Stand: 20.03.2019 18:16 Uhr

Tätervideo aus Neuseeland spaltet Medien

von Inga Mathwig

Ein Täter - getrieben von Hass und Rassismus mit unbändigem Geltungsdrang: Der Attentäter von Christchurch wollte, dass die ganze Welt bei seinem Blutbad zusieht. Dafür kündigte er es im Netz an, streamte live über Facebook. Die Mordserie wurde auf Youtube hochgeladen, auf Reddit verlinkt und kommentiert.

Die Medien reagierten unterschiedlich: Mit einer schwarzen Titelseite, wie die Hamburger Morgenpost, um sich den Bildern und damit dem Geltungsdrang des Täters zu verweigern. Oder aber wie die "B.Z." aus Berlin - sie zeigte sogar die Opfer in der Moschee offen, stellte sie damit zur Schau. Auch "Bild" veröffentliche Standbilder des Videos, im Netz sogar Ausschnitte aus dem Tätervideo. Chefredakteur Julian Reichelt erklärt die Entscheidung im "Bild"-Kommentar: "Journalismus ist dazu da, Bilder der Propaganda und Selbstdarstellung zu entreißen und sie einzuordnen. Erst die Bilder verdeutlichen uns die erschütternde menschliche Dimension dieser Schreckenstat."

Trauernde knien vor Blumen © NDR

Tätervideo aus Neuseeland spaltet Medien

ZAPP -

Wie umgehen mit Terror, mit den Bilder des Terrors? Der Attentäter von Christchurch setzte die Bilder als Waffe ein, streamte seine Tat live. Und viele Medien gaben ihm diese Bühne.

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Die Pornographie des Terrors

Eine Haltung, der Medienwissenschaftler Stephan Weichert vehement widerspricht: "Was könnte das für einen Mehrwert haben, diese Bilder zu zeigen? Es bedient eine Sensationslust, man bedient ganz klar die Pornographie des Terrors, sich daran aufzugeilen, solche Bilder zu sehen (…). Man muss verstehen, dass die Tat des Terroristen auf maximale Aufmerksamkeit  abzielt. Und Medien dürfen sich nicht zu Helfershelfern machen lassen und die Propaganda verbreiten."

Anmerkung der Redaktion

Nach der Ausstrahlung des Berichts zum Umgang mit dem Tätervideo von Christchurch erreichten uns zahlreiche Zuschriften, die zweierlei kritisierten:

  • ZAPP hätte sich vor zwei Wochen in einem Beitrag über die Berichterstattung zum Amoklauf in Winnenden klar von sogenannten "Opfergalerien" distanziert und würde nun selbst Fotos von Opfern des Anschlags in Christchurch zeigen.
  • ZAPP vermeide die Bilder des Täters von Neuseeland, zeige aber sowohl den norwegischen Massenmörder Anders Breivik als auch den Attentäter vom Breitscheidplatz, Anis Amri, inklusive Namensnennung.
Über beides hat sich die Redaktion gemeinsam mit der Autorin viele Gedanken gemacht.
Die Fotos sind von einem US-amerikanischen Jura-Professor der University of Detroit, Khaled Beydoun, zusammengetragen worden, um die Geschichten der Opfer zu erzählen. Im CNN-Interview erklärt er sein Vorgehen, sein Ziel und weist darauf hin, dass er mit den Angehörigen Kontakt hatte. Auch die BBC hat die Opferbilder veröffentlicht und mit den Familien vorher gesprochen. Da auch ZAPP sich in dem Beitrag dafür stark macht, sich statt mit dem Täter mit den Opfern zu beschäftigen, haben wir die Bilder in diesem Fall bewusst genutzt.
Die Fotos von Breivik und Amri haben, nicht zuletzt auch durch die mediale Verbreitung, eine Art ikonografischen Status. Jeder kennt sie, jeder weiß, was sie getan haben. Deshalb waren sie für uns ein gutes Beispiel für eine mediale Inszenierung. Zudem kann man beispielhaft an ihnen erkennen, dass in der Zwischenzeit ein Umdenken eingesetzt hat: Auch ZAPP hatte damals Anders Breivik nach der Tat offen gezeigt, die Tagesthemen Anis Amri immer wieder in Beiträgen genannt und seine Fotos verwendet. Anders nun beim Attentat von Christchurch. Weder ZAPP noch die Tagesthemen, noch viele andere Medien haben ein Foto des Attentäters von Neuseeland gezeigt - und damit verhindert, dass sein Gesicht diese Bekanntheit erlangen kann.         

Darauf gilt es zu achten - den Absichten des Täters so wenig wie möglich Vorschub zu leisten. In diesem Sinne sind bei diesem Anschlag auch die sozialen Netzwerke in der Kritik. Bevor Facebook von der neuseeländischen Polizei auf das Video aufmerksam gemacht wurde, war es Tausende Male geteilt  worden. Facebook beteuerte daraufhin, in den ersten 24 Stunden nach dem Attentat anderthalb Millionen Videos entfernt zu haben, davon über eine Million vor dem Upload. Trotzdem wird es ständig neu hochgeladen.

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"Medien dürfen sich nicht zu Helfershelfern machen lassen und die Propaganda verbreiten", meint der Medienwissenschaftler Stephan Weichert.

"Die Unternehmen stehen da vor einer riesigen technischen Herausforderung", erklärt Stephan Weichert. "Man kann solche Inhalte leicht duplizieren, man kann sie  leicht  modifizieren. Und sie werden dann eben nicht mehr durch die Filtersysteme erkannt. Das heißt, egal, welches Erkennungsmerkmal ich einem Video zuweise, Tonerkennung, Bilderkennung, kann schon durch ein leichtes Manöver, indem ich es von  einem Bildschirm abfilme oder andere Sequenzen einbaue, so verändert werden, dass es durch die Filter der Algorithmen durchrutscht."

Extremisten aller Couleur

Ein weiteres großes Problem sind die sogenannten Image-Boards wie 8chan. Hier findet überhaupt keine Kontrolle statt. Betrieben oft von Unbekannten und angelehnt an das sehr freie amerikanische Recht der Meinungsfreiheit tummelt sich zum Beispiel auf 8chan eine Mischung aus Rassisten, Frauenfeinden und  Extremisten aller Couleur. Die Nutzer: hauptsächlich junge weiße Männer.

Zu ihnen zählte wohl auch der Attentäter von Christchurch,  hier lud er sein "Manifest" vor der Tat hoch, ein rassistisches Pamphlet, geschrieben im Slang der 8chan-Nutzer und angelehnt an sein großes Vorbild, Massenmörder Anders Breivik aus Norwegen.  

Angesichts der vielen Möglichkeiten, im Dschungel der unterschiedlichen Medien Gehör und einen Resonanzraum für den eigenen Geltungswahn zu bekommen, scheinen die Möglichkeiten der klassischen Medien eingeschränkt. Doch Stephan Weichert sieht deren Rolle als umso verantwortungsvoller an: "Umso mehr Menschen soziale Medien nutzen, desto unwichtiger werden klassische Medien im Nutzungssinne. Doch inhaltlich, redaktionell werden sie natürlich umso wichtiger, weil sie Dinge nach wie  vor einordnen können, sie gehen ihrer Chronistenpflicht nach, sie üben einen professionellen Beruf in der Auswahl dieser Inhalte aus."

"Sprecht die Namen derer aus, die gestorben sind"

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"Sprecht die Namen derer aus, die gestorben sind" - Jacinda Ardern, Neuseelands Regierungschefin, wiell dem Attentäter keine Bühne geben.

Währenddessen zeigt die Regierungschefin in Neuseeland, wie sie mit der Inszenierung des Täters umgeht. In ihrer Regierungserklärung sagt Jacinda Ardern: "Der Attentäter wollte mit seinem Terror vieles erreichen - auch Bekanntheit. Deswegen werde ich niemals seinen Namen erwähnen. Er ist ein Terrorist. Ein Krimineller. Ein Extremist. Aber wenn ich spreche, wird er namenlos sein. Und andere flehe ich an: Sprecht die Namen derer aus, die gestorben sind. Nicht den Namen des Mannes, der sie getötet hat."

Anmerkung der Redaktion: Ein Teil des Weiterbildungsprogramms Digital Journalism Fellowship von Stephan Weichert an der Hamburg Media School wird von Facebook finanziert.


21.03.2019 00:11 Uhr

In einer vorherigen Version hatten wir geschrieben, der Studiengang würde komplett von Facebook finanziert. Das ist falsch, es handelt sich um einen Teil des Weiterbildungsprogramms. Wir entschuldigen uns für diesen Fehler.

 

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 20.03.2019 | 23:20 Uhr