes."

Für Markus Reuter steht fest, dass TikTok so auf politische Inhalte Einfluss nimmt, auch wenn dafür keine direkten Befehle aus der Parteizentrale nötig sind. Laut Netzpolitik.org stuft TikTok unbequeme Inhalte in vier verschiedene Kategorien ein. Darunter fallen zum Beispiel Videos von politischen Demonstrationen. Zum Teil spielt die jeweilige Region eine Rolle: Clips, die etwa Homosexualität thematisieren, werden in der islamischen Welt ausgeblendet.

Reichweiten-Steuerung beeinflusst am Ende das Inhalteangebot

"Das Interessante ist, dass dieses Einschränken der Sichtbarkeit von bestimmten Inhalten weniger über das Löschen passiert als über verschiedene Möglichkeiten, die Reichweite von bestimmten Beiträgen zu deckeln", erklärt Chris Köver. Demnach könnten kritische Videos für den "For You"-Feed gesperrt, in den Suchergebnissen ausgeblendet oder sogar für alle Nutzerinnen und Nutzer außer dem Urheber selbst ganz unsichtbar werden. Der Nutzer merke dabei gar nicht, dass sein Video unterdrückt werde. Nur die Resonanz bleibe aus, und so wirke es lediglich so, als würde sich niemand für den betreffenden Post interessieren. Reuter vermutet einen Effekt dieser diskreten Steuerung der Inhalte: "Die Menschen, die da Inhalte produzieren, merken: Okay, das funktioniert nicht gut und machen dann andere Inhalte."

TikTok selbst verweigert ZAPP ein Interview, nimmt nur schriftlich zu den Vorwürfen Stellung. Allerdings mit einem überspezifischen Dementi: Auf die Frage, ob Videos aufgrund des Inhalts in ihrer Sichtbarkeit eingeschränkt werden, schreibt eine Unternehmenssprecherin: "TikTok entfernt keine Inhalte aufgrund ihrer politischen Ausrichtung." Aber nach der Entfernung von Inhalten hatten wir überhaupt nicht gefragt.

Dass TikTok ein Interview meidet, ist nicht ganz nachvollziehbar. Immerhin finden sich auf der Plattform neuerdings populäre Videos, die die Politik Chinas offen kritisieren - nicht zuletzt von der "Tagesschau". Unter den wenigen Videos auf dem jungen Kanal finden sich gleich zwei: Eins, das die Proteste in Hongkong erklärt und die Überwachung durch die Kommunistische Partei beschreibt. Und ein anderes über die Internierung der Uiguren, wie durch die "China Cables" bekannt wurde.

TikTok für den Westen und Douyin für China

Allerdings sind diese Videos in China nicht sichtbar, denn TikTok gibt es nur für einen globalen Markt außerhalb der Volksrepublik. Wer versucht, die App im chinesischen Netz zu öffnen, sieht nur einen leeren Screen. Hier unterscheidet sich TikTok übrigens nicht von Facebook oder Twitter, die ebenfalls von der "Great Firewall" blockiert werden. In China selbst betreibt ByteDance eine App namens "Douyin". Diese sieht TikTok sehr ähnlich, ist inhaltlich aber komplett verschieden. Die "Tagesschau" ist hier nicht zu finden, dafür aber heitere Folklore, wenn man etwa nach dem Stichwort Uiguren sucht.

Für Marcus Bornheim steht die Kritik an TikTok nicht im Widerspruch zum freiheitlichen Anspruch der "Tagesschau": "Wir haben in den 'Tagesthemen' kritisch über TikTok berichtet, wir haben bei Tagesschau.de kritisch über TikTok berichtet. Es ist ja nicht nur so, dass wir nur den TikTok-Kanal der 'Tagesschau' haben, sondern viele, viele andere Ausspielwege noch. Und da wird sich TikTok natürlich genauso dieser Kritik stellen müssen."

Und doch hat der "Tagesschau"-Kanal TikTok zumindest in Deutschland zu einiger Anerkennung verholfen, die Plattform möglicherweise auch für andere Medien aufgewertet. Doch der Kanal ist nicht für die Ewigkeit bestimmt; Bornheim wird TikTok weiterhin kritisch beobachten: "Wenn wir merken, dass unsere Inhalte rausgenommen werden durch irgendeine Form von Moderation von TikTok, wenn wir da nicht mehr frei und unabhängig berichten können, dann machen wir sofort den Kanal zu."

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ZAPP | 04.12.2019 | 23:20 Uhr