Stand: 20.12.2018 13:30 Uhr

Szenische Dekonstruktion: die Print-Reportage und die Fakten

von Annette Leiterer
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ZAPP Redaktionsleiterin Annette Leiterer.

Wenn ein ganz offensichtlich erzählerisch sehr begabter junger Reporter in der renommierten Reportage-Redaktion im Ressort Gesellschaft beim "Spiegel" offenbaren muss, dass große Teile seiner Geschichte erfunden sind, ist das vor allem tragisch - am meisten für ihn selbst. Laut dem Magazin, das den Betrug selbst offensiv aufgedeckt hat, war es seine "Angst vor dem Scheitern", die ihn dazu brachte.

Er ist weder der erste noch der einzige Journalist, der sich angeblich selbst Erlebtes ausgedacht hat. Der TV-Journalist Michael Born inszenierte ganze TV-Beiträge, was 1996 aufflog. Der "Borderline-Journalist" Tom Kummer musste im Jahr 2000 zugeben, Interviews erfunden zu haben. Ein junger "Spiegel Online"-Journalist musste sich im Jahr 2010 vorwerfen lassen, er habe eine ganze Reihe von Zitaten in Artikeln nur ausgedacht und wechselte den Beruf. Alle Fälle erregten Aufsehen.

Journalisten unter Generalverdacht

Aber es war nicht 2018 - ein Jahr, in dem zwar nicht wenige Menschen bildlich belegen, was sie zu Mittag essen, aber dennoch auch hierzulande Lügen bei immer mehr Menschen an Akzeptanz gewinnen und Belege des Gegenteils kaum durchdringen. Journalisten müssen ihr Handwerk verteidigen, mehr denn je belegen, was sie berichten und häufiger kritische Zuschauer- oder Leserinnenfragen beantworten. Eben deshalb ist heute die Offenlegung falscher Geschichten im "Spiegel" besonders tragisch, weil es den Journalismus dort trifft, wo er seit spätestens 2014 immer wieder attackiert wird: bei der Glaubwürdigkeit.

Und es trifft eine besondere Spielart: die Reportage. Im Print bekam diese Königsdisziplin bereits 2011 einen Dämpfer nachdem René Pfister vom "Spiegel" als Preisträger des renommiertesten aller Reporterpreise, dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, ganz offen erklärte, nie im Keller des Horst Seehofer bei seiner Modelleisenbahn gewesen zu sein. In seinem Text las es sich anders. Nun hat René Pfister sich weder Horst Seehofer (wer könnte das schon?) noch seine Modelleisenbahn ausgedacht. Beide sind nachweislich vorhanden und Pfister passt keinesfalls in die Reihe der oben Genannten. Aber er war eben nicht dort und bekam den Preis von der Jury aberkannt. Damals wehrte sich "der Spiegel" und erklärte, die Aberkennung sei aus Sicht des Verlages "nicht nachvollziehbar".

"Freude über gute Ware"

Die nachfolgende Debatte über den Wert des selbst Erlebten in Printreportagen ging schnell unter, aber eines blieb deutlich: Die geschriebene Reportage ähnelt in ihrer subjektiven Sichtweise der literarischen Reportage. Die Grenzen können verschwimmen. Die literarische Reportage richtet ihr Interesse häufiger aufs Detail, verdichtet mehr, gewichtet mehr. Im aktuellen Fall geht es genau darum: Die erzählerische Verdichtung, zum Beispiel durch Musiktitel, die wahlweise gesungen oder gesummt wurden, aber nie erklungen sind. Eben deswegen war der Autor auch so erfolgreich, weil er genau diese Kunst der Komposition hervorragend beherrscht. Der ehemaliger Ressortleiter Ullrich Fichtner erklärte jetzt seine "Freude über gute Ware", wenn er die Geschichten las.

Sollte nun also 2018 die dicht erzählte Reportage ihr Ende finden? Natürlich nicht! Aber es gibt Möglichkeiten, Reportagen anders zu überprüfen: Zum Beispiel sollte die Existenz der Protagonisten nachgehalten werden. Schließlich war es im vorliegenden Fall laut "Spiegel" eine der Protagonistinnen, die sich an das Blatt wandte. "Jan" von der Pressestelle der Bürgerwehr in Arizona fragte per Email, warum der Reporter nie bei ihnen gewesen sei für seinen Text "Jaegers Grenze". Warum bekommen nicht alle Protagonisten im Nachgang allein aus Wertschätzung eine Email mit dem Text? Das wird nicht in allen Fällen gehen und in Kriegsgebieten unter Umständen unmöglich sein. Aber der Versuch erscheint notwendig. Ebenso sollte es möglich sein, Handyfotos mitzubringen von Orten und Situationen. Wenn sich das teils ungesunde Misstrauen der Leserschaft verwandeln soll, braucht es mehr gesundes Misstrauen in der Redaktion, auch sich selbst und "guter Ware" gegenüber.