Stand: 15.04.2020 10:00 Uhr

Syrien: Trügerische Ruhe durch Corona

von Caroline Schmidt

In die syrische Region Idlib bringt das Coronavirus auf den ersten Blick Ruhe: Der Waffenstillstand zwischen den Kriegsparteien hält auf einmal viel länger als erwartet. "Je mehr die Russen und die Iraner mit der Bekämpfung des Coronavirus beschäftigt sind", sagt Jameel, "desto ruhiger bleibt die Lage hier." Jameel ist Kriegsreporter. Er arbeitet für den Internetsender Orient-News und berichtet seit Jahren über Assads brutales Vorgehen in der Hoffnung, dass die Welt endlich einschreitet - auch jetzt noch.

Ausbruch wäre "verheerend"

Syrien: Trügerische Ruhe durch Corona

ZAPP -

Das Coronavirus hat zwischen den Kriegsparteien in Syrien erst einmal für weitgehende Waffenruhe gesorgt. Doch die letzten Journalisten in Idlib sitzen dennoch in der Falle.

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Je mehr sich die Kriegsparteien um das Coronavirus kümmern müssen, desto ruhiger die Lage für Jameel in Idlib.

Denn die Waffenruhe wird oft gebrochen, Scharmützel gibt es hier und da. Assad, davon geht Jameel aus, würde lieber heute als morgen Idlib einnehmen. Corona bedeutet für Jameel eine Pause vom Krieg, allerdings keine gute. Er habe "so viel Leid erlebt", dass er sich um sein "persönliches Leben" keine Gedanken mache. Doch für all die Menschen in den Flüchtlingslagern wäre ein Ausbruch des Virus "verheerend": "Ich mache mir Sorgen um diese Menschen, für die wir hier doch alles Erdenkliche getan haben, um sie am Leben zu halten."

Jameel ist wie 1,5 Millionen Syrer seit Jahren auf der Flucht - von Ort zu Ort - von Wohnung zu Wohnung. Immerhin kann er sich überhaupt noch eine Wohnung leisten und im Moment hier ganz normal arbeiten.

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Für Oliver Mayer-Rüth sind die Journalisten in Idlib "Helden".

ARD-Korrespondent Oliver Mayer-Rüth ist immer wieder zu Besuch in Idlib, berichtet über die riesigen Flüchtlingslager vor der Stadt, wie etwa Anfang März. Er kennt auch die Arbeit der Journalisten hier: Das seien "Helden", sagt er, "die da immer noch aufstehen und berichten über das Regime oder über irgendwelche Terrorgruppen, die dort unterwegs sind". Das erfordere schon "sehr, sehr viel Mut", denn in Kriegsgebieten können kritischen Berichte "lebensgefährlich" sein.

Home Office im Kriegsgebiet

Hier im Kriegsgebiet in der Region Idlib arbeitet auch sie: Muna, 25, Moderatorin und Autorin beim Radiosender Watan FM. Seit Corona nur noch aus dem Home Office, denn sie hat große Angst vor dem Virus. "In den letzten zwei Jahren habe ich viel durchgemacht und habe dadurch an Gewicht viel verloren", sagt sie: "Schon eine leichte Erkältung lähmt mich monatelang."

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Weitermachen bis zum Ende: Muna.

Muna ist wie Jameel seit Jahren auf der Flucht. Sie kommt eigentlich aus einer Stadt südlich von Idlib. Dort hat sie angefangen, Reportagen über Assads Vormarsch zu schreiben. Nach einem schweren Angriff erschien ihr erster Bericht. "An jenem Tag fielen viele Bomben", erzählt sie uns, "am Anfang wussten wir nicht, wer dahintersteckte". Die Situation sei "chaotisch" gewesen. "Die Stimmung war furchterregend für mich."

In ihren Radiokommentaren geht sie einen Schritt weiter, kritisiert den Bombenkrieg und die Menschenrechtsverletzungen. Das bringt sie immer wieder in Gefahr. Sie bekommt Drohungen von Assad-Anhängern. Die schrieben ihr "Wir werden euch kriegen, wir werden euch schlachten".

Die letzte Rebellenhochburg

Idlib ist die letzte Region, in der sich noch Assad-Kritiker aufhalten können. Hierhin haben sich insgesamt 400 Journalisten geflüchtet. Auch Jameel gibt denen eine Stimme, die Assad anklagen. Auch er wurde schon oft bedroht und "terrorisiert". Eines Tages, als er nach einer Reportage zurück nach Hause kam, sei sein Auto in die Luft gesprengt worden.

Denn auch in der Rebellenhochburg Idlib sind Assad und seine Anhänger nicht weit. Es gebe viele Zivilisten, berichtet Jameel, die für Assads Regierung arbeiten und über die Sozialen Netzwerke kommunizieren. "Sie führen unterschiedliche Befehle durch wie die Ermordung von Rebellen Aktivisten oder von Journalisten." Es könne sein, dass er "so einem Informanten" begegne, ohne ihn als solchen zu erkennen.

ARD-Korrespondent Mayer-Rüth teilt diese Einschätzung. "Der Geheimdienstapparat des syrischen Regimes ist sehr, sehr groß", sagt er uns. "Da wird ständig verfolgt, was solche regimekritischen Medienschaffenden in Syrien veranstalten. Die gucken sich das genau an. Die wissen auch genau, wer diese Leute sind."

In der Falle

Noch hält die Waffenruhe. Und dank Corona länger als erwartet. Aber sobald Assad und seine Verbündeten Corona im Griff haben, davon gehen hier viele aus, werden Assads Truppen Idlib wahrscheinlich einnehmen und seine Kritiker verhaften. Reporter wie Muna und Jameel würden fliehen, wenn sie könnten. Doch auf der einen Seite stehen heute Assads Truppen, und auf der anderen Seite ist die Türkei, die sie nicht mehr reinlässt.

Also machen beide weiter, berichten, schreiben, kommentieren. "Wo soll ich auch hin?", sagt Jameel, "es gibt keinen sicheren Ort." Falls er die Offensive überlebe, werde er sehen, wo er hingehe. Auch sie könne nichts von ihrer Arbeit abhalten, sagt Muna, "außer der Tod".

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ZAPP | 15.04.2020 | 23:20 Uhr