Stand: 13.02.2018 18:39 Uhr

Steingarts Rechnung ging nicht auf

von Marvin Milatz und Lena Paul
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Nicht zuletzt über sein "Morning Briefing" gestürzt: Gabor Steingart, künftig ehemaliger Herausgeber des "Handelsblatts".

Das "Handelsblatt" hat sein prominentes Gesicht verloren: Am 8. Februar vermeldete Spiegel Online das nahende Ende von Gabor Steingarts Herausgeberschaft bei Deutschlands größter Wirtschaftszeitung. Der vermeintliche Kündigungsgrund: Einen Tag zuvor hatte Steingart in seinem Morgen-Newsletter "Morning Briefing" dem SPD-Politiker Martin Schulz bildmalerisch das Planen eines perfiden Mords an Sigmar Gabriel angedichtet - gemeint war die Entmachtung von Schulz’ einstigem politischem Gönner. Diese Stilblüte soll dem "Handelsblatt"-Verleger Dieter von Holtzbrinck zu weit gegangen sein. Per Brief habe er sich bei Schulz persönlich entschuldigt und darauf im Aufsichtsrat das Ende der Ära Steingart eingeläutet, so Spiegel Online weiter.

Reaktionen auf Steingarts Abberufung

Wer regelmäßig Steingart gelesen hat, den dürften solche Formulierungen nicht erstaunen. War doch die Grundidee des "Morning Briefing", pointiert in den Tag zu führen. Doch als sich die Spiegel-Meldung am Tag darauf bestätigte, gab es kein Halten mehr: Jeder Satz aus einer "Handelsblatt"-Pressemitteilung oder Steingarts Mord-Metapher wurde interpretiert wie in einer medialen Bibelstunde. Dieter von Holtzbrinck geriet sofort in Verdacht, mit seiner Entscheidung Politikerwünschen nachzueilen.

Spätestens als bekannt wurde, dass "Handelsblatt"-Chefredakteur Sven Afhüppe mit Miriam Meckel, Herausgeberin der "Wirtschaftswoche" ("WiWo"), und Beat Balzli, Chefredakteur der "WiWo", einen Brandbrief für die Pressefreiheit an Verleger von Holtzbrinck geschrieben hatten, überschlugen sich die Mediendienste mit Interpretationen: politische Einmischung.

Ein Facebook-Post von Heinz-Christian Strache.

Durchgezappt

ZAPP -

PR-Stunt der Woche: Die AfD will eine Medienoffensive starten, mit eigenem Newsroom und Fernsehstudio - weil sie in den Medien kaum stattfindet. Und die SPD konkurriert mit griechischen Tragödien.

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Die Auflage sank und sank

Bestätigt ist davon allerdings nichts. Bei all der Wortklauberei lohnt der Blick auf das, was da ist, umso mehr: Denn die Geschäftszahlen zeigen, dass Steingart zwar viel Neues anstieß, aber bei Weitem nicht alle Löcher stopfen konnte.

Seit April 2010 stand Steingart an der Spitze des "Handelsblattes". Erst als Chefredakteur, seit Januar 2013 als Verleger. Zwar gelang es unter seiner Führung, die Abo-Zahlen stabil zu halten - was im heutigen Medienmarkt durchaus eine Leistung ist. Doch das Schrumpfen der Printauflage stoppte er nicht.

Laut der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) verlor das "Handelsblatt" unter Steingart als Verleger rund 40 Prozent seiner gesamten Druckauflage. Im zweiten Quartal 2017 unterschritt die Auflage sogar erstmals die 100.000er-Marke. Das "Handelsblatt" steht damit nicht alleine da. Auch bei der Konkurrenz im überregionalen Tagesgeschäft schrumpft die Auflage seit Jahren.

Die wachsende Zahl an E-Paper-Abos wirkt dagegen wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Zwar verdreizehnfachte sich die E-Ausgabe unter Steingart, lag zuletzt bei 37.940 Abos. Allerdings kosten E-Paper beim "Handelsblatt" auch nur die Hälfte eines Printabos. Wenn ein Verleger sieht, dass das Hauptgeschäft einbricht, sind personelle Konsequenzen nicht ungewöhnlich.

Die Global Edition findet keine Leser

Dabei hat sich Steingart beim Anzapfen neuer Geldquellen alles andere als einfallslos gezeigt. Mit Tempo schob er viele neue Projekte an, verkaufte etwa das Wissen seiner Journalisten auf Panels und exklusiven Treffen im hauseigenen Wirtschaftsclub. Businessjournalismus live, wie ihn die internationale Konkurrenz der "Financial Times" aus London vorlebt.

Wie viel dieses neue Geschäft einspielt, erfuhr die Öffentlichkeit bisher nicht. Da jeder Abonnent erst einmal ohne weitere Kosten Clubmitglied werden kann, dient diese Maßnahme wohl auch der Blattbindung - ohne Zusatzeinkommen. Was allerdings nicht funktioniert hat, ist die von Steingart ins Leben gerufene englischsprachige Digital-Ausgabe. Seit 2014 gibt es die Global Edition, laut "tageszeitung" (taz) kostet sie den Verlag jährlich einen Millionenbetrag.

Nur findet sie kaum noch Leser, zeigt die ZAPP-Analyse: Binnen zwei Jahren fiel die Anzahl der Besucher des internationalen "Handelsblatt"-Angebots rasant von etwa 220.000 monatlichen Visits im Januar 2016 auf nur noch 10.500 Visits im Januar 2018.

 

Zu visionär für den eigenen Verleger?

Im "taz"-Gespräch mit dem Journalisten Daniel Bouhs (auch Autor bei ZAPP) beschrieb Steingart im Dezember 2017 seine Vision für den globalen Ausbau des "Handelsblattes". Steingart wolle "die Elite von Wirtschaft und Politik auf der Welt" zu seinen Lesern machen. Das klingt groß, größer zumindest als 10.000 monatliche Visits. Womöglich war Steingart damit zu visionär für seinen 76-jährigen Verleger.

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"Differenzen in wesentlichen gesellschaftsrechtlichen Fragen" - in der Begründung für die Entlassung Steingarts bleibt Dieter von Holtzbrinck schwammig.

Der medienscheue von Holtzbrinck hat sich noch nicht weiter geäußert. Auch Steingart ist für die Öffentlichkeit nicht zu erreichen. Die Gründe, die Verleger von Holtzbrinck für die Entlassung anführt, sind schwammig. Von "Differenzen in wesentlichen gesellschaftsrechtlichen Fragen" ist da die Rede. Und "einer - nicht generellen, aber im Einzelfall - unterschiedlichen Beurteilung journalistischer Standards". Mit Letzterem könnten die Spitzen gemeint sein, die Steingart gegen Martin Schulz schoss. Der ganze Rummel fußt auf der Interpretation weniger Sätze und viel Hörensagen.

Der Mediendienst Kress verbreitete am 13. Februar zudem die Information, dass Steingart im Jahr 2020 sowieso aussteigen wollte und sich beim "Handelsblatt" kaputt gearbeitet hätte. Das Handelsblatt hat diese Information am 14. Februar bestätigt: "Der Vertrag von Gabor Steingart wäre regulär im Jahr 2020 ausgelaufen. Er hat immer wieder, auch im Beisein der Handelsblatt-Redaktion, betont, dass er mit Erfüllung des Vertrags in 2020 seine Tätigkeit als Vorsitzender der Geschäftsführung auf Verlagsseite zwar niederlegen - jedoch weiterhin seine Tätigkeit als Herausgeber des Handelsblatts ausüben und verstärkt publizistisch tätig sein wollte.

Im Moment äußert sich Steingart nicht, aber wenn er sich treu bleiben sollte, wird das nicht so bleiben. Dazu hat er sich auch eigens die Rechte an seiner Morning-Briefing-Leserschaft gesichert. Ob und wie er diese als Privatier allerdings bedienen werden darf, werden wohl erst noch Vertragsrechtler klären müssen. Schließlich haben diese beim "Handelsblatt" ihre Datenschutzrichtlinie unterzeichnet, nicht bei Steingart.

Weitere Informationen
05:21

Interview mit Gabor Steingart

09.02.2011 23:05 Uhr

Interview mit dem Chefredakteur des Handelsblattes zum Zapp Beitrag "Die männliche Meinungsmacht in den Medien". Video (05:21 min)

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 14.02.2018 | 23:20 Uhr