Stand: 12.02.2020 18:11 Uhr

Thüringen: Und ewig lacht die AfD

von Nils Altland, Melanie Boeff

Die Wahl Thomas Kemmerichs zum thüringischen Ministerpräsidenten mit den Stimmen der AfD war das politische Großereignis der vergangenen Woche. Das Medienecho war gewaltig, die Zeitungen zeigten sich entsetzt - von "Bild" ("Wahl-Schande") bis "taz" ("Von Faschisten gewählt"). Eine beliebte Metapher dieser Tage war die einer "Brandmauer" nach rechts, die bröckelt oder gar bricht. Doch CDU und FDP betonten auf Bundesebene ihre Unvereinbarkeit mit den Rechtspopulisten. Nach Kemmerichs Rücktritt ist für die AfD machtpolitisch daher nicht viel gewonnen. Dennoch steht die Partei nun vielfach im Mittelpunkt der Debatte.

Thüringen: Und ewig lacht die AfD

ZAPP -

Nach dem Trick bei der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen gelingt der AfD die mediale Selbstinszenierung. Dazu verhelfen Talkshow-Auftritte und ein denkwürdiger "Spiegel"-Titel.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Der AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland war am Tag nach der Wahl zu Gast in der ZDF-Talkshow "Maybrit Illner". Dort stellte er sich und seine Parteifreunde in Thüringen ausdrücklich als bürgerlich dar - im starken Gegensatz zur national-völkischen Ausrichtung des dortigen Landesverbands. "Herr Gauland konnte sagen: Wir haben einen bürgerlichen Kandidaten gewählt - wir, die bürgerliche Mitte. Und lange hat niemand widersprochen", kritisiert Sabine am Orde. Sie berichtet für die "taz" regelmäßig über die AfD und hat die Ereignisse in Erfurt vor Ort beobachtet.

AfD hält sich im Gespräch

Bild vergrößern
Medien verschafften der AfD zu viel Aufmerksamkeit, so der Medienwissenschaftler Alexander Sängerlaub.

Der Coup der AfD offenbare vor allem die Schwächen der anderen Parteien, betont Alexander Sängerlaub vom Thinktank "Stiftung Neue Verantwortung": "Der Sieg der AfD funktioniert ja nur, weil die anderen alle umgefallen sind. Und das ist eigentlich die Frage, die wir uns stellen müssen: Warum fallen die anderen um?". Doch anstatt sich ausführlich mit FDP und CDU auseinanderzusetzen, würden viele Medien der AfD zu großer Aufmerksamkeit verhelfen, so der Berliner Medienwissenschaftler.

Die AfD hält sich im Gespräch. Am Sonntag sitzt die Bundestagsfraktionsführerin Alice Weidel neben Spitzenpolitikern anderer Parteien bei Anne Will. In der Sendung streiten sich Kubicki, Wagenknecht, Kühnert und Altmeier - während Weidel hörbar lacht und die Äußerungen der anderen Gäste mehrfach als "unglaublich" kommentiert.

Auf die Nachfrage von ZAPP, warum man Alice Weidel eingeladen hätte, antwortete die Redaktion von "Anne Will" wie folgt: "Die Redaktion bespricht immer ausführlich die Ausgangslage, bevor sie entscheidet, welche Gäste sie einlädt. In diesem Fall war die AfD eine entscheidende Akteurin bei den Ereignissen in Thüringen. Zudem legten auch Äußerungen aus der Parteiführung, etwa Alexander Gaulands, die Interpretation nahe, dass es der AfD vor allem darum gehe, die anderen Parteien vorzuführen. Das sollte in der Diskussion thematisiert werden."

Bild vergrößern
Die Medien würden der AfD mit ihrer Art der Berichterstattung einen großen Gefallen tun, meint "taz"-Journalistin Sabine am Orde.

Andere Parteien vorzuführen, ist der AfD wohl wieder gelungen. Für die "taz"-Redakteurin Sabine am Orde war es eine fragwürdige Entscheidung, Weidel einzuladen: "Inhaltlich hatte sie überhaupt nichts beizutragen. Sie hat sich zurückgelehnt, sich sehr spöttisch verhalten, so nach dem Motto: Euch nehme ich doch alle hier nicht ernst."

Wirkungsvolle Selbstinszenierung

Weidel gelingt damit die Selbstinszenierung in ihrer Rolle als erhabene Außenseiterin. Ihr Parteikollege Björn Höcke musste sich dafür gar nicht erst in ein Fernsehstudio begeben. Der "Spiegel" zeigt ihn in der aktuellen Ausgabe in dramatischem Licht auf dem Cover. Der dazugehörige Titel: "Der Dämokrat". Höcke wird als Dämon dargestellt, als das personifizierte Böse. Für Am Orde erweist das Nachrichtenmagazin damit Höcke und seinen Parteifreunden - entgegen der kritischen Absicht - einen großen Dienst: "Ihn so darzustellen, dieses Schwarze, Teuflische, absolut Ausgefuchste, die blauen Augen. Das ist genau das Bild, was sie von Björn Höcke zeichnen wollen."

Links

Nach Wahl Kemmerichs: Hitzige Atmosphäre, falsche Meldungen

In hitziger Atmosphäre steigt die Gefahr, dass falsche Informationen geglaubt werden - so auch nach der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen: Es gibt falsche Anschuldigungen, Zahlen und Verwirrung um ein angebliches Angebot. extern

Der "Spiegel" verteidigt die Entscheidung für das Titelmotiv gegenüber ZAPP: "Die AfD ist eine Realität in diesem Land, und es macht keinen Sinn, davor die Augen zu verschließen, indem man das Thema nicht auf das Titelbild setzt."

Auf dem Weg zwischen Ignoranz und Überhöhung der Partei scheinen viele Medien noch auf der Suche.

Weitere Informationen

Stöckchensprung? Der Umgang mit der AfD

"Vogelschiss", "Kopftuchmädchen", "In Anatolien entsorgen": Sollen Medien auf die Provokationen der AfD-Politikern reagieren? Und wenn ja - wie? Ein Streitgespräch. mehr

Stralsund: Merkels Antwort auf Rechtsaußen

Bundeskanzlerin Merkel konterte neulich bei einer Fragerunde überzeugend die Vorwürfe eines AfD-Politikers. Eine Kommunikationsstrategie, die Experten loben. mehr

Merkel auf Tauchstation?

Was sagt eigentlich Angela Merkel zur Grundrente, zur Koalitionsfrage in Thüringen oder zur Meinungsfreiheit? Laut Bundespresseamt gibt die Kanzlerin weniger Interviews. mehr

Satire: Die bessere Politik-Berichterstattung?

Sorgen Satire-Sendungen wie die "heute-show" für Politikverdrossenheit oder können sie Leute für politische Themen begeistern? ZAPP hat mit den Machern gesprochen und Studien gelesen. mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 12.02.2020 | 23:20 Uhr